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Veröffentlicht von Hans A. Bernecker Börsenbriefe GmbH am 24.09.2015

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 24.09.2015:

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Hans A. Bernecker Börsenbriefe GmbH - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit Januar 1989

China ist Trendsetter im mobilen Bezahlen

Bargeldloses Bezahlen ist zwar weltweit auf dem Vormarsch, aber in regional stark unterschiedlichem Tempo. Während in den USA seit jeher eine Auswahl von Kreditkarten zur Grundausstattung eines jeden Bürgers gehört, ist das Tempo in Europa deutlich gemächlicher. Insbesondere in Deutschland gilt seit jeher der Leitspruch „Nur Bares ist Wahres“, aber auch hierzulande öffnet sich der Verbraucher peu à peu alternativen Zahlungsmethoden, bei denen Bargeld eine immer geringere Rolle spielt.

In Europa führt das mitunter sehr unterschiedliche Innovationstempo dazu, dass es zum Teil zu Insellösungen kommt. Ein gutes Beispiel ist Dänemark. Dort hat sich seit Jahren die sogenannte „Dankort“ etabliert. Es handelt sich um ein nationales bargeldloses Bezahlsystem, das eine sehr hohe Akzeptanz bei der dänischen Bevölkerung findet. Rund drei Viertel der Dänen setzen die Dankort im Alltag ein, wobei auch Kleinstbeträge fast überall anstandslos damit bezahlt werden können. Ebenfalls deutlich im Aufwind ist die bereits 2013 gestartete „MobilePay“-App, mit der per Smartphone täglich Beträge von umgerechnet bis zu 130 € bezahlt werden können. Die Liebe der Dänen zum bargeldlosen Bezahlen geht sogar so weit, dass die Politik darüber nachdenkt, bestimmten Geschäften freizustellen, ob sie überhaupt noch Bargeld akzeptieren.

Auch wenn Dänemark in Europa zu den fortschrittlichsten Ländern gehören mag: Was mobiles Bezahlen angeht, macht China so leicht keiner was vor. Dabei hat sich das Reich der Mitte wegen seiner kommunistischen Vergangenheit zunächst eigentlich besonders hartnäckig gegen bargeldlose Zahlungsalternativen gesträubt. So ist es beispielsweise noch heute vielfach üblich, dass zum Kauf eines Neuwagens säckeweise Bargeld mit in das Autohaus gebracht wird. Zwischenzeitlich hat die Entwicklung, befeuert vor allem durch die konsumfreudige junge Generation, aber einen dynamischen Schub bekommen. Kartenlösungen, die erst Mitte des vergangenen Jahrzehnts überhaupt erst langsam Fuß fassten, wurden fast komplett übersprungen und von Bezahlmöglichkeiten durch das allgegenwärtige Smartphone überholt. Besonders erwähnenswert: Die großen staatlichen Kreditinstitute spielen bei diesen innovativen Lösungen so gut wie keine Rolle. So ist es in Großstädten wie etwa Shanghai möglich, komplette Abende mit den bankenunabhängigen Zahlungssystemen von Alipay und Tenpay zu bestreiten, hinter denen die beiden großen chinesischen Internet- und Technologiekonglomerate Alibaba und Tencent stecken. Damit können beispielsweise Taxifahrten und Kinobesuche gebucht und auch bezahlt werden. Zudem kann in vielen Restaurants und Bars damit bezahlt werden. Bei Bedarf lässt sich der komplette Rechnungsbetrag auch ganz unkompliziert unter dem Freundeskreis elektronisch aufteilen. Auch im Supermarkt um die Ecke kann problemlos mit dem Handy bezahlt werden und auch monatlich wiederkehrende Zahlungen für Strom, Gas, Wasser und Telefon lassen sich damit begleichen. Bei Letzterem gab es auch besonderen Vorschub dadurch, dass Chinas Bankensystem ohnehin traditionell mit dem Lastschriftsystem auf Kriegsfuß steht. Diesen Missstand hat das jüngere Publikum durch die explosionsartig gestiegene Akzeptanz innovativer Zahlungslösungen quasi über Nacht aus der Welt geschafft.

