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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 05.07.2013

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 05.07.2013:

Börsenbrief Heibel-Ticker
Heibel-Ticker

Stephan Heibel - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit März 2000

SAP unter der Lupe

Ich kenne SAP nun bereits seit meinem Studienbeginn 1990. Diverse Seminararbeiten und schließlich sogar meine Diplomarbeit über die damals neu entwickelte Software SAP R/3, öffneten mir anschließend die Tür als SAP-Berater im Hoechst-Konzern. Bis zum Jahr 2000 war ich an diversen SAP-R/3-Einführungen im Hoechst-Konzern beteiligt, zuletzt wurde ich sogar in die USA geschickt. Eine spannende Zeit, in der ich die Vorzüge der SAP-Lösung zu schätzen lernte.

VOM ERBSENZÄHLER ZUM WELTVERSTEHER

Um SAP zu verstehen lohnt sich der Blick in die Vergangenheit: Wo kommt SAP her? In den siebziger Jahren gründeten ein paar IBM-Mitarbeiter die SAP AG und konzentrierten sich auf die Abbildung der Finanzbuchhaltung in großen Unternehmen. Erst in einem zweiten Schritt folgte später die Abbildung der Geschäftsprozesse, die hinter den finanzbuchhalterischen Buchungen stecken.

Die Abbildung der Geschäftsprozesse, die Einbindung der Logistik uferte schnell aus, zu komplex waren die Anforderungen der Finanzbuchhaltung. In meiner Zeit entdeckten wir unzählige Prozesse, die sich schlicht in der Software nicht abbilden ließen. Irgendwo im Hoechst-Konzern saßen hemdsärmelige Buchhalter, die bei solchen Prozessen Taschenrechner zur Hilfe nahmen oder grobe Schätzungen eintrugen. Im Rahmen unserer SAP-R/3-Einführung wurden diverse Erweiterungen bei SAP beantragt und für uns entwickelt, sodass am Ende eine betriebswirtschaftlich vernünftige Einbindung gewährleistet war.

Insbesondere bei der Prozessindustrie wie der Chemie, traten große Probleme auf, wenn sich Öl in Tonnen eben nicht in Stückzahlen ausdrücken ließ oder wenn die Farbmischung für einen bestimmten Kunststoff eben "nach Gefühl" abgeschmeckt wurde. Die Produktionsstraßen liefen rund um die Uhr, es gab keine Möglichkeit zwischenzeitlich eine Inventur zu machen.

Mein Projekt in Großbritannien bestand im Wesentlichen daraus den Engländern zu erklären, warum hemdsärmelige Korrekturbuchungen nicht mehr erwünscht sind. Die Engländer, eine Tochtergesellschaft der Deutschen, hatten keine Wahl, als ihre Arbeit in das vorgegebene Korsett zu pressen.

In den USA sollten wir dann auf Neukundenakquise gehen. Doch schon unsere US-Kollegen im Hoechst-Konzern schüttelten den Kopf. Sie schlugen jedem potentiellen Kunden die Oracle-Datenbank vor. Geschäftsprozesse gab es dort zwar auch, aber die waren eher eine Richtschnur, an die man sich halten konnte... oder halt auch nicht. Oracle war daher viel flexibler, denn der Anwender konnte sich stets eine hemdsärmelige Lösung schaffen, während die SAP-Anwender den umständlichen Weg über einen Entwicklungsantrag für eine Softwareerweiterung in Walldorf gehen mussten.

In der heutigen Welt der Unternehmens-Fusionen, der Unternehmensteilverkäufe und Übernahmen ist es für ein Unternehmen ein großer Vorteil, seine Strukturen und Arbeitsabläufe der SAP-Welt angepasst zu haben. Der Käufer weiß ziemlich genau, was er bekommt. Bei Oracle gibt es noch heute viele schwarze Löcher bzw. hemdsärmelige Lösungen, die sich kaum in standardisierte Auswertungen fassen lassen.
 

HIGH-END EINMAL BODENSTÄNDIG

Die Großzahl der Geschäftsprozesse ist heute bei SAP abbildbar. Es ändern sich allerdings immer schneller die Anforderungen an die Unternehmenssoftware.

