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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 19.02.2016

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 19.02.2016:

Börsenbrief Heibel-Ticker
Heibel-Ticker

Stephan Heibel - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit März 2000

Verfeindete Ölförderländer reden miteinander

Endlich. Der Ölpreis ist um 16% nach oben geschossen, der DAX konnte in der abgelaufenen Woche um 8,1% zulegen. Nachdem wir seit Jahresbeginn Woche für Woche heftige Kursverluste mit ansehen mussten, erfolgte nun eine heftige Gegenbewegung.

Die Gerüchte um das Treffen Russlands und Saudi Arabiens bewahrheiteten sich sodann mit einiger Verspätung. Die beiden Parteien beschlossen, ihre Fördermengen auf dem Januar-Niveau konstant zu halten. Schauen wir uns einmal die letzten verfügbaren Förderzahlen an:



Abbildung 1: Fördermenge Öl im Oktober 2015

Saudi Arabien und Russland sind die mit Abstand größten Ölförderländer, gefolgt von den USA. Nach China kommen dann Iran und Irak. Im Irak ist die tägliche Fördermenge in den vergangenen Jahren kontinuierlich angestiegen, irakisches Öl erobert sich immer mehr Marktanteile, sehr zum Leidwesen der anderen Ölförderländer. Und nun kommt der Iran hinzu, da die Sanktionen gegen den Iran nun aufgehoben wurden. Diese Woche liefen die ersten beiden vollbeladenen Öltanker im Iran aus, Ziel Europa.

Iran ist nun das Sorgenkind der Ölbranche: Der Iran wird sich mit seinen Öllieferungen Marktanteile zurückerobern. Da ohnehin schon zu viel Öl produziert wird und sämtliche Öl-Vorratsspeicher inklusive vieler Öl-Tanker, die vor Küsten vor Anker liegen, voll sind, steigt das Überangebot mit jedem Tag, an dem der Iran seine Infrastruktur weiter ans Netz anschließt. Die Öllagerung wird teuer, es ist absehbar, dass dieser ruinöse Preiskampf irgendwann Insolvenzen nach sich ziehen wird.

Insolvenzen von Ölkonzernen, oder aber auch von Staaten, die zu stark von den Öleinnahmen abhängig sind. Nun, von einer Insolvenz Saudi Arabiens oder Russlands sind wir noch weit entfernt, aber die Verluste schmerzen doch erheblich, sodass ein Ausweg gesucht wird. Wie sonst ist es zu erklären, dass sich die beiden Kontrahenten plötzlich verständigen.

Denn in Syrien bombardiert Russland den IS sowie die Kritiker des Assad-Regimes und damit genau diejenigen, die von Saudi Arabien unterstützt werden. Der Iran hat ebenfalls eigene Vorstellungen über eine Zukunft Syriens, bekämpft derzeit aber immerhin teilweise die gleichen Gruppen wie Russland. Nun sollen gerade diese drei Parteien eine Einigung über die täglichen Ölfördermengen finden. Hört sich ziemlich kompliziert an.

Direkt nach der russisch-saudischen Vereinbarung flog eine Delegation nach Teheran, um den Iran mit an Bord zu holen. Dies misslang jedoch. Wenig später ließ aber der Iran verlauten, dass man das Einfrieren der Ölfördermengen für einen richtigen Schritt halte. Immerhin: ein paar freundliche Worte, ohne jedoch eine Zusage zu machen, ob man selbst daran teilnehmen werde.

An den Ölmärkten wurden diese Entwicklungen als Zeichen gesehen, dass bei einem Ölpreis unter 30 USD/Fass WTI sogar verfeindete Staaten miteinander zu sprechen beginnen. Das ist zumindest mal ein Anfang. Mit einer konstanten Fördermenge wird sich das derzeitige Überangebot an Öl nicht beheben lassen, zumal inzwischen sogar Rezessionsängste kursieren. Doch auch wenn noch keine Lösung gefunden wurde zeigten die Vorgänge doch, dass bei einem Ölpreis unter 30 USD/Fass eine Schmerzgrenze überschritten, bzw. in diesem Fall unterschritten wurde.

Neben dem Iran hat Brasilien inzwischen mit der Förderung des Tiefseeöls vor der eigenen Küste begonnen, und Kanada hat eine gut funktionierende Ölsand-Industrie. Eine schnelle Lösung des Überangebots an Öl ist ziemlich kniffelig, wenn nicht gar unmöglich.


FED SPRICHT MIT VIELEN ZUNGEN

Nachdem US-Notenbankchefin Janet Yellen vor zehn Tagen zwei Vormittage in Washington Rede und Antwort stand, waren die Hoffnungen auf eine Rücknahme der Ankündigung weiterer vier Zinserhöhungen für das laufende Jahr zunichte gemacht. Yellen blieb bei ihrer Aussage, dass man jeweils die aktuellen Konjunkturdaten konsultieren werde und wies immer wieder auf die rückläufige Arbeitslosenquote hin. Wenngleich niemand mehr mit einer Zinsanhebung im März rechnet, so besteht dennoch eine gewisse Unsicherheit über den weiteren Fahrplan der Fed.

