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Veröffentlicht von Redaktion "BÖRSE am Sonntag" am 07.06.2009

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 07.06.2009:

Börsenbrief BÖRSE am Sonntag
BÖRSE am Sonntag

Weimer Media Group GmbH - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit Januar 2000

Ryanair übernimmt Lufthansa

Für Ryanair-Chef Michael O‘Leary scheint die obige Schlagzeile offenbar vorstellbar. Wie er jüngst betonte, hat seine Firma grundsätzlich Interesse an einem Einstieg bei der Lufthansa. Pläne für ein Kaufangebot in absehbarer Zukunft gibt es aber nicht. Ist die Interessenbekundung daher vielleicht nur ein geschicktes Manöver, um von der gerade vorgelegten Jahresbilanz abzulenken, in der erstmals in der Firmengeschichte ein Verlust ausgewiesen wurde?

Michael O‘Leary scheint es aber tatsächlich ernst zu meinen. Wie er auf der Pressekonferenz anlässlich der Bilanz 2008/09 (bis Ende März) erläuterte, ist der deutsche Wettbewerber der einzige der drei großen Fluglinien Air France-KLM, Lufthansa und British Airways, den sich Ryanair ernsthaft anschaut. Der Vorstand verwies auf die sinkende Marktkapitalisierung der deutschen Fluglinie und sprach davon, sie fast mit den vorhandenen Barmitteln kaufen zu können. Allerdings gibt es derzeit keine Pläne für ein Angebot in naher Zukunft. O‘Leary rechnet vielmehr damit, dass der Börsenwert der Lufthansa weiter sinkt. Derzeit sind es etwa 4,5 Mrd. Euro, während Ryanair auf 5,5 Mrd. Euro kommt.


Komplettübernahme nicht möglich

Ob die für ihre niedrigen Preise bekannte irische Fluggesellschaft eine komplette Übernahme anstrebt, ist jedoch kaum denkbar. Denn auch Firmenlenker O‘Leary sollte über die gesetzlichen Beschränkungen in Deutschland Bescheid wissen. Hierzulande gibt es das Luftverkehrsnachweissicherungsgesetz, das der Lufthansa Möglichkeiten an die Hand gibt, sich mit drastischen Maßnahmen gegen eine Übernahme aus dem Ausland zu wehren. Es soll sicherstellen, dass deutsche Fluglinien ihre Betriebsgenehmigung und ihre Luftverkehrsrechte nicht verlieren. Diese wären in Gefahr, wenn ein Unternehmen nicht mehr mehrheitlich in deutscher Hand wäre. Um dies zu kontrollieren, handelt es sich bei den Aktien der Deutschen Lufthansa um vinkulierte Namensaktien. Durch die Vinkulierung muss sie dem Kauf bzw. Verkauf der Papiere zustimmen, darf eine Zustimmung aber nur verweigern, wenn die Aufrechterhaltung der luftverkehrsrechtlichen Befugnisse gefährdet sein könnte. Solange der Anteil ausländischer Aktionäre ausreichend weit von der 50%-Marke entfernt ist, wird der Konzern daher nicht eingreifen. Anderenfalls wird er es aber eben doch tun. Wenn eine komplette Übernahme somit nicht möglich ist, bleibt für Ryanair nur eine größere Beteiligung an der Lufthansa. Einige Beobachter sprachen indes auch nur von einem gelungenen Witz.


Wachstum, aber rote Zahlen

Weniger witzig dürften die Aktionäre jedoch die vorgelegten Zahlen gefunden haben, ist Ryanair im vergangenen Geschäftsjahr doch trotz anhaltenden Wachstums in die roten Zahlen gerutscht. Verantwortlich dafür waren unter anderem höhere Treibstoffkosten, die um 59% auf 1,26 Mrd. Euro anschwollen. Nach einem Profit von rund 391 Mio. Euro im Vorjahr flog der Konzern daher nun einen Verlust von 169 Mio. Euro ein. Als Hauptgrund für die Miesen nannte er jedoch Abschreibungen nach der gescheiterten Komplettübernahme des irischen Wettbewerbers Aer Lingus. Die Übernahmeofferte wurde im Januar zurückgezogen. Ryanair hatte zuvor zweimal vergeblich versucht, die ehemals staatliche Firma zu schlucken, deren Aktienkurs seit der Privatisierung 2006 um 70% gefallen ist. Dies führte immer wieder zu Wertberichtigungen, so auch im vergangenen Jahr mit 222,5 Mio. Euro. Ohne


Sondereffekte mit Gewinn

Außerdem setzte Ryanair den Wert seiner Flugzeugflotte um 51,6 Mio. Euro niedriger an. Ohne Sondereffekte schrieb der Konzern indes weiterhin schwarze Zahlen, wenngleich der bereinigte Profit kräftig von 480,9 auf 105 Mio. Euro schrumpfte. Der Umsatz verbesserte sich dagegen um 8% auf 2,94 Mrd. Euro, wozu auch der Ausbau des Streckennetzes beitrug. Die Erlöse aus dem Ticketverkauf stiegen jedoch nur um 5,3% auf 2,34 Mrd. Euro. Während die Zahl der Fluggäste um 15% auf 58,5 Millionen kletterte, sanken die durchschnittlichen Ticketpreise um 8%. Im Bereich der Zusatzgeschäfte, wie der Vermittlung von Mietwagen, der zweiten Einnahmequelle, verbuchte Ryanair ein Umsatzplus von 488,1 auf 598,1 Mio. Euro.


