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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 15.01.2010

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 15.01.2010:

Börsenbrief Heibel-Ticker
Heibel-Ticker

Stephan Heibel - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit März 2000

Hintergründe des Ausverkaufs

Nein, die Börse ist keine Einbahnstraße und nach heftigen Kursgewinnen in den ersten Tagen des neuen Jahres gab es diese Woche eine Verschnaufpause. So auch heute übrigens, nachdem Intel und J.P. Morgan gute Quartalszahlen gemeldet haben. Intel verdiente 40 Cent je Aktie, im Quartal vor einem Jahr waren es noch 4 Cent. Und J.P. Morgan verdiente 61 Cent je Aktie, nach 6 Cent vor einem Jahr. Ich weiß nicht, wer da noch von einer Krise sprechen möchte. Ich nicht. Dennoch erleben wir heute einen Ausverkauf an den Börsen. In meinen Augen handelt es sich um Gewinnmitnahmen und sodann um einige in Panik geratende, schlecht informierte Anleger. Schlecht informierte Anleger lasen zu Intel, dass der Zenit des Chip-Zyklus durchschritten sei und damit keine weitere Verbesserung mehr in Aussicht stehe. Und bezüglich J.P. Morgan las man, dass die Abschreibungen auf Immobilienkredite höher waren als erwartet. Während das erste (Zenit) einfach falsch ist, wird beim zweiten (Kreditabschreibungen) verkannt, dass diese Abschreibungen schon lange erwartet sind. Immerhin hat J.P. Morgan abzüglich der Abschreibungen noch immer 3,3 Mrd. USD verdient. In den USA ist der Dow Jones seit Jahresbeginn kontinuierlich angestiegen. Es gab bislang nur einen Tag, an dem er mit einem Minus schloss. Dort ist eine Korrektur überfällig. Bei uns in Deutschland wächst langsam die Sorge über den Zustand unserer Währung: Griechenland wurde die Hilfe seitens der EZB versagt (zum Glück!) und plötzlich ist eine Euro-Anleihe nicht mehr eine Euro-Anleihe. Plötzlich ist die Rückzahlung einer Euro- Anleihe aus Griechenland wesentlich ungewisser als die einer aus Deutschland und die griechische Regierung muss bis zu 3% p.a. mehr für ihre Schulden zahlen als Deutschland. Dabei war der Euro doch dazu gedacht, EU-weit eine einheitliche Fiskaldisziplin herbeizuführen. Nun, das ist wohl misslungen und auch wenn Deutschland noch immer als Musterknabe da steht, so ist doch das Ansehen des Euros angekratzt und der US-Dollar steigt. Heute hat die Regierung Pläne veröffentlicht, schon ab April die Solarförderung um 17% mehr zu kürzen, als im EEG festgeschrieben. Die Solartitel sind eingebrochen, teilweise notieren die Solaraktien mit zweistelligen Verlusten im Minus. Im Heibel-Ticker PLUS haben wir gerade noch rechtzeitig am vergangenen Freitag eine unserer Kernpositionen verkaufen können und können diese nun 15% billiger wieder einkaufen (näheres dazu im Kapitel 03). Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell gehen kann. Aber es soll mir Recht sein, denn unser Favorit wird von der Solarförderkürzung überhaupt nicht betroffen. So führte heute der TecDAX die Börsen tiefer und als dann die Gewinnmitnahmen in den USA begannen, gerieten einige Anleger hierzulande, so kurz vor dem Wochenende, an dem nicht gehandelt werden kann, in Panik und verkauften auf Teufel komm raus. Dabei haben Intel und J.P. Morgan bereits 12 bzw. 11% in diesem Jahr zulegen können und ich sehe die heutigen Kursverluste vor dem Hintergrund der guten Quartalsergebnisse als Gewinnmitnahmen. Heute ist für uns Anleger kein Tag zum Verkaufen, sondern zum Kaufen!

