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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 07.05.2010

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 07.05.2010:

Börsenbrief Heibel-Ticker
Heibel-Ticker

Stephan Heibel - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit März 2000

EZB wird die Schleusen öffnen müssen

Automatischer Fehler ohne Sicherheitsnetz Eine Minute und zwanzig Sekunden dauerte der Spuk, dann stand der Dow Jones mit 10% im Minus, es kursierte die Angst vor einem Crash und automatische Handelssysteme verkauften was das Zeug hielt. Die automatischen Handelsplattformen der Nasdaq und ICE wickelten alle hereinstürmenden Orders in Bruchteilen von Sekunden ab, die Indizes rauschten in die Tiefe. Einzelaktien verloren teilweise über 60%! Wollen Sie mir weis machen, dass beispielsweise Procter & Gamble gestern Abend um 20:30 Uhr noch 175 Mrd. USD wert war, um 20:40 jedoch nur noch 110 Mrd. USD?

An der NYSE wurde die automatische Handelsplattform abgeschaltet, Menschen sprangen ein. Binnen einer Minute und zwanzig Sekunden haben die Menschen wieder realistische Kurse für Angebot und Nachfrage gefunden, diese langen nur noch 3-5% unter dem vorhergehenden Kursniveau. An der Nasdaq gibt es diesen Notfallmechanismus nicht, dort wurde jede eintreffende Order automatisch gematcht, also ausgeführt. Es ist noch nicht bekannt, wie das passieren konnte. Auf der einen Seite gibt es Vermutungen, dass ein Händler (aus dem Hause der Citigroup) versehentlich statt 15 Mio. (also 15m) 15 Mrd. (also 15b) getippt hat. So wurden plötzlich 15 Mrd. P&G Aktien unlimitiert in den Markt gegeben. Vor dem Hintergrund der angespannten Börsenverfassung hat dies dann einen Ausverkauf losgetreten. Andere versuchen das Unterschreiten mehrerer Unterstützungen dafür verantwortlich zu machen. Ein sich verstärkender Abwärtsstrudel, der sich aufgrund von automatisch aktivierten Stopp Loss Orders beschleunigte und verstärkte. Nicht umsonst habe ich in den vergangenen Wochen mehrfach davor gewarnt, Stopp Loss Orders bei Ihrer Bank zu hinterlegen. Sie sollten Stopp Loss Marken händisch verfolgen! Nun, binnen zwei Minuten standen die Kurse wieder dort oben, wo sie zuvor auch standen. Die Nasdaq hat bereits bekannt gegeben, Transaktionen, die in diesem Zeitfenster zu Kursen stattfanden, die mehr als 60% unter den vorangegangenen Kursen lagen, zu stornieren. Schon heute sehen Sie diesen Ausreißer im Chartbild nicht mehr, sie wurden nachträglich herausgerechnet. Sämtliche Börsen haben ein Notfallsystem, wenn der Gesamtmarkt um 10% einbricht. Der Handel wird sodann für eine Stunde ausgesetzt, damit sich die Teilnehmer informieren können und nicht in Panik verfallen. Für Einzelaktien gibt es das jedoch nicht überall, nur die NYSE hat diesen Prozess der Umstellung auf Menschen. Für Stopp Loss Orders ist dieser „Fehler“ tödlich, denn Sie sind ihre Aktien los bevor Sie überhaupt wissen, dass die Aktie in die Nähe Ihres Stopp Loss Kurses gefallen ist. Auf der anderen Seite spricht dieser „Fehler“ dafür, Kauforders zu gewünschten, besonders niedrigen Kursen im System zu hinterlegen, denn so könnten Sie zum Zuge kommen, auch wenn der Kurs nur für einen ganz kurzen Augenblick unter Ihr Kauflimit fällt. Es ist kein Zufall, dass gerade in diesen Tagen ein so großer Wert wie Procter & Gamble von einem solchen „Fehler“ heimgesucht wird. Die Volatilität ist extrem angestiegen, Anleger sind aus vielen Gründen sehr nervös. GRIECHENLAND: VERRATEN UND VERKAUFT Ich muss zugeben, in meiner Betrachtung vom vergangenen Freitag war ich nicht unbedingt zu einem zufriedenstellenden Schluss gekommen für das, was uns in den kommenden Wochen / Monaten erwarten wird. Und auch im Verlauf dieser Woche stieg mein Pessimismus kontinuierlich an bis mir gestern endlich die Lösung für all die Probleme wie Schuppen von den Augen fiel: die EZB. Doch eins nach dem anderen. Heute wird beschlossen, Griechenland mit Milliardenbeträgen zu unterstützen. Deutschland gibt 22 Mrd. Euro, alle anderen EU- Länder, selbst das angeschlagene Portugal geben ebenfalls einen proportionalen Anteil hinzu. Im Wesentlichen gibt es an dieser Hilfsaktion zwei Kritikpunkte: Zum einen reicht die Bürgschaft gerade einmal aus, um die bestehenden Finanzverbindlichkeiten zu bedienen. Ein Konjunkturprogramm für Griechenland, um sich aus der