Die Fed ist ein demokratisches Gremium, und Chefin Janet Yellen neigt nicht zu einem autoritären Führungsstil, im Gegenteil. Es scheint sie nicht zu stören, dass täglich ein anderer Notenbankgouverneur sowie auch immer wieder Mitglieder des FOMC vor die Kameras treten und ihre eigenen Sichtweisen verbreiten. So gab James Bullard (St. Louis) gestern in einem Vortrag bekannt, er halte es für unvernünftig, bereits im März die nächste Zinserhöhung durchzuführen. Gestern widersprach John Williams (San Francisco) und betonte die Bedeutung der angestrebten Normalisierung des Zinsniveaus, sprich er forderte ein Festhalten an den beabsichtigten vier Zinsanhebungen für 2016, ungeachtet etwaiger konjunktureller Turbulenzen.

Es ist natürlich sehr beunruhigend, wenn sich die verantwortlichen Geldpolitiker so uneins sind. Es ist jedoch verheerend, wenn sie diesen Disput öffentlich austragen. Wenngleich also die vier Zinsschritte für 2016 nach den jüngsten Aussagen nicht in Stein gemeißelt sind, so ist dennoch die künftige Notenbankpolitik mehr als ungewiss und aufgrund der widersprüchlichen Aussagen ziemlich störend.


BERICHTSSAISON

Derweil läuft die Berichtssaison auf Hochtouren. Knapp die Hälfte der europäischen Unternehmen haben inzwischen Quartalszahlen zum Q4 2015 gemeldet, und 53% haben beim Gewinn positiv überrascht. Das entspricht der Norm, bislang ist also von einer Verschlechterung nichts zu sehen. Beim Umsatz liegt die Entwicklung sogar etwas besser als in den vergangenen Quartalen.

Doch die Quartalszahlen zeigen das Bild der Wirtschaft bis Ende 2015. Die jeweiligen Unternehmensausblicke jedoch waren deutlich weniger optimistisch. Der DAX war seither um 15% eingebrochen (aktuell nur noch -12%).

Angefangen hat die Commerzbank, die ihren Gewinn vervierfachen konnte. Der Marathon von CEO Blessing scheint sich gelohnt zu haben. Es folgte HeidelbergCement mit einem überraschend hohen Gewinn aufgrund des niedrigen Ölpreises. Getrübt wurde das Bild durch Beiersdorf, die wider Erwarten keine Dividendenerhöhung ankündigten. Zwar läuft das Geschäft rund, und aufgrund des niedrigen Ölpreises, einer der Hauptkostenfaktoren für Beiersdorf, war der Gewinn um 15%, der Umsatz um 5% angestiegen. Aber das Geschäft mit Tesa läuft nicht so, wie sich das der Vorstand wünscht. Vielleicht hält er die Mittel bei Tesa für besser investiert, als die Dividende zu erhöhen.

In der zweiten Reihe sorgten Stabilus (Gasfedern für Kofferraumdeckel) und Büromöbelanbieter Takkt mit überraschend guten Quartalszahlen für gute Laune. Heute folgten sodann noch Pfeiffer Vacuum (Vakuum-Pumpen) und Fuchs Petrolub (Schmierstoffe) mit ebenfalls guten Zahlen. Wenn man sich diese Zahlen anschaut, ist der Kurseinbruch zum Jahresbeginn nicht nachvollziehbar.

Schauen wir uns einmal an, wie sich die wichtigsten Indizes im Wochenvergleich entwickelt haben:

WOCHENPERFORMANCE DER WICHTIGSTEN INDIZES

Mit +8,1% führt der DAX die Gewinnerliste an, nur übertroffen vom Öl, das um 15,9% ansprang. Dow Jones und Nikkei haben ebenfalls eine Gegenbewegung eingeschlagen, wobei in Japan die Gegenbewegung aufgrund einer offensichtlich kollabierenden Wirtschaftsleistung sehr schwach ausfiel.

Der Euro ist wieder zurückgekommen, nachdem zuvor schon das Ende der US-Dollarstärke ausgerufen wurde. Besonders bemerkenswert ist der Anstieg im Baltic Dry Verschiffungsindex, der erstmals seit Jahresbeginn ein Lebenszeichen aussendet.

Haben wir nun den Boden gesehen? Oder handelt es sich um eine kleine Zwischenerholung? Nun,klein ist die Zwischenerholung nicht, doch jede Baisse wird von heftigen Gegenreaktionen unterbrochen. Viele der drängendsten Probleme der Finanzmärkte sind adressiert, aber eine Lösung ist dennoch nicht in Sicht. Ich werde in Kapitel 04 näher auf meine Erwartungen für die kommende Woche eingehen.

Schauen wir nun zunächst einmal auf das Sentiment, die Stimmung unter den Anlegern.
 

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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