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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 24.07.2009

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 24.07.2009:

Börsenbrief Heibel-Ticker
Heibel-Ticker

Stephan Heibel - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit März 2000

Wunschanalyse: Infineon mit Chancen im Wachstumsmarkt

Infineon konnte Gevatter Konkurs nochmals von der Schippe springen und stellt mit der aktuellen Kapitalerhöhung die Bilanz auf solide Füße. Doch nun müssen noch wettbewerbsfähige Produkte entwickelt werden, um mittelfristig Umsatz und Gewinn auszubauen.

Dies wird nur schwer mit dem strategischen Partner Nokia gelingen.


EIGENTLICH ZYKLISCHES GESCHÄFT DER CHIP-INDUSTRIE


Jawohl: „Eigentlich!“ Nur wenige andere Geschäftszweige reagieren mit ihren Investitionen so stark auf Konjunkturschwankungen wie die Informationstechnologie. Hardwareanschaffungen werden in Krisenzeiten zurück gestellt, alte Rechner laufen meist länger als deren Anwender das glauben wollen – sehr zum Unmut der Angestellten.

Wenn wir uns die Quartalsergebnisse einiger Kunden von Infineon anschauen, dann sollten alle Alarmglocken läuten: Nokia erleidet einen Umsatzeinbruch, kann nur durch konsequente Kostensparprogramme einen Gewinn ausweisen. Bei Dell sieht es ganz ähnlich aus, zusätzlich klagt Dell über die gestiegenen Preise bei den Mikroprozessoren (sprich Chips!). Auch SAP fährt Kostensparprogramme und will die Mitarbeiterzahl mit Hilfe der natürlichen Fluktuation senken. Die Branche ist „eigentlich“ voll von der Rezession ergriffen, an Umsatzsteigerungen ist in diesem Umfeld nicht zu denken.

„Eigentlich“ schade, oder? Nun, ich würde nicht so auf dem Begriff „eigentlich“ herumreiten, wenn es nicht noch eine andere Betrachtungsweise gebe: Es gibt meiner Ansicht nach einen sekulären (also nachhaltigen, über mehrere Jahre andauernden und von Konjunkturzyklen unbeeindruckten) Wachstumstrend in der IT-Branche: Das mobile Internet.

Die Schlagzeilen in diesem Bereich machen derzeit andere Unternehmen: Apples iPhone hat die Nutzung des mobilen Internets neu definiert. Research in Motions Blackberry hat Mitarbeitern den mobilen Zugriff auf Unternehmensdaten ermöglicht und Palm hat mit seinem Pre endlich wieder ein Comeback erleben dürfen. Alle Geräte setzen Chips von Qualcomm ein, die Flash-Speicher werden häufig vom Marktführer Sandisk geliefert. Die beiden größten Märkte der Welt haben extrem großen Aufholbedarf im Bereich der mobilen Internetnutzung:
China hat den Ausbau des 3G Netzes verabschiedet und die Flächendeckung der 3G-Netze in den USA wird in diesem Jahr unter Hochdruck vorangetrieben, so dass die vier großen Anbieter (AT&T, Sprint, T-Mobile & Verizon) bis Ende diesen Jahres den Großteil der US-Bevölkerung mit 3G-Geschwindigkeit bedienen können.

Chips für PCs sind schon lange auf dem Rückzug, inzwischen sind auch Laptops nicht mehr so heiße Produkte und die mobilen Prozessoren von Intel finden inzwischen nur noch beim boomenden Geschäft von Apple-MacBooks reißenden Absatz. Das künftige Wachstum jedoch findet bei den mobilen Kleinstgeräten statt, in denen ein Chip die vollständige Funktionalität abbilden muss. Wird Infineon sich ein Stückchen dieses Kuchens abschneiden können?


FINANZIERUNGSPROBLEME SEIT KURZEM GELÖST


Nicht umsonst ist der Kurs von Infineon von Anfang 2007 bis zum März 2009 von 14 auf 0,40 Euro eingebrochen: Die Zukunft des Unternehmens stand auf des Messers Schneide. Finanzierungsprobleme drohten im Umfeld der Liquiditätskrise an den internationalen Finanzmärkten das Unternehmen in die Insolvenz zu treiben. Rückläufige Umsatzzahlen halfen nicht gerade bei den Finanzierungsverhandlungen.

Rückläufiger Umsatz während gleichzeitig neue Märkte boomen? Da hat Infineon wohl die eine oder andere Entwicklung verschlafen. Genau wie der große Mobilfunkpartner Infineons: Nokia. Als vor wenigen Monaten noch eine Weltwirtschaftskrise drohte, war daher nicht an neue Finanzmittel zu kommen und Refinanzierungsverpflichtungen in Höhe von rund 700 Mio. Euro, die bis zum Herbst 2010 fällig werden, drohten das Unternehmen in die Insolvenz zu schicken.

