Das unabhängige Börsenbriefportal
Dummy user
Veröffentlicht von Stephan Heibel am 11.06.2010

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 11.06.2010:

Börsenbrief Heibel-Ticker
Heibel-Ticker

Stephan Heibel - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit März 2000

Schrittweise Besserung in Sicht

Drei von sieben Problembereichen zeigen Besserung Vor 10 Tagen habe ich die Banco Santander in die Vorschlagsliste der Wunschanalyse gestellt, denn ich hatte die Erwartung, dass sich die Schuldenkrise Europas über die kleinen Länder hinweg auf den größten Problemstaat Spanien konzentriert, und dort ist eben die Banco Santander die größte Bank. Seit meiner Analyse vor zwei Tagen ist die Aktie bereits um 17% gestiegen: Ein Schlüssel der Euro-Schuldenkrise zeigt also an, dass die Probleme gelöst werden können.

Gleich zwei positive Meldungen kamen aus dem Haus in Santander: Das Unternehmen kaufte für 2,5 Mrd. Euro in bar fehlende Anteile an einer mexikanischen Tochter. Wenn die Bank, wie von vielen Spekulanten angenommen, Liquiditätsprobleme hätte, dann würde sie nicht so große Käufe tätigen und darüber hinaus noch in bar bezahlen. Und heute gab der Chef des Unternehmens bekannt, dass der diesjährige Gewinn mindestens auf dem Niveau des Vorjahres liegen würde, und das trotz der Schuldenkrise Europas. Außerdem werde auch das nächste Jahr nicht schlechter ausfallen, und er versicherte, die hohe Dividende von derzeit 8% auszahlen zu können. Entweder die Bank steht mit dem Rücken zur Wand und setzt ein Pokerface auf, um Short-Spekulationen zu unterbinden. Oder aber die Short-Spekulanten haben sich gründlich geirrt, und die Banco Santander steht gesünder da, als viele meinen. Ich tippe auf letzteres. Das könnte das lang ersehnte Signal sein, dass die Schuldenkrise in Europa Dank des 750 Mrd. Euro Rettungspakets unter Kontrolle ist. Eines meiner kritischen Probleme, die verantwortlich sind für die derzeitig schwache Börse, scheint gerade gelöst zu werden. Das zweite Problem, ein vermeintliches Abwürgen der chinesischen Wirtschaft durch die restriktive Geldpolitik, hat sich meines Erachtens vorgestern ebenfalls in Luft aufgelöst. Kunden des Heibel-Ticker PLUS habe ich gestern ein entsprechendes Update geschickt. China hat die steigenden Immobilienpreise gesehen und musste feststellen, dass der Konjunktur-Stimulus in diesem Bereich übertrieben war. So versuchte man einen Immobilienboom à la USA, Spanien und Großbritannien bereits im Keim, also vor dessen Entstehen, zu ersticken, ohne den Wirtschaftsaufschwung zu beeinträchtigen. Ich hatte dies mehrfach beschrieben – keine andere Publikation hat diesen kleinen Unterschied herausgearbeitet. Und vorgestern wurde seitens Chinas vermeldet, dass die Konjunktur robust ist, während gleichzeitig die Immobilientransaktionen um 80% gegenüber dem Vorjahr zurück- gegangen waren! Na, was wollen wir mehr? Und gestern setzte China noch eins oben drauf; es wurden die Import- und Exportzahlen veröffentlicht. Diese fielen um 50% höher aus als von Beobachtern erwartet. China ist wieder rege am Welthandel beteiligt. Die Kommentare zu diesen Zahlen waren ziemlich lächerlich: Ich habe Publikationen gelesen, in denen nur gefragt wurde, ob diese Zahlen denn „nachhaltig“ wären. Diese Frage geht meines Erachtens in der aktuellen Situation völlig am Thema vorbei, denn wir hatten Angst vor einer sich abschwächenden Wirtschaft in China. Es ist nun erwiesen, dass dies nicht geschehen ist. Diese Angst ist vom Tisch und wir können darauf zählen, dass der Wachstumsmotor Chinas einen positiven Einfluss auf Deutschland haben wird. Mit der Frage nach Nachhaltigkeit können Sie jede positive Meldung kaputt reden. Nach den schwachen Börsenwochen, die wir gerade durchlaufen haben, ist das nicht die gebotene Vorsicht, mit der solche Zahlen betrachtet werden, sondern in meinen Augen ist das eine Irreführung der Anleger, denen die positive Wirkung dieser Zahlen dadurch verborgen bleibt. Selbst der dritte Problembereich, der schwache Euro, präsentiert