Nach der Finanzbuchhaltung und der Logistik, fügte man noch die Personalbuchhaltung hinzu. Sodann wuchsen die Ansprüche des Managements hinsichtlich der Auswertungsmöglichkeiten, es folgte SAP Analytics. All dies wurde in einer Art und Weise implementiert, dass man jede Auswertung bis auf einzelne Vorgänge in die Logistik und einzelne Buchungen in der Finanzbuchhaltungen zurückverfolgen kann. So, wie es ja eigentlich auch sein sollte.

Gleichzeitig zu den gestiegenen inhaltlichen Anforderungen wuchs der Wunsch, nicht nur auf eine zentrale Datenbank zuzugreifen, sondern überall in der Welt über das Internet oder auch über ein firmeneigenes Intranet auf die kritischen Informationen zugreifen zu können.

Na, und in den vergangenen Jahren kam sodann natürlich der Wunsch auf, dazu nicht mehr den Windows-Rechner verwenden zu müssen, auch Apple- und Linux-Rechner finden immer stärkere Verbreitung. Und auch Touchpads und Smartphones befinden sich inzwischen im normalen Gepäck des Managements und somit muss nun auch der Zugriff auf die aktuellen Daten über das Mobilfunknetz möglich sein. Alles natürlich ohne Abstriche in Sachen Aktualität und Sicherheit.

Aktualität, ja, das ist die jüngste Entwicklung: Echtzeit soll inzwischen Echtzeit heißen - nicht die Daten bis zum gestrigen Tag sind interessant, sondern die Daten bis zum Augenblick der Auswertung. Und diese Auswertung soll dennoch nicht ein paar Minuten in Anspruch nehmen, sondern möglichst sofort verfügbar sein. Überall auf der Welt, versteht sich.

So sieht die Infrastruktur von SAP inzwischen eine redundante Datenhaltung auf diversen Servern in der ganzen Welt vor, die wesentliche Daten nicht nur in die Datenbank schreiben, sondern sie auch im Arbeitsspeicher für Auswertungen vorhalten. Gigantische Arbeitsspeicher bei solchen Rechnern sind die Folge.

Heute setzt man sich nun daran, aus den Auswertungen dieser gigantischen Echtzeit-Datenmengen direkte Schlussfolgerungen abzuleiten: Produktverbesserungen, Preisanpassungen, Sicherheitsprobleme, kundenindividuelle Angebote... in einem Joint Venture mit Ericsson werden die Ortungsdaten der Transportflotte verwaltet, per Mobilfunk werden die GPS-Daten in die Cloud übertragen und ausgewertet.
 

DER WETTBEWERB: AGGRESSIV & FLEXIBEL

Ob nun Oracle mit Larry Ellison an der Spitze oder Salesforce.com mit Mark Benioff- die Konkurrenz lässt keine Gelegenheit aus, um SAP als träges Mutterschiff darzustellen. Den Ansatz von Oracle kennen wir inzwischen: Der Anbieter der Datenbank lässt seinen Kunden viele Freiheiten in der hemdsärmeligen Nutzung seiner Hard- und Software. Das macht den Kunden agiler und flexibler, führt aber nicht selten zu nachgelagerten Problemen.

Salesforce.com ist eine CRM-Software, Customer Relationship Management, also die Abbildung der Kundenbeziehung für den Vertrieb. Bei der ERP-Lösung von SAP (Enterprise Resource Planning – also die vollständige Ressourcenplanung eines Konzerns vom Einkauf über Produktionskapazitäten bis zum Vertrieb, vom verfügbaren Kapital über personelle Konsequenzen, etc.) ist das CRM-Modul eben nur dies: eines von vielen Modulen.

Der Vorteil bei SAP: Das CRM-Modul ist in den Rest der SAP-Software voll integriert. Salesforce.com startete seine Software nicht in der Finanzbuchhaltung oder bei der Datenbank, sondern beim Vertrieb. Dadurch sind die in den USA noch wesentlich höher als in Deutschland angesehenen Vertriebsleute am Drücker, sie definieren die zugrundeliegenden Anforderungen für die Geschäftsprozesse.

Dem deutschen Ingenieur gefällt das natürlich nicht und auch der amerikanische Bit-Mischer lässt sich nur ungern die Datenbankstruktur von einem Verkäufer vorschreiben. Doch wer US-Marketingfolien kennt der weiß, wie Kunden in den USA überzeugt werden. So ist der Erfolg von Salesforce.com gar nicht so überraschend. Das Unternehmen rühmt sich, heute schon mehr CRM-Kunden zu haben als SAP. Salesforce.com nutzt sogar SAP als Datenbasis.