Finanzmisere hinauszuwachsen, ist da nicht dabei. Im Gegenteil: Heftige Einschnitte und Sparmaßnahmen werden jegliches Wirtschaftswachstum im Keim ersticken. Wie wollen die Griechen also jemals den Kredit zurückzahlen, wenn keine Aussicht auf eine bessere Situation Griechenlands in drei Jahren besteht? Normalerweise bestehen IWF-Hilfen aus drei Komponenten: Erstens Kredite und Bürgschaften, zweitens Sparmaßnahmen, um den Haushalt langfristig auf stabile Füße zu stellen und drittens eine Restrukturierung der Schulden, sprich Teilerlass durch die Gläubiger, um dem Land Luft zum Atmen zu geben. Die jetzigen Gläubiger hätten dann einen Teilverlust zu verbuchen. Doch ich höre nur von den ersten beiden Punkten. Und ohne den dritten Punkt ist es Volkswirten zufolge nicht möglich für Griechenland, den Kredit zurückzuzahlen. Hmmm... ...aber es wird dauern, bis das offensichtlich wird. Wir haben uns also nicht eine Lösung, sondern nur etwas Zeit gekauft. Der zweite Kritikpunkt an der Hilfsaktion betrifft die offene Gestaltung der Hilfen: Wenn sich Portugal beispielsweise durch diese zusätzliche Belastung künftig nicht mehr so günstig refinanzieren kann wie bisher, dann wird durch die EU- Staatengemeinschaft die Differenz für Portugal getragen. Für die beiden kleinen Länder Griechenland und Portugal kann die Staatengemeinschaft der EU gerne noch einspringen. Doch wenn es dann Spanien oder Italien trifft, dann sind irgendwann auch Frankreich und Deutschland überfordert. Und wer tritt für die hohen Refinanzierungskosten ein, wenn unsere Zinsen letztlich auch steigen sollten? Für mich ist das der instrumentalisierte Untergang der EU, wenn nicht ... ...ja wenn nicht parallel weitere Maßnahmen ergriffen werden, um die freien Märkte außer Kraft zu setzen. Die freien Märkte werden nach Griechenland auch die anderen PIGS-Staaten „angreifen“, wie es in den US-Medien gerne bezeichnet wird. Dabei bedeutet ein solcher Angriff nicht das koordinierte Herunterprügeln der Kreditwürdigkeit bestimmter Länder, sondern die automatisierten Handelssystems erkennen ungefähr gleichzeitig anhand von ähnlichen Mustern ähnliche Chancen bei ein und demselben Land. Und plötzlich sehen die Systeme, die häufig von 27-jährigen Knaben programmiert und betreut werden, ungeahnte Chancen im Kauf einer Kreditabsicherung vor einem Ausfall spanischer Staatsanleihen. Die Rahmenbedingungen stimmen, denn die EU ist alles andere als geschlossen, wie wir an den Diskussionen um die Griechenlandhilfe sowie an den Demonstrationen in Griechenland selbst sehen. EU-Länder mit hohem Defizit sind ein leichtes Ziel, zumal Credit Defaul Swaps (CDS, so heißen die Kreditausfallversicherungen) direkt zwischen den Vertragspartnern, also außerhalb des kontrollierten Börsenparketts, gehandelt werden. Es ist in meinen Augen nicht die Frage, „ob“ die anderen südeuropäischen Staaten aufgrund zu hoher Refinanzierungskosten illiquide werden, sondern nur noch „wann“ und „in welcher Reihenfolge“. Da niemand den Überblick über die vielen verschiedenen Handelssysteme hat, wird es niemanden geben, der das mit Gewissheit vorhersagen kann. Endzeitstimmung? Mit Neffen! Präsident Obama hat versucht, mit den Vorwürfen gegenüber Goldman Sachs die Notwendigkeit strenger Finanzmarktregulierungen zu veranschaulichen. Doch die Ereignisse in Europa lassen diesen Prozess in den Hintergrund rücken, selbst mit diesen Mitteln ist Obama zu langsam. Die SPD verlangt eine Transaktionssteuer für Finanzinstitute und hat heute der Griechenlandhilfe nicht zugestimmt, weil die Bundesregierung, insbesondere die FDP, diese Steuer nicht wollte. Ein Glück, denn Kleinstaaterei würde uns ins Abseits manövrieren. Eine Transaktionssteuer in Deutschland würde den Deutschen Finanzplatz für viele Investoren unattraktiv machen. Es wird eine international koordinierte Vorgehensweise benötigt, doch dafür gibt es noch keinen Konsens. Andere Vorschläge vordern die Verlegung vieler außerbörslicher Transaktionen auf Börsenplattformen. Das ist zumindest für die Transparenz schon einmal ein großer Schritt. Andere fordern, keine „ungedeckten Leerverkäufe“ zuzulassen, Geschäfte also, die aus rein spekulativen Gesichtspunkten und ohne ein eigenes realwirtschaftliches Interesse vorgenommen werden. Ich bin sicher, dass es hier in den nächsten Jahren zu einer guten Einigung kommen wird – doch das ist für