sich heute positiv. Die Marke von 1,21 USD/EUR kann heute behauptet werden, und der Euro notiert auf einem Wochenhoch. Ich halte an meiner Erwartung fest, dass wir schon bald einen wesentlich niedrigeren Euro-Kurs sehen werden, doch ein zu schnelles Abrutschen des Wechselkurses ist fatal für die Wirtschaft, die das eigene Geschäft kaum schnell genug entsprechend absichern kann. In den USA fragt man sich übrigens, ob die Stabilisierung des Euros auf das Verbot ungedeckter Leerverkäufe in Deutschland zurückzuführen ist. Spät aber immerhin, sie lernen es. Soweit meine momentan wieder recht optimistische Betrachtung der Börse. Meine pessimistischen Argumente, die verbleibenden Problembereiche, bespreche ich im nächsten Kapitel. Daraus leitet sich dann auch meine Erwartung für die nächsten Wochen und Monate ab. DWS CHEF KALDEMORGEN OPTIMISTISCH BIS 2013, DANACH ??? Ihr Autor bildet sich seine Meinung überwiegend durch das eigenständige Recherchieren. Es wird mir immer wieder bestätigt, dass sich dadurch ganz andere Betrachtungsweisen ergeben, Perspektiven, die in der Boulevard-Presse nicht zu finden sind. Ich meide daher Finanzmessen und andere Massenaufläufe von Anlegern. Doch manchmal muss auch ich unter Leute und so war ich diese Woche bei einer Vortragsrunde in Hamburg, wo Klaus Kaldemorgen, Chef der DWS, sprach. Wenn ich so wichtige Leute höre, stelle ich mir stets zwei Fragen: Ist er zufällig wichtig oder ist er tatsächlich intelligent? Und könnte er ein bestimmtes Ziel verfolgen, wenn er dies oder jenes sagt? Wenn ich diese beiden Vorbehalte von den Aussagen Kaldemorgens abziehe, dann komme ich noch immer zu einer wichtigen Erkenntnis: Auch Kaldemorgen sieht die Unternehmen in Deutschland als überwiegend gesund an. Und auch Kaldemorgen lehnt sich nur für drei Jahre aus dem Fenster, weiter will er nicht in die Zukunft blicken. Aktien sind seiner Ansicht nach derzeit extrem günstig bewertet, die Unternehmen schwimmen in Liquidität und werden diese mangels guter Investitionsmöglichkeiten eher in Übernahmen investieren. In den nächsten drei Jahren werden Sparanstrengungen der überschuldeten Industrieländer nur mäßiges Wirtschaftswachstum zulassen. Investitionen würden also schnell Überkapazitäten schaffen, daher dürften Unternehmen ihre Wachstumsambitionen eher durch Übernahmen von Wettbewerbern verfolgen. Auch das führt zu Gewinnanstiegen. Nach heutigem Stand sind die Finanzmarktregulierungen absolut unzureichend und das Finanzsystem wird uns irgendwann wieder um die Ohren fliegen. Nach heutigem Stand wird es zu einer Inflation von 4-5% p.a. kommen, und nach heutigem Stand werden Industriestaaten ihre Schulden niemals zurückzahlen. So die kurzgefasste Wiedergabe der Meinung von Kaldemorgen. „Nach heutigem Stand“ bedeutet in diesem Zusammenhang: Wenn wir die heutigen Entwicklungen linear in die Zukunft projizieren. Wenn also die Fehlentwicklungen, die wir heute erkennen, nicht korrigiert werden, und wenn die falschen Korrekturbemühungen nicht ebenfalls korrigiert werden, dann wird uns unser System in drei Jahren um die Ohren fliegen. Doch der Mensch ist kreativ, die Demokratie ist zwar langsam, aber leistungsfähig und in drei Jahren wird sich so viel ändern, dass eine lineare Projektion einfach nicht möglich ist. Seit 1998 höre ich immer wieder Crash-Propheten, die mit Argumenten wie „wo soll das nur hinführen“ oder „das ist alles nicht nachhaltig“ Panik verbreiten. Anleger werden dazu gebracht, ihre Aktien zu verkaufen und anschließend zuzusehen, wie die Börse Dank exorbitanter Gewinne der Unternehmen steigt, und steigt, und ihnen keine Chance mehr gibt, einzusteigen. Selten habe ich so viele besorgte Kundenfragen erhalten wie diese Woche. Viele wollten wissen, ob sie sich jetzt noch von allen ihren Aktien trennen und den Sommer abwarten sollten. Wenn Sie die Tagespresse lesen, dann müssen Sie sich stets daran erinnern, dass Angst und Schrecken sich besser verkauft, als heile Welt Geschichten. „China überrascht mit robusten Wirtschaftsdaten“ ist eine Überschrift, die Sie kaum dazu verleitet, am Kiosk stehenzubleiben und die Zeitung zu kaufen. „Ist Chinas Wachstum nachhaltig?