Salesforce.com nimmt hier also SAP ein Stückchen des großen Kuchens weg, doch in meinen Augen ist das Kerngeschäft von SAP nicht bedroht. Oracle hat sich über Jahrzehnte seine Kunden gesucht, Gründer Larry Ellison lenkt das Schiff noch immer konsequent durch konjunkturelle Wellen. Doch mit hemdsärmeligen Lösungen wird ein Nachfolger Ellisons Probleme bekommen. SAP ist in meinen Augen daher klar besser positioniert.
 

ERST STEIGT DAS BEWERTUNGSNIVEAU, DANN DER GEWINN


Für 9% Umsatzwachstum ist das KGV 2013e von 16 günstig. Wenn wir uns das Gewinnwachstum anschauen, dann wird es noch besser: Im laufenden Jahr drückt die Investitionszurückhaltung insbesondere hier in Europa den Gewinn auf ein Wachstum von nur 4%, im kommenden Jahr wird jedoch dann ein überproportionales Wachstum von 15% erwartet. Der Konzern ist netto-schuldenfrei und erwirtschaftet rund 3 Mrd. Euro Nettoliquidität pro Jahr. Die Dividendenrendite von derzeit 1,7% ist für ein Wachstumsunternehmen in Ordnung.

Für SAP halte ich ein KGV von 20 für gerechtfertigt. Das wäre bei Zielerreichung im laufenden Jahr 25% über dem heutigen Niveau, also bei einem Kurs von 68,00 Euro.

Wir befinden uns in der Bodenbildung einer Konjunkturschwäche, für das gerade angelaufene zweite Halbjahr wird eine langsame Konjunkturerholung erwartet. In den USA, dem neben Europa wichtigsten Markt von SAP, läuft die Konjunkturerholung schon an und SAP merkt dies bereits bei den Bestellungen.

In einer Börsenbaisse werden Aktien so lange ausverkauft, bis deren Kursniveau im Verhältnis zum Buchwert vernünftig aussieht. Man geht vom schlimmsten Fall aus und zahlt nicht mehr für das Unternehmen, als bei einer Liquidation gegebenenfalls zu erzielen wäre. Das KGV ist in einem solchen Umfeld extrem niedrig, bei SAP stand das KGV im Jahr der Euro-Schuldenkrise bei nur noch 9.

Ist das Ende der Krise in Sicht, wie es derzeit den Anschein hat, dann steigt zunächst das KGV wieder auf ein vernünftiges Niveau. Ich denke, diese Phase dürfte bis Anfang nächsten Jahres laufen. Anschließend muss dann der Gewinn steigen, um das nunmehr hohe Bewertungsniveau zu rechtfertigen. Der Kurs wird dann parallel zur Gewinnverbesserung ansteigen.
 

FAZIT: HIGH-END VOM MARKTFÜHRER ZU FAIREM PREIS

Die Produkte von SAP sind High-End. Wenn sie auch etwas umständlicher zu implementieren sind als die der Konkurrenz, so wird das Unternehmen anschließend mit einem soliden Geschäftsmodell belohnt. Die Flexibilität für Marktveränderungen holen sich einige Unternehmen bei der Konkurrenz wie Salesforce.com, das beeinträchtigt das Kerngeschäft von SAP aber nur zu einem geringen Teil.

In Krisenzeiten werden Investitionsbudgets als erstes gestrichen und Softwarekäufe sind immer Investitionen, die man gerne um ein oder zwei Jahre - bis nach der Krise - verschieben kann. SAP befindet sich nun vor dem nächsten Wachstumsschub. Die Aktie hat bereits einen Teil des erwarteten Wachstums vorweg genommen, ich erwarte jedoch einen weiteren Anstieg auf 68,00 Euro bis Anfang 2014.

Wer ein günstig bewertetes Wachstumsunternehmen ins Portfolio holen möchte, der ist mit SAP gut beraten. Insbesondere nach dem jüngsten Kursrücksetzer von 65,00 Euro Mitte Mai auf aktuell 54,70 Euro ist eine Chance, nochmals günstig zuzufassen. Sollte es zu einer schnellen Gegenbewegung über 60,00 Euro kommen, so würde ich die Gewinne mitnehmen, da ein weiterer Kursanstieg gute Quartalszahlen benötigt, und die erwarte ich erst Anfang nächsten Jahres.
 

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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