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Veröffentlicht von Redaktion "BÖRSE am Sonntag" am 16.01.2011

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 16.01.2011:

Börsenbrief BÖRSE am Sonntag
BÖRSE am Sonntag

Weimer Media Group GmbH - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit Januar 2000

Risiko Staatsanleihe

Noch bis ins Jahr 2010 bescherten Staatsanleihen Anlegern viel Freude. Über Jahrzehnte hinweg warfen die Titel trotz niedriger(er) Risiken höhere Renditen ab als Aktien. Damit dürfte es erst einmal vorbei sein. Doch es gibt Alternativen.

Das Inflationsgespenst ist zurück. Was viele Profis bereits seit Monaten prophezeiten, bestätigte sich in der zurückliegenden Woche: Die Europäische Zentralbank (EZB) sieht „Belege für kurzfristigen Druck nach oben bei der allgemeinen Inflation“, so der Präsident der EZB Jean-Claude Trichet am vergangenen Donnerstag. Eine Zinserhöhung noch im zweiten Halbjahr wird daher nach Meinung vieler Experten immer wahrscheinlicher. Steigende Zinsen sind jedoch Gift für die Kurse von Anleihen. Egal wie gut deren Bonität ist. Das Zinsänderungsrisiko wird oft unterschätzt Warum das so ist, verdeutlicht eine einfache Überlegung. Steigt das Zinsniveau, bedeutet dies, dass neue Anleihen mit höheren Coupons auf den Markt kommen. Damit Anleger die bereits am Markt befindlichen Papiere weiterhin kaufen, muss sich deren Rendite an jene der Neuemissionen anpassen. Da die Höhe des Coupons nachträglich – sprich während der Laufzeit – nicht mehr angepasst werden kann, bleibt als Hebel nur der Kurs eines festverzinslichen Wertpapiers übrig. Um ein höheres Renditeniveau zu erreichen, muss dieser fallen. Wie stark diese Kursveränderungen ausfallen können, zeigt ein fiktives Beispiel: Alle anderen Faktoren wie Laufzeit und Bonität unberücksichtigt müsste eine Anleihe, die zu 100 Euro gehandelt wird und 4% abwirft, auf 66,67 Euro fallen, um künftig 6% abzuwerfen. Die Auswirkungen beschrieb Anja Mikus, Leiterin des Portfoliomanagements von Union Investment, jüngst in einem Gastbeitrag wie folgt: Selbst „der eben noch sichere Hafen der Bundesanleihen wird bei einem schnellen Zinsanstieg aber plötzlich zum Spiel mit dem Feuer. Steigende Zinsen führen bei festverzinslichen Anleihen zu temporären Kursverlusten. Je länger die Laufzeit, desto höher ist das Verlustpotenzial.“ Vorübergehend ist der Abschlag deshalb, weil die Anleihe, wenn diese zu 100% zurückgezahlt wird, diesen Verlust bis zum Ende der Laufzeit wieder aufholt. Gerade bei längeren Laufzeiten ist dies jedoch nur ein schwacher Trost. Keine Spekulation gegen Euro-Staaten Ob ein Wertpapier zum Nominalwert getilgt wird, ist jedoch keineswegs in jedem Fall sicher. Die Frage, ob der Schuldner das geliehene Geld – und nicht nur die Zinsen – am Ende auch zurückzahlen kann, beschäftigt seit der Finanzkrise auch die Käufer von Staatsanleihen. Setzt sich an den Märkten die Erkenntnis durch, dass ein Land seine Schulden wohl nicht in voller Höhe zurückzahlen kann, schlägt sich dies ebenfalls in Kursabschlägen nieder. Genau dies konnte in den Fällen Griechenlands, Portugals und Spaniens zuletzt beobachtet werden. Die höheren Zinsen, die sich dadurch zwangsläufig ergeben, sind damit letztlich nur das Ergebnis eines Vertrauensverlustes auf Investorenseite. Dass es im Interesse fast aller Bürger ist, dass die institutionellen Anleger Verluste vermeiden und daher auch nur so viel Geld für eine Anleihe bezahlen, wie sie glauben durch Zins und Tilgung mindestens zurückzuerhalten, wurde in den Presseberichten zur Krise der südeuropaÅNischen Länder nicht immer deutlich. Echte Spekulanten, wie einzelne Hedgefonds, haben nämlich auf den riesigen Anleihemärkten relativ wenig Einfluss. Vielmehr sind es Pensionskassen, Versicherungen und Fondsgesellschaften, die die Gelder ihrer Kunden – sprich der Bürger – dort anlegen. Rentenmärkte haben Höhepunkt überschritten Die Großanleger selbst sind jedoch zunehmend skeptisch, was die Aussichten der Bond-Märkte anbelangt. Entsprechend äußerte sich beispielsweise der