“ lässt Sie viel eher einmal stehenbleiben. Die Ölkatastrophe in der Karibik führt zu einem Ausverkauf der Aktien von Ölkonzernen, denn höhere Auflagen könnten die Gewinne der Ölkonzerne in Zukunft schmälern. Wenn aber die Kurse der Ölkonzerne fallen, dann schließen die Revolverhelden der Finanzbranche, die Hedgefonds, flugs daraus, dass weniger Öl nachgefragt wird und shorten das Öl, der Ölpreis fällt sodann ebenfalls. Und wenn Aktien der Ölkonzerne sowie der Ölpreis selbst dick im Minus notieren, dann ist ja wohl bewiesen, dass die Weltwirtschaft Probleme haben muss, oder? Welche Zeitung will schon diese Kausalkette in eine Überschrift bringen, wenn man doch einfach schreiben kann „Energiesektor verkündet Weltwirtschaftsflaute“. Warum sollte also das 80 Mrd. Euro Sparpaket der Bundesregierung vorteilhaft dargestellt werden, wenn sich Schlagzeilen wie „Wahlbetrug“ oder „Die Armen trifft’s am schlimmsten“ wesentlich besser verkaufen lassen? Ist Ihnen übrigens schon mal aufgefallen, dass der Begriff „Sparen“ in der Politik bereits dann verwendet wird, wenn die Beschleunigung der neuen Schuldenaufnahme vermindert wird? Es ist also nicht die Rede davon, einen Heller in den Sparstrumpf zu stecken. Es ist auch nicht die Rede davon, die Neuverschuldung konstant zu halten, geschweige denn zu verkleinern. Man spricht in der Politik von „Sparen“, wenn der Zuwachs der neuen Schulden pro Jahr nicht 4% sondern „nur“ 3% beträgt. Auf diese Art und Weise würde ich mich sehr schnell zum Millionär sparen ;-) Doch daraus leitet Kaldemorgen eine wichtige Erkenntnis ab: Für die nächsten drei Jahren wird das Zinsniveau in Europa extrem niedrig bleiben. Für Deutschland würde ein Anstieg des Zinses seiner Anleihen um 1% eine jährliche Mehrbelastung von 80 Mrd. Euro bedeuten. Also pro Jahr etwa soviel, wie die Bundesregierung nun über die nächsten 5 Jahre „sparen“ möchte. Ließe die EZB also die Zinsen in der EU ansteigen, so hätte dies sofort drastische Folgen für sämtliche Staaten. Das Zinsniveau wird also niedrig bleiben müssen, politischer Druck hin oder her. Was in drei Jahren passieren wird, wenn die Zinsen nicht mehr weiter sinken können oder wenn sich zeigt, dass die Sparanstrengungen bei einigen Ländern nicht „nachhaltig“ durchsetzbar sind, das weiß auch Klaus Kaldemorgen nicht. Aber das muss er auch nicht, wir wollen ja unser heutiges System nicht in Stein meißeln. Und sodann können wir uns in drei Jahren den Status der EU erneut anschauen und entscheiden, was dann möglich ist, um weiterzumachen. Klingt alles etwas salopp formuliert, aber so ist es nun einmal. Seit ich die Börse intensiv verfolge, habe ich schon unzählige Male gehört, dass diese oder jene Entwicklung in einer Katastrophe enden werde. Doch Hand auf’s Herz: Für Sie persönlich: Wie stark leiden Sie unter den Folgen der Finanzkrise 2007 / 2008? Wie stark müssen Sie sich privat einschränken, um Ihren Lebensstandard halten zu können? Es gibt eine ganze Reihe von Menschen, Angestellten und Regionen, die stark von den Folgen der Finanzkrise getroffen waren, und ich möchte hier die Folgen für diese Menschen nicht klein reden. Doch volkswirtschaftlich gesehen geht es uns noch immer sehr gut. Ich würde ein in Stein gemeißeltes verlässliches und nachhaltiges System - Finanzsystem sowie Wirtschaftssystem – natürlich bevorzugen. Doch im demokratischen Prozess lassen sich selbst starre Strukturen langsam ändern. Und das wird von den meisten Crash-Propheten übersehen. Also: Es ist alles gar nicht so schlimm, wie uns in den Medien vorgetäuscht wird. Der DAX notiert nur knapp unter seinen Höchstständen und die vermeintlich unlösbaren Probleme lassen sich mit ein wenig Geduld doch lösen

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


Börsenbrief Heibel-Ticker
PDF
Kostenlose Leseprobe- Ausgabe als PDF
Jetzt downloaden

© Lettertest.de - Alle Rechte vorbehalten. Datenschutz Impressum Gütesiegel