Wieder Profit angestrebt

Der Vorstand zeigte sich mit dem Abschneiden im Geschäftsjahr 2008/09 insgesamt zufrieden. Trotz Wirtschaftskrise und hoher Ölpreise ist Ryanair weiter gewachsen und blieb operativ profitabel, was die fundamentale Stärke des Geschäftsmodells unterstreicht, erläuterte der Firmenchef. Auch betonte er, dass die Fluglinie, gemessen an den jährlich beförderten Passagieren, nun führend in Europa ist. Und auch bei den Aussichten zeigte sich der Chef gewohnt optimistisch. Die roten Zahlen sollen eine einmalige Sache gewesen sein. Ryanair nannte auch eine Prognose für das laufende Geschäftsjahr und peilt beim bereinigten Nettogewinn mindestens eine Verdopplung auf 200 bis 300 Mio. Euro an. Dazu sollen niedrigere Treibstoffkosten beitragen. Gegen steigende Kerosinpreise hat man sich zudem bis Ende 2009 weitgehend (90%) mit Absicherungsgeschäften gewappnet. Die Gesellschaft kündigte außerdem an, die Preise weiter zu senken, um die Flugzeuge besser auszulaste und der Konkurrenz Marktanteile abzunehmen. Bei den beförderten Passagieren rechnet man mit einem Plus von 15% auf 67 Millionen. Die Ticketpreise dürften nach Einschätzung des Managements indes um 15% bis 20% fallen.


Fazit:

Ryanair-Chef O‘Leary ist immer wieder für Schlagzeilen gut: Waren es in der jüngsten Vergangenheit die öffentlichen Gedanken über die Einführung von Gebühren für die Benutzung der Toiletten an Bord oder höheren Ticketpreisen für Übergewichtige, ist der jüngste Clou die Interessenbekundung an der Lufthansa. So kann man natürlich auch auf sich aufmerksam und günstig Werbung machen. Vor allem, wenn man zum ersten Mal in der Firmengeschichte rote Zahlen schreibt und davon ablenken will. Allerdings rutschte die nach Passagierzahlen nun größte europäische Fluglinie nur aufgrund von Sondereffekten wie den Abschreibungen in die Miesen. Darum bereinigt hat sie trotz der drastisch gestiegenen Treibstoffkosten einen Profit erwirtschaftet. Auch wuchsen die Umsätze trotz sinkender Ticketpreise. So schlecht laufen die Geschäfte daher scheinbar nicht. Zwar dürfte die aktuelle Wirtschaftskrise den Druck auf die Preise weiter erhöhen, Ryanair will jedoch im laufenden Geschäftsjahr mehr Fluggäste befördern und auch seinen Profit wieder steigern. Vielleicht bietet dabei auch gerade die aktuelle Konjunkturflaute Chancen. Zwar dürften sich immer mehr Menschen überlegen zu fliegen, die, die es dennoch wollen, könnten desto mehr auf den Preis schauen. Ryanair als selbst ernannter Kostenführer will davon profitieren. Selbst Abstriche beim Service und Gebühren für immer mehr Selbstverständlichkeiten scheinen dem nicht entgegenzustehen, wie die kräftig gestiegenen Passagierzahlen 2008/09 und die Prognosen für das laufende Jahr zeigen. Während Wettbewerber, wie zuletzt British Airways, über die aktuell harten Bedingungen jammern, kann Ryanair der Krise ferner positive Fakten abgewinnen. Im Bericht 2008/09 wurde außer auf die gesunkenen Treibstoffkosten vor allem auf die Flughafengebühren verwiesen, weil die Flughäfen aufgrund der deutlichen Rückgänge beim Flugverkehr mehr denn je um Kundschaft buhlen und entsprechend attraktive Konditionen bieten. Insgesamt rechnet O‘Leary daher mit sinkenden Kosten pro Passagier und scheut sich nicht vor einem Vergleich mit anderen kosteneffizienten Krisengewinnlern wie Aldi, Ikea oder McDonald‘s. Vielleicht sehen dies auch die Aktionäre ähnlich und erwarten, dass Ryanair einen Wettbewerbsvorteil hat und auch bei sinkenden Ticketpreisen profitabel wirtschaften kann. Die jüngste Reaktion des Aktienkurses könnte dafür ein Indiz sein. Zunächst etwas verschnupft auf die vorgelegten Zahlen reagiert, ging es weiter aufwärts. Dabei scheinen nun auch die Hürden im Bereich von 3,50 bis 3,54 Euro sowie bei 3,56 Euro (38,2%-Fibonacci- Retracement) nachhaltig geknackt worden zu sein. Spekulative Käufe sind daher nun erwägenswert.  


Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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