War die Erholung doch zu voreilig?

Veröffentlicht von Börsenwerte IF Verlag GmbH am 16.06.2020
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Austria Börsenbrief

Leitartikel von Franz C. Bauer


Das Auseinanderdriften von Stimmung und Fakten haben wir an dieser Stelle bereits mehrfach erwähnt. Die Aktienkurse erscheinen derzeit mehr liquiditätsgetrieben als von Fakten bestimmt. Dänemark hat nun noch einmal kräftig an der Liquiditätsschraube gedreht: Jeder Däne soll 1380 Euro erhalten – sozusagen „bar auf die Hand“ bzw. aufs Konto. Das Geld stammt aus einer Art Rentenkasse, in der die Regierung zurückbehaltenes Urlaubsgeld gesammelt hat und das ursprünglich für eine zusätzliche Abfertigung reserviert war.

Da dieses Geld nach derzeitigem Stand breit verteilt werden soll, handelt es sich um die erste Art von „Helikoptergeld“ in Europa. Ist das sinnvoll? Unsinn? Oder gar ein Alarmzeichen? Zunächst einmal zur Definition von Helikoptergeld. Der Begriff stammt von dem (durchaus umstrittenen) US-Ökonomen Milton Friedman, der in einem Gedankenexperiment einen Helikopter über eine fiktive Gemeinde fliegen und dabei Geldscheine abwerfen ließ. Im Gegensatz zur heutigen Deutung, versuchte Friedman damit zu erklären, dass dieses „zugeflogene“ Geld praktisch keine nennenswerten Auswirkungen auf den Konsum haben werde. Heute hingegen wird Helikoptergeld als Variante betrachtet, die Kaufkraft zu stärken, den Konsum zu erhöhen und auf diese Weise nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik zu betreiben – konträr zu Friedmans angebotsorientiertem Ansatz einer Wirtschaftspolitik. Ökonomen nehmen eine durchaus unterschiedliche Position zum Thema Helikoptergeld ein, das ja auch von Donald Trump in Erwägung gezogen wurde. Problematisch ist jedenfalls das Signal.

Wenn der Staat seinen Bürgern eine nennenswerte Summe schenkt – ist das nicht ein Zeichen dafür, dass die wirtschaftliche Katastrophe naht? Nicht unbedingt, und im Fall Dänemarks wäre das Geld ja ohnedies irgendwann an seine Empfänger gelangt, nur eben später. Als Signal ist die Verteilung von Helikoptergeld allerdings mäßig erfreulich, weil es alles andere als Optimismus vermittelt. Pessimistisch klingt auch das jüngste Statement des Federal Open Market Committee „FMOC“, das die Offenmarktoperationen des US-Zentralbankensystems FED steuert.

Die anhaltende Gesundheitskrise werde schwer auf den wirtschaftlichen Aktivitäten, der Beschäftigung und der Inflation lasten, heißt es da. Für den Konjunkturausblick bedeute dies „considerable risks“ also beträchtliche Risiken, so das FMOC wörtlich. Daher werde der Zielkorridor für die federal funds rate bei Null bis einem Viertelprozent beibehalten. Angesichts der traditionell vorsichtigen Formulierungen dieser Institution ist das ein unüberhörbares Alarmzeichen, das im Gegensatz zur Kursentwicklung an der Wall Street steht.

War die rasche Erholung doch zu voreilig? Jedenfalls sackten die Kurse der US-Aktien, die ja die weltweite Erholung angeführt hatten, nach dieser Veröffentlichung deutlich ab. Tatsache ist, dass die Unsicherheit groß bleibt, und dem trägt auch die OECD Rechnung: Im „OECD Economic Outlook“ präsentierte die Organisation jüngst zwei Szenarien, nämlich eines, in dem die Pandemie langsam verebbt und eines, das von einer zweiten Welle im Hebst ausgeht – eine eindringliche Erinnerung daran, dass die Krise keineswegs bereits ausgestanden ist.
 

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