berühmte Fondsmanager Bill Gross, der den weltgrößten Anleihefonds verwaltet, bereits vor einigen Monaten auf der Website seines Arbeitgebers Pacific Investment Management Co. Er äußerte dort im vergangenen Herbst Befürchtungen, dass das zweite Quartal 2010 möglicherweise und aus heutiger Sicht sogar sehr wahrscheinlich „das Ende des großen 30-jährigen Bullenmarktes an den Anleihenmärkten“ signalisiere. Auch John Chatfeild-Roberts, Chief Investment Officer von Jupiter Asset Management, rät Bond-Investoren 2011 zu größter Vorsicht: „2010 war ein starkes Rentenjahr, aber die Risiken, die mit dem Halten von Anleihen verknüpft sind, steigen. Vor allem Staatsanleihen sehen rückschlaggefaÅNhrdet aus. Wie schnell es zu deutlichen Renditeerhöhungen kommen kann, haben die PIGS-Staaten (Portugal, Italien, Griechenland, Spanien) vorexerziert.“ Auf ihrer Suche nach überschaubaren Risiken und auskömmlichen Renditen greifen große Investoren nun verstärkt zu Anleihen aus den Emerging Markets oder aber zu Dividendenaktien. Dividendenaktien attraktiver Denn trotz der jüngst gestiegenen Aktienkurse sind gerade viele Dividendentitel nach wie vor hoch attraktiv. Europäische Blue Chips bieten derzeit im Schnitt eine Dividendenrendite von über 4% und damit deutlich mehr als deutsche Staatsanleihen. Im Verhältnis zu den Anleihen erstklassiger Unternehmen rentieren Aktien zum ersten Mal überhaupt höher. Beispiel Deutsche Telekom: 2011 dürften Anleger rund 7% aus Dividenden erzielen, eine Anleihe mit vier Jahren Laufzeit (WKN: A0DW8D) bringt es nur auf 2,8%. Eine hohe Dividendenrendite werfen übrigens auch die Aktien von RWE, Enel, France Télécom und der spanischen Telefónica ab. „Wer laufende Cashflows sucht, ist mit Dividenden besser bedient als bei Rentenfonds mit Ausnahme solcher, deren Anlagerichtlinien dem Manager den größtmöglichen Spielraum einräumen“, ist sich Chatfeild-Roberts sicher. Schwellenländer-Anleihen werden zum sicheren Hafen Doch auch an den Rentenmärkten selbst gibt es nach wie vor interessante Anlagemöglichkeiten. Angesichts der ungebrochenen Wachstumsdynamik und geringen Verschuldung in den Emerging Markets haben Anleihen aus diesen Regionen nichts von ihrer Attraktivität verloren: „Noch vor einigen Jahren gingen Investoren davon aus, dass die aktienähnlichen Renditen der Schwellenländer-Anleihen durch ein hohes Risiko erkauft seien. Im Rückblick war dieses Risiko jedoch überbewertet. Investitionen in Schwellenländer-Anleihen werden nun vermehrt als sicherer Hafen gesehen, was sie auch sind. Denn die Schwellenländer verfügen über ein stabiles Wirtschaftswachstum, den Großteil der globalen Rohstoffvorkommen und die besten demografischen Voraussetzungen. Die Anlageklasse ist außerdem umso attraktiver, da das Zinsniveau rund um den Globus niedrig ist“, so John Carlson, Fondsmanager des Fidelity Emerging Market Debt Fund. Neben den nach wie vor höheren Renditen und einer sich laufend weiter verbessernden Bonität können solche Papiere zudem mit potenziellen Währungsgewinnen und einem niedrigen Zinsänderungsrisiko glänzen. Emissionen in lokaler Währung, sogenannte Local Currency Bonds, gewinnen daher immer mehr an Bedeutung. Aktuell rät daher beispielsweise Barings auf seiner Website dazu, Staatsanleihen der Industrienationen unterdurchschnittlich zu gewichten, während sich die Investoren aufgrund der höheren Renditen und – in den meisten Fällen – unterbewerteten Währungen stärker in EM Local Currency Debt engagieren sollten. Trotzdem ist auch in diesem Bereich Vorsicht angebracht. Fazit Viele Experten sprechen mittlerweile von einer Bond-Blase. Die Kurse zahlreicher Staatsanleihen dürften jedoch spätestens dann fallen, wenn die Zentralbank(en) beginnen, die Zinsen anzuheben. Dass dieser Zeitpunkt nicht mehr in allzu ferner Zukunft liegt, darauf deuten die jüngsten Äußerungen des Präsidenten der EZB hin. Anleger wechseln daher in ausgewählte Dividendentitel oder Schwellenländer-Anleihen.

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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