Zu der dynamischen Verbreitung von Bezahlsystemen per Handy haben vor allem zwei Umstände beigetragen. Zum einen sind junge Chinesen sehr technologieaffin, wobei das Smartphone im Alltag eine ganz besonders wichtige Rolle spielt. Zum anderen haben Alibaba und Tencent ihre jeweiligen Kernkompetenzen als Betreiber von Plattformen für e-Commerce und Internetkommunikation perfekt zum Auf- und Ausbau komplexer Plattformen für Zahlungsvorgänge und andere Finanzdienstleistungen genutzt. Wegen dieser Vorzüge war es ein Leichtes, die kritische Masse von Nutzern für sich zu gewinnen.

So nutzen derzeit etwa 300 Mio. Chinesen Alibabas e-Commerce-Plattformen Taobao und Tmall zum Internetshoppen. Diese Plattformen sind mit dem hauseigenen Zahlungssystem Alipay vernetzt, das mit Ebays Paypal vergleichbar ist. Tencent dagegen ist mit seinen Kommunikationsplattformen QQ und WeChat, die Elemente von Facebook, Whatsapp und Twitter in sich vereinen, bei 600 Mio. Nutzern präsent. 2013 wurde dann eine neue Zahlungs- und Finanzdienstleistungsapplikation eingesetzt und stetig ausgebaut. Ein hoher Nutzungs- und Verbreitungsgrad war quasi vorprogrammiert.

Alibaba und Tencent haben sich aber nicht mit der Abwicklung bloßer Zahlungstransaktionen zufriedengegeben. Über den konsequenten Ausbau der Funktionalität seiner Systeme konnte man sich schnell zu Quasi-Finanzdienstleistern mausern. Erster Schritt war die Verzinsung von Guthaben, der zweite dann das Angebot von Investmentmöglichkeiten. Alibaba ist hier der Platzhirsch: Im Herbst 2013 startete man den Online-Geldmarktfonds „Yuebao“, der direkt mit Alipay verknüpft ist. Anfängliche Spitzenzinsen von bis zu 7 % bescherten dem Fonds einen furiosen Start. Vorteil des Systems ist das mühelose Verschieben von Geldern zwischen Investment- und Bezahlkonto.

Anfänglich musste Alibaba aus Mangel an einer Vermögensverwaltungslizenz die bis dahin weitgehend unbekannte Tianhong Asset Management als Kooperationspartner zwischenschalten. Wegen der Anbindung an Alipay avancierte Tianhong sozusagen über Nacht zum größten Geldmarktfondsverwalter Chinas. 2014 verwaltete man von über 100 Mio. Kunden ein Vermögen von knapp 600 Mrd. Yuan, was rund 90 Mrd. € entspricht. Damit kann man es auch mit den größten Geldmarktfonds der USA aufnehmen.

Der nächste Schritt ist bereits vorgezeichnet: Alibaba und Tencent werden von Zahlungsdienstleistern zu Konsumkreditbanken aufsteigen. In der ersten Runde von Lizenzvergaben, mittels derer sich die Regierung vom bisher staatlich dominierten Banksystem lösen will, erhielt man den Zuschlag. Im Frühling konnten MyBank und WeBank, hinter denen jeweils Alibaba und Tencent mit einer Beteiligung von 30 % stehen, ihren Geschäftsbetrieb aufnehmen. Dabei handelt es sich um reine Onlinebanken ohne Filialen. Die Bankenlizenz eröffnet neue Spielräume. So will Tencent bald über WeChat ein Feature namens „Weilidai“ (übersetzt: ein klein wenig Kredit) für die Inanspruchnahme von Konsumentenkrediten bis umgerechnet knapp 30.000 € anbieten. Spätestens dann wird Europa den Chinesen noch ein Stück weiter hinterherhinken.

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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