Aber auch in den USA führten die anfänglichen Verluste (durch Gewinnmitnahmen) im weiteren Tagesverlauf zu Besorgnis und dann schließlich Panik unter den Anlegern, denn die Meldungen sind ja alles andere als börsenfreundlich: Schlechte Arbeitsmarktdaten, ein Präsident Obama, der den Banken eine Sondersteuer auferlegen möchte und ein rückläufiger Ölpreis. Auf den ersten Blick sind das drei gewichtige Gründe, Aktien zu verkaufen. Doch wir wollen einmal etwas genauer überlegen: Der US-Leitzins ist bei 0-0,25%, ein historischer Tiefstand, der dazu dient, die Wirtschaft anzukurbeln, indem Banken die Refinanzierung von Krediten günstig ermöglicht wird und dadurch Investitionsvorhaben von Unternehmen günstig finanziert werden können. Im Allgemeinen schließt man daraus wenn Investitionen angekurbelt werden, dass die entsprechenden Unternehmen wachsen und Arbeitskräfte einstellen werden. Verbessert sich also die Situation auf dem Arbeitsmarkt, dann kann die US-Notenbank Fed sich zufrieden zurücklehnen und verkünden: Aufgabe erfüllt! Der Zins würde dann wieder auf ein normales Niveau um 4% angehoben werden. Das wäre aber gleichzeitig auch das Ende der Niedrigzinsphase, in der Unternehmen und Banken dicke Gewinne einstreichen können, weil die Finanzierungsbedingungen so günstig sind. Eine Anhebung der Zinsen wäre also schlecht für die Unternehmensgewinne. Oder mit anderen Worten: Je länger die Niedrigzinsphase anhält, desto besser für die Unternehmensgewinne und damit auch für die Aktienkurse. Und wenn die Arbeitsmarktdaten schlecht sind, dann erhöht sich in den USA der Druck auf die Fed, den Leitzins noch länger auf dem niedrigen Niveau zu belassen. Solange die Arbeitslosigkeit also nicht das Niveau von 1930 erreicht (Weltwirtschaftskrise mit über 25% Arbeitslosigkeit), so lange freut man sich über Arbeitsmarktdaten, die ein bisschen schlechter sind als erwartet. Obamas Vorhaben, die Banken mit einer Sondersteuer zu belegen, bedeutet zwar für die Banken, dass die Gewinne geschmälert werden, aber es ist keine Existenz bedrohende Gefahr. Verluste werden ja bekanntlich nicht besteuert. Und der Umstand, dass Obama überhaupt schon wieder bei den Banken Geld abschöpfen kann, ist doch in meinen Augen durchaus positiv zu sehen. Der Finanzsektor steht wieder auf eigenen Füßen. Na und zu den täglichen Kapriolen des Ölpreises kann ich kaum etwas sagen. Vor einigen Monaten stand der Ölpreis unter 40 USD/Fass, heute steht er über 75 USD/Fass. Vor wenigen Tagen noch stand der Ölpreis über 80 USD/Fass. Ich weiß nicht, ob diese Schwankungen die täglich wechselnde Nachfrage abbilden oder aber Spielball von Spekulanten sind. Wenngleich insbesondere an den US-Börsen viele Ölkonzerne notiert sind und daher bei steigendem Ölpreis die Gewinne dieser Konzerne, und damit auch deren Aktienkurse, steigen, geht die Geschichte natürlich im umgekehrten Fall nach hinten los. Doch je niedriger der Ölpreis, desto besser für die Industrie, die dadurch günstigere Energiekosten hat. Diese beiden Effekte sind augenscheinlich gegenläufig und heben sich zum Teil auf. Welcher Effekt gerade die Oberhand hat liegt wohl meiner Einschätzung nach tatsächlich zu einem Teil bei den Ölpreisspekulanten, weniger bei der realen Nachfrage durch Industrieunternehmen. Also: Nein, die Rallye ist noch lange nicht am Ende. Vielmehr denke ich, dass viele intelligente Anleger heute glücklich darüber sein werden, ihre Lieblingsaktien so günstig einkaufen zu können. Wenn ein Laden in Ihrer Nähe einen Ausverkauf veranstaltet, was tun Sie dann: Sie gehen hin und schauen, ob Sie etwas von Ihren Lieblingssachen bekommen können. Und das sollten Sie heute und am Montag früh mit Ihren Lieblingsaktien tun. Mir sind gleich drei Aktien aufgefallen, die ich heute und Montag früh kaufen würde. Wir befinden uns am Anfang der Berichtssaison und diesmal ist es anders als im Oktober: Diesmal sind die Erwartungen schon wieder recht hoch und die Kurse sind im Vorfeld kräftig angestiegen. Es dürfte meiner Einschätzung nach noch einige Tage dauern, bis dieser Ausverkauf endet. Doch um nicht leer auszugehen würde ich mit Käufen nicht allzu lange warten, die heftigsten Kursabschläge sind bereits geschehen.

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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