unser Problem heute zu spät. So wird von vielen diskutiert, ob die EU auseinanderfällt. Ich halte das für Quatsch. Auf einer Internetseite wird die D-Mark II Einführung für Mitte Mai prognostiziert. Größeren Humbug werden Sie kaum finden. Nein, es gibt noch eine Methode, wie Europa mit den heutigen Statuten noch ein paar Jahre weitermachen kann, wie zuvor. Und das Beste daran: Die USA haben es uns vorgemacht. Wenn die Zinsen für die Staatsanleihen im EU-Raum zu stark ansteigen, weil nicht mehr genügend Käufer zu vertretbaren Zinsen zu finden sind, dann kann die Notenbank die Anleihen doch aufkaufen, oder? Die USA haben das nach der Lehman-Pleite gemacht. Ben Bernanke hat jeglichen Finanzierungsbedarf der USA aufgekauft, das Zinsniveau ist weiterhin extrem niedrig, nur der Außenwert des US-Dollars ist in Folge dessen kontinuierlich gefallen. Kein Ausländer traut dem US-Dollar mehr über den Weg. Doch im Landesinnern sieht alles bestens aus. Und da die Amerikaner kaum ins Ausland reisen, merken sie den Wertverlust ihrer Währung kaum. Das wird nun auch in Europa geschehen. Letzte Woche hat EZB Präsident Trichet bereits verkündet, dass griechische Anleihen als Sicherheiten akzeptiert werden. Das ist schon ein Bruch mit dem Vertrag von Maastricht, in dem Anleihen mit Junkbond-Status (Ramschanleihen) als Sicherheit ausgeschlossen wurden. Hintergrund sind die Erfahrungen aus der Finanzkrise 2008, in der Banken ihr Engagement in Ramschanleihen immer wieder abwerten mussten und damit ihre eigene Kapitalbasis zerstörten, bis sie selber sturmreif geschossen waren. Dies kann sich nun durch eine Griechenlandkrise nicht wiederholen. Dennoch: Wer möchte heute gerne Anleihen von Portugal kaufen? Oder Spanien? Ich nehme an, dass auch die spekulativsten Anleger einen großen Bogen um solche Anleihen machen. Und Spekulanten, die automatischen Handelssysteme, stehen schon in den Startlöchern: Das nächste Land nach Griechenland wird bald folgen. Was dann? Gestern hat Trichet eine entsprechende Frage nach der Bereitschaft der EZB, direkt Staatsanleihen zu kaufen, abgewehrt, diese Frage sei im EZB-Kollegium überhaupt nicht diskutiert worden. Doch es ist die einfachste Lösung, es ist meiner Einschätzung nach die einzige Lösung, mit der die EU noch ein paar Jahre in der heutigen Form weiterlaufen kann. Die Geldschleusen würden geöffnet und die EZB nimmt das Risiko des Zahlungsausfalls einiger EU-Staaten in die eigenen Bücher. Die EZB kann beliebig viel Geld drucken, da macht es also nichts, wenn hie und da mal ein wenig in die Brüche geht. Und vor allem: Wer spricht denn heute in den USA noch davon, wie viel Risiko die US-Notenbank Fed in den eigenen Büchern hält? Die USA verzeichnen wieder gute Wachstumsraten und wenn alles gut geht, dann wächst die US-Wirtschaft aus dieser Krise heraus. Dann steht das US-BSP in zwei oder drei Jahren auf einem Niveau, das die offenen Schulden der Finanzkrise locker zurückzahlen kann. Die Methode ist alt und bekannt, warum sollte es in Europa nicht auch (wieder) funktionieren? Nun, ich glaube, dass die Finanzmärkte den Braten riechen. Japan ist hoffnungslos überschuldet. Die USA ebenfalls und nun ist auch die EU auf dem besten Wege dorthin. Haben Sie sich mal den Goldpreis angesehen? Aus heutiger Sicht würde ich sagen, in drei Jahren bekommen wir die Rechnung für unsere heutige Maßlosigkeit präsentiert. Doch auf der anderen Seite, was weiß ich schon, wie die Welt in drei Jahren aussehen wird? Für heute können die Probleme auf diese Weise gelöst werden. Noch wehrt sich Trichet. Noch versucht er, den Glauben an einen festen Euro aufrecht zu erhalten. Doch Trichet hat auch die Beteiligung des IWF an der Griechenlandhilfe abgelehnt. Trichet hat auch vor der Finanzkrise vehement gegen das Akzeptieren von Ramschpapieren (toxische Immobilienderivate!) als Sicherheit gewettert und diese dann doch zugelassen. Trichet hat auch kürzlich noch gesagt, es werde keine Ausnahmeregelungen für Einzelstaaten geben, doch jetzt werden Ramschpapiere aus Griechenland als Sicherheit akzeptiert. Und so ist es meiner Einschätzung nach nur eine Frage der Zeit, bis Trichet direkt Staatspapiere einkauft. Das Resultat einer solchen Entscheidung? Steigende Aktienkurse, fallender Euro-Wechselkurs.

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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