Nun, die Weltwirtschaftskrise kam nicht, die Kurse begannen wieder zu steigen. Innerhalb von nur zwei Monaten sprang die Aktie von Infineon von 0,40 Euro auf 2,60 Euro. Anfang Juli wurde nun das Festnetzgeschäft des Unternehmens für 250 Mio. Euro verkauft, direkt im Anschluss vermeldete das Unternehmen eine Kapitalerhöhung um 45%, wobei die Abnahme von bis zu 30% der neuen Aktien durch den US-Investor Apollo Capital garantiert werde.  

Wenn Infineon seine mittelfristigen Finanzierungsprobleme mit diesem neuen Kapital löst, dann bleiben nach dieser heftigen Kapitalerhöhung noch immer einige hundert Millionen Euro Barbestand übrig, mit dem Infineon in diesen angespannten Zeiten wirtschaften, also investieren kann. Damit ist das Unternehmen von einem Pleitekandidaten zu einem handlungsfähigen Unternehmen mutiert.

Die neuen Aktien werden zu 2,15 Euro angeboten, bei einem aktuellen Kurs von 3,05 Euro ist davon auszugehen, dass die meisten Aktionäre ihr Bezugsrecht ausüben werden. Die bedingte Garantie von Apollo Capital wird also vermutlich gar nicht benötigt. Die Bezugsfrist endet am 3. August.


HOHES BEWERTUNGSNIVEAU


Also so richtig Gewinn kann Infineon dennoch nicht vorweisen. Im Gegenteil, die Schulden des Unternehmens kommen leider nicht von Investitionen, sondern von kontinuierlichen Verlusten der vergangenen fünf Jahre. Seit 2004 hat Infineon keinen Jahresüberschuss mehr erwirtschaftet. Und gleichzeitig ist der Umsatz von 8 auf nunmehr 3,3 Mrd. Euro zurückgegangen. Wir haben es also mit einem Unternehmen zu tun, das mit dem Rücken zur Wand steht.

Den aktuellen Prognosen zufolge wird Infineon auch im laufenden Jahr einen Verlust erwirtschaften. Erst für das kommende Geschäftsjahr 2010 rechnet man mit einem marginalen Gewinn. Das KGV ist daher keine brauchbare Bewertungskennziffer.

Die 3,3 Mrd. Euro Umsatz werden an der Börse mit 2,3 Mrd. Euro Marktkapitalisierung belegt. Fehlendes Wachstum, in wenigen Wochen viel Cash ohne brauchbares Geschäft, das ist eine Turnaround-Spekulation.

Der Turnaround könnte in meinen Augen von Nokia kommen: Der mit Abstand größte Handy-Anbieter weltweit wird den Trend des mobilen Internets nicht verstreichen lassen. Dort wird es große Investitionen geben, um Marktanteile von Apple RIMM, LG, Samsung und Palm zurück zu erobern. Sollte Nokia bei diesem Vorhaben auf Infineon bauen, so kann ich mir gut vorstellen, dass der Turnaround gelingen kann. Allerdings ist die strategische Partnerschaft für Nokia weit weniger wichtig als für Infineon, Nokia greift regelmäßig auch auf andere Partner zurück.

Infineon muss also die neuen liquiden Mittel in die Forschung stecken und wettbewerbsfähige 3G-Chips anbieten. Der Wettbewerb ist jedoch nicht ohne und wenn ich mir die „Erfolgsgeschichte“ Infineons der vergangenen Jahren anschaue, dann habe ich so meine Zweifel, ob dies gelingen kann.


KURZFRISTIG POSITIVES ÜBERRASCHUNGSPOTENTIAL


Am 29. Juli wird Infineon sein Quartalsergebnis vermelden. Wie ich weiter oben schon vermerkt habe, ist die Branche des mobilen Internets derzeit am boomen, die Auswirkungen ergießen sich auf den gesamten Chipsektor, denn auch Dell hat über höhere Chippreise geklagt. Ich gehe also davon aus, das Infineon die Erwartungen übertreffen wird, eine positive Überraschung sollte dem Kurs nochmals zu einem weiteren Anstieg verhelfen.

Zusätzlich wird am 3. August meiner Erwartung nach die erfolgreiche Platzierung der neuen Aktien vermeldet, was ein weiterer Pluspunkt für das Unternehmen ist.

Danach schwimmt Infineon im Geld und muss den kurzfristig positiven Überraschungseffekt in den Aufbau langfristiger Geschäftsbeziehungen umwandeln. Das wird dauern und ich erwarte daher anschließend erst einmal keine besonderen Kurssprünge mehr.


FAZIT


Nach dem Anstieg von 0,40 auf 3,50 Euro ist kurzfristig die Luft nach oben sehr dünn geworden. In den nächsten zwei Wochen erwarte ich noch eine positive Überraschung beim Quartalsergebnis sowie der erfolgreichen Aktienplatzