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Veröffentlicht von Redaktion "Frankfurter Börsenbrief" am 22.07.2010

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 22.07.2010:

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CURT L. SCHMITT Informationsdienste - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit Januar 1954

Das Oligopol der Rating-Agenturen wackelt

Grund: Die Kunden werden immer unzufriedener. Ein Blick zurück: In den letzten Jahren war die Vergabe von Bonitätsbewertungen für Moody‘s, Standard & Poor‘s sowie Fitch ein auskömmliches Geschäft. Investoren bezahlten sehr gut für eine Bewertung ihre Kreditwür- digkeit.

Sie mussten es tun, um Kapital am Primärmarkt aufnehmen zu können. Bei nur drei nennenswer- ten Agenturen waren die Margen sehr auskömmlich. Dass die Rating-Agenturen vor Gefahren immer erst warnten, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen war (bestes Beispiel war die Asienkrise 1997) und sie ihr eigenes Geschäft damit eigentlich ad absurdum führten, blieb eine berechtigte wie wirkungslose Dauer- klage am Kapitalmarkt. Man war auf die Rating-Agenturen angewiesen, darum prallten alle Einwände an den Managern ab wie das Fett an einer Teflonpfanne. Doch dann trat die Gier hinzu! Im amerikanischen Hypo- thekenmarkt berieten die Rating-Agenturen erst die Emittenten für gutes Geld, wie man Portfolios zusam- menstellt, die ein gutes Rating bekommen könnten, und stempelten dieses Prozedere kurzerhand gleich auf die Schrottpapiere. Von der Implosion hat sich die Weltwirtschaft noch immer nicht erholt. Aber selbst diese kriminellen Machenschaften konnten den Rating-Agenturen das Geschäft nicht nachhaltig vermiesen. Jetzt droht Konkurrenz am Ratingmarkt. Und zwar aus China. Aus China? Das Land holt immer mehr auf. So wie sich die meisten Europäer vor zehn Jahren kaum vorstellen konnten, dass das Land, bis dato nur als Werkbank bekannt, hochwertige Solarzellen, Passagierflugzeuge oder Eisenbahn- Equipment bauen könnte, ist uns noch immer der Gedanke fremd, China könnte am Rating-Markt etwas bewegen. Doch im Bemühen, in Shanghai ein bedeutendes Finanz-Zentrum aufzubauen und zu etablieren (der Frankfurter Börsenbrief berichtete), wird auch der Finanzsektor in den Kernkompeten- zen besetzt. Dazu zählt auch eine Rating-Agentur. Der Start ließ den Atem stocken: Dagong Global Credit Rating hat sich gleich mit einem Paukenschlag einge- führt. Bisher war das Unternehmen, von dem an der Wall Street noch kaum jemand gehört hat, ausschließlich - trotz des Na- mens - im Inland aktiv. Doch nun hat man sich - als ersten Schritt der internationalen Expansion amerikanische Staatsanleihen vorgenommen. Das Urteil fiel vernichtend aus: AA ist nicht mehr Investment-Grad, sondern zwei Stufen darunter. Die amerika- nischen Rating-Agenturen konnten es sich bisher aus existentiell politischen Gründen nicht leisten, das Rating der Heimat zurück- zunehmen. Ein chinesisches Unternehmen ist hier unabhängiger, obwohl damit der Status der riesigen Devisenreserven Chinas, die ja zu mehr als vier Fünftel in US-Treasuries angelegt sind, natürlich geschwächt wird. Wenn wir uns die enorme Verschuldung der USA ansehen, die im Verhältnis zum BIP nicht viel anders aussieht als in Griechenland oder Portugal, erscheint das Rating nicht als völlig aus der Luft gegriffen. Eine gleichzeitige Einstufung Chinas mit AA+ durch Dagong erscheint allerdings im Gegenzug reichlich euphemistisch und macht das Rating von Dagong sofort unglaubwürdig. Sicher, China hat größe- re Reserven, eine niedrigere Verschuldung, aber kein Rechnungswesen, das Zahlen irgendwie überprüfbar macht. Wenn die chinesischen Banken in die gleiche Bredouille kommen wie die US-Banken, wird auch Chinas Finanzkraft in Zweifel gezogen werden. Chinas Banken haben ein noch desaströseres Kreditbuch als die amerikanischen oder spanischen Wettbewerber. Der bust ist bisher nur durch das Wachstum und durch immer neue Einschüsse des Staates verhindert worden. Wenn wir die Prinzipien ehrlich wirtschaftender Kaufleute als Maßstab des Handelsrechts auf Rating übertragen müssten, dürften weder die USA (ausufernde Verschuldung) noch China (enorme Risiken) noch Japan (Zusteuern auf demographischen Kollaps), Deutsch- land, Frankreich oder die anderen europäischen Staaten die höchste Rating-Stufe erhalten, sondern besten- falls Indonesien. Es ist jetzt schon absehbar, dass China die gleichen Probleme bekommen wird wie der Westen. Es ist na- türlich anzuerkennen, dass sich die Führung in China alle Mühe gibt, die Fehler des Westens im Boom zu vermei- den und mit beiden Beinen auf der Bremse steht. Es ist die Frage, wie weit die Kontrolle trotz kommunistischer Strukturen noch reicht, oder ob sich der Wachstumspro- zess nicht längst verselbständigt hat. Die Rating-Agentur Fitch kommt zu dem Schluss, dass die tatsächlichen Aus- leihungen in China - und wir gehen mit dieser Einschät- zung nach unseren Informationen absolut konform - im ersten Halbjahr real um 28 % höher lagen als die offiziel- len Statistiken besagten! Das Verbriefungsgeschäft blüht inzwischen auch in China. Mehr und mehr Forderungen und Kredite werden verbrieft, zerstückelt und damit intransparent gemacht. Ein noch kleiner, aber wachsen- der Teil von Chinas Wachstum geht schon jetzt auf eine Asset-Price-Inflation zurück, die sich jederzeit zurück- entwickeln kann. Die USA brauchen kein Rating. Die schwache Einstufung der größten Wirtschaftsmacht der Erde ist obsolet, die amerikanische wird immer Geld bekommen. Der Dollar wird die Weltleitwährung bleiben. Andere Wäh- rungen können nicht den gewaltigen Anlagebedarf an Devisenreserven aufnehmen. Nicht mal das Zinsni- veau kann von Rating-Agenturen beeinflusst werden, wie es in Südeuropa im ersten Halbjahr der Fall war. In den USA setzt die FED die Zinsen fest und sonst niemand. Insofern sind die Einschätzungen von Dagong zur US-Kreditwürdigkeit ein interessanter Beitrag in der Debatte um die Höhe der Staatsverschuldung, aber ohne jede praktische Bedeutung.

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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