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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 12.02.2010

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 12.02.2010:

Börsenbrief Heibel-Ticker
Heibel-Ticker

Stephan Heibel - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit März 2000

Achillessehne der EU

Griechenland Die Achillessehne des Euros Ich gebe Ihnen heute einmal eine ganz persönliche Begründung dafür, warum ich hoffe, das Merkel und Schäuble von der FDP zurück gepfiffen werden. Dazu entführe ich Sie an die Uni Würzburg Anfang der 90er Jahre. PROF. ISSING, EHEM. CHEFVOLKSWIRT Ich habe dort von 1990 bis 1995 Volkswirtschaftslehre studiert. Die dortige Koryphäe Professor Issing verließ 1990 leider die Uni, er wurde Chefvolkswirt der Deutschen Bundesbank. Später wurde er Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank und gilt bis heute als der wichtigste Denker bei der Konzeption des Euros. Seiner Uni blieb er trotzdem treu, er hielt monatliche Vorlesungen, in denen er in persönlicher Atmosphäre über die Hintergründe zu seinen Zinsentscheidungen referierte. Es war die einzige Vorlesungsreihe, von der ich keine einzige verpasste. Prof. Issing ist heute im rentenfähigen Alter und übt dennoch einige Ämter aus, wie beispielsweise das des Präsidenten des Center for Financial Studies (CFS) an der Uni Frankfurt. Zu den Problemen Griechenlands hat er sich in den vergangenen Tagen mehrfach klar geäußert. Im EU-Vertrag gibt es eine „non- bail-out-clause“, eine Vertragsklausel, die es EU-Mitgliedern untersagt, anderen Mitgliedsstaaten zu Hilfe zu eilen. Es sei eine elementare Säule für die Stabilität des Euros, dass eine undisziplinierte Haushaltspolitik (nationale Fiskalpolitik) nicht durch Kredite, Bürgschaften oder Rettungspakete von anderen EU-Staaten belohnt werde. In meinen Worten: Mögen die „Auflagen“ auch noch so hart sein, es ist immer noch besser für Griechenland harte Auflagen in Kauf zu nehmen, nachdem man 10 Jahre geschummelt hat, als 10 Jahre lang nicht zu schummeln. Issing warnt vor Hilfen für Griechenland, denn es würde einem Dammbruch gleichkommen und wir können die Uhr danach stellen, wann Portugal, Italien, Irland und Spanien mit ähnlichen Problemen und Forderungen bei uns anklopfen. Die Stabilität des Euros wäre dahin. PROF. BOFINGER, WIRTSCHAFTSWEISE

Die Uni Würzburg suchte einen Nachfolger für Issing und fand diesen in Prof. Bofinger. Er galt als junger Wilder und glauben Sie mir, das traf auch zu. Bofinger ließ sich damals äußerlich nicht von den Studenten unterscheiden. Mit frischen Ideen gestaltete er seine Vorlesungen und es war nicht selten, dass er diese begann mit etwa folgenden Worten: „Thema der heutigen Vorlesung ist XY, aber das können Sie ja in den Lehrbüchern nachlesen. Gestern Abend hatte ich folgenden Gedanken, den ich heute gerne mit Ihnen durchsprechen möchte...“ und er begann völlig frei sehr interessante Theorien aufzuzeigen. Wir Studenten fanden das sehr spannend und interessant, denn wir erhielten so direkt einen Einblick in die Themen, die unseren Professor beschäftigten. Doch häufig endeten die Theorien etwa wie folgt: „...wenn meine Gedanken, die ich hier entwickelt habe, richtig sind, dann ... oder habe ich etwas übersehen?“ und vorsichtig meldete sich dann manchmal ein Student und wies ihn auf einen Fehler in seiner Argumentationskette hin. Ich habe von Prof. Bofinger mehr gelernt als von manch anderem perfekten Professor, der aus seinem Lehrbuch vorgelesen hat. Aber ich habe auch gelernt, dass er damals dazu neigte, Dinge zu übersehen. Ein fast dramatisches Ende hätte das für mich genommen, wenn da nicht ein aufmerksamer Assi in meiner mündlichen Prüfung gesessen hätte. Ich hatte in einem speziellen VWL-Fach eine 1 im schriftlichen Examen geschrieben, doch im dazugehörigen allgemeinen VWL-Fach, das als Grundlage für das spezielle Fach galt, war ich zwischen die Fronten eines Kleinkriegs eines anderen Professors geraten. Von 13 Examensklausuren schnitten 8 mit 5 ab und der Rest mit 4. Ich gehörte zu den fünfen :-( So musste ich in der mündlichen Prüfung mindestens eine 3 machen, um mein Diplom zu erhalten. Sie können sich vorstellen, wie ich in die mündliche Prüfung gegangen bin. Sie wurde von Prof. Bofinger abgenommen. Seine Frage an mich, graphisch herzuleiten, warum sowohl ein armes als auch ein reiches Land vom Außenhandel miteinander profitieren würden, gehört zum Standard der VWL ... aber mit Nervenflattern fällt einem auch so was nicht ad hoc ein. Die einfache Herleitung fiel mir nicht ein und so begann ich aufzusagen was ich wusste, begann Graphiken an die Tafel zu malen und hatte eine vage Vorstellung, wie ich am Ende den graphischen Beweis bringen könnte. Doch nach meinen ersten Sätzen unterbrach mich Prof. Bofinger und teile mir mit, ich sei auf dem Holzweg. In diesem Augenblick sah ich mich ein halbes Jahr später nochmals durch die Mühle der Examensklausuren gehen. Ich wollte mich schon setzen und sagen, „dann weiß ich es nicht“, da meldete sich der Assistent zu Wort: „Lassen Sie ihn mal weitermachen, ich glaube, er hat eine Argumentationskette, die wir noch nicht kennen.“ Und so durfte ich weiterreden, erlebte nunmehr eine geistige Sternstunde, denn nie zuvor hatte ich diese Argumentationskette durchdacht – ich leitete sie dort tatsächlich erstmalig her und am Ende gab es eine saubere Graphik an der Tafel, die das gewünschte bewies. Mit einem Lächeln der Anerkennung gab mir Prof. Bofinger eine 1 dafür. Soeben noch kurz vorm Abgrund, kurze Zeit später konnte ich nicht mehr gerade aus schauen. Warum erzähle ich das? Nun, ich kenne Prof. Bofinger, unseren Wirtschaftsweisen, als jemanden, der gerne mal andere Theorien ausprobiert. Andere Professoren hätten nicht auf ihren Assistenten gehört und hätten mich nicht weiterreden lassen. Andere Professoren haben auch seltener etablierte Theorien in Frage gestellt. Dafür irrt Prof. Bofinger sich aber auch bisweilen. Prof. Bofinger hat sich in diesen Tagen ebenfalls zum Problem Griechenland zu Wort gemeldet. Er warnt davor, die Griechen sich selbst zu überlassen, denn die Auswirkungen für die Wirtschaft Europas und für den Außenwert des Euros seien negativ. Damit stellt er wieder einmal das Konzept des Euros in Frage, etwas, was wir damals regelmäßig in den Vorlesungen getan haben. Er hat sicherlich interessante Gründe für seine Forderung. Doch ich bin an dieser Stelle nicht bereit, mit dem Euro hinsichtlich Stabilität zu experimentieren. Ich verlasse mich hier auf Prof. Issing, der vor eben solchen Hilfen warnt. Um die Welle der Empörung abzufangen: Ich sage nicht, dass Prof. Bofinger heute noch Irrtümern unterliegt. Er wird seine Gründe haben, warum er Griechenland-Hilfen bevorzugt. Und ganz bestimmt lohnt es sich, seine Theorien anzuschauen, um die Auswirkungen eines Abtretens von der „no-bail-out-clause“ besser abschätzen zu können. Wenn Sie fragen, wie man die „no- bail-out-clause“ umgehen könnte, dann schauen Sie sich seine Theorien an. Es hilft, die möglichen Folgen abzuschätzen. Doch wenn Sie mich danach fragen, was die richtige Antwort Deutschlands auf die Probleme Griechenlands ist, dann halte ich mich an Prof. Issing: No bail-out! POLITISCHE DISKUSSION UM GRIECHENLAND 71% der deutschen Bevölkerung sind gegen finanzielle Hilfen für Griechenland. Dennoch fährt Frau Merkel nach Frankreich und lässt sich von Präsident Sarkozy dazu überreden, Unterstützung zuzusagen und finanzielle Hilfen nicht auszuschließen. Finanzminister Wolfgang Schäuble hatte dies schon zum Wochenbeginn lautstark gefordert. Wie kann die CDU auf solche Abwege geraten? Nicht nur die Fakten sprechen gegen finanzielle Hilfen für Griechenland, sondern auch die Bevölkerung. Es geht also nicht einmal mehr um Stimmenfang. Ich verstehe das nicht, hören Merkel und Schäuble etwa auf den falschen Professor? Nein, das glaube ich nicht. So langsam sickern weitere Informationen zur Verschuldung Griechenlands durch: Von den 302 Mrd. Euro, die Griechenland von europäischen Banken geliehen hat, stammen 43 Mrd. Euro von deutschen Banken. Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, ließ schon hören, dass sein Institut kein besonders großes Engagement mit Griechenland habe. Sollte hier etwa der nächste Skandal für die deutschen Landesbanken entstehen? Ich will es nicht ausschließen. Genug Politik und Volkswirtschaft, lassen Sie und einen Blick auf die Börse werfen. Doch ich wollte Ihnen diese meine Gedanken nicht vorenthalten. Im Wochenverlauf habe ich zweimal ein Update geschrieben, dies jedoch nicht an Sie verschickt, weil die Ereignisse deren Aussagen schon wieder überholt hatten. Somit mussten Sie sich heute meine geballten Gedanken dazu anhören :-) WOCHENRÜCKBLICK Ich habe den Eindruck, dass die Finanzmärkte weltweit derzeit auf die EU und unser Problem mit Griechenland blicken. Andere Meldungen werden kaum beachtet. Wenn jedoch der EZB-Chef Jean- Claude Trichet seinen Australienbesuch am Dienstag vorzeitig abbricht, um nach Europa zurück zu fliegen, dann beginnen die Börsen zu steigen. Trichet sieht das Problem Griechenland als wichtig an und so wurde nun eine baldige Lösung erwartet. Gut, die Politiker haben eine andere Vorstellung einer Problemlösung und so blieb Trichet weitgehend unbeteiligt an der nun vorgeschlagenen Lösung. So bröckelte die hoffnungsvolle Stimmung im weiteren Wochenverlauf mit zunehmenden politischen Verhandlungen weiter ab. A propos Verhandlung: Ich lese immer wieder von Verhandlungen mit Griechenland. In der Wirtschaft würde ein Insolvenzverwalter geschickt werden und das war’s. So kann ich Ihnen heute nur eine lange Liste der in meinen Augen extrem wichtigen und aufschlussreichen Ereignisse geben, die von der Börse vorerst nicht beachtet wurden. Doch wenn wir uns mit diesem Ereignissen auseinander setzen dann können wir Rückschlüsse darauf ziehen, wohin die Reise als nächstes gehen wird. BHP Billiton, der weltgrößte Minenkonzern mit einem Schwerpunkt beim Eisenerz, hat von einer stabilen Nachfrage seitens China auf dem Rohstoffmarkt gesprochen. Diese Woche wurde der Preis für Eisenerz ausgehandelt, zu dem China in den nächsten Monaten von BHP Billiton beliefert wird. Der ausgehandelte Preis ist um 40% höher als zuvor. Hört sich das nach einem Rückfall Chinas in die Wirtschaftskrise an? Arcelor Mittal, der weltgrößte Stahlkonzern hat zwar ein schlechtes Ergebnis für das abgelaufene Jahr vermeldet, doch gibt sich extrem optimistisch für das laufende Jahr 2010. Insbesondere seitens China könne man eine robuste Nachfrage und wieder steigende Stahlpreise verzeichnen. Auch das hört sich für mich nicht nach Rezessionsgeplapper an. ThyssenKrupp hat heute seine Zahlen vorgelegt. Der deutsche Stahlkonzern hat die Erwartungen für die vergangenen drei Monate deutlich übertroffen, die Aktie führt heute den DAX an. Die US-Arbeitsmarktdaten sorgten gestern für eine positive Überraschung: Es wurden deutlich mehr neue Jobs geschaffen als erwartet. Die positive Entwicklung der vergangenen Monate setzt sich fort, auch wenn die eine oder andere Woche mal wieder ein Rückschlag kommt. Das hat ein Winter mit vielen Blizzards und Schneeunwettern eben so an sich. Am Dienstag hat Obama in einem Interview die Boni von Bankenchefs mit den Gehältern von Football-Spielern verglichen. Er sagte, es gebe Football-Spieler die mehr verdienen als Banker und ihre Mannschaft nicht einmal in die World-Series führen – sprich versagen. Und dies relativiere die Bonuszahlungen für Jamie Dimon, CEO von J.P. Morgan (17 Mrd. USD in Aktien), und Lloyd Blankfein, CEO von Goldman Sachs (9 Mrd. USD in Aktien), die ihre Unternehmen gut durch die Finanzkrise gebracht haben. Das hört sich nicht mehr nach einem wild um sich schlagenden Präsidenten an, vor dem die Börse Angst hatte. US-Notenbankchef Ben Bernanke hat geäußert, dass er seine Geldpolitik je nach der konjunkturellen Entwicklung der USA ausrichten werde. Noch sehe er das niedrige Zinsniveau auf längere Zeit für sinnvoll an. Sollten sich die Fakten ändern, dann würde er jedoch auch schnell reagieren. Diese Aussage wurde von der Börse negativ aufgefasst, der Dow Jones sackte in Folge dieser Rede deutlich ab. Dabei hat Bernanke doch nur vernünftige Worte verwendet: Er werde auf die konjunkturelle Entwicklung achten und seine Geldpolitik danach ausrichten. Was sonst soll er tun? Soll er etwa sagen, dass er den US-Leitzins für die nächsten drei Jahre bei 0% belässt, komme was da wolle? Das wäre doch Quatsch. Oder soll er sagen, die Konjunktur zieht an, der Wirtschaft geht es gut und er werde den Zins bald anheben? Das wäre ebenfalls Quatsch, denn noch ist es zu früh für Zinsanhebungen. Die US-Konjunktur „stabilisiert“ sich, sie wächst aber noch lange nicht ausreichend, um Zinsanhebungen zu verkraften. Soweit also ein paar wesentliche Nachrichten dieser Woche. Wenn ich mir vor Augen führe, dass nunmehr das Damoklesschwert eines schwachen Chinas negiert wurde, die Damoklesschwerter Obama, US-Arbeitslosigkeit, Griechenland sich in Wohlgefallen auflösen, wo bleibt dann die Rallye? Die Bewegungen an den Börsen blieben diese Woche recht volatil, die Stimmung hat sich mehrfach gedreht und ich habe den Eindruck wir befinden uns in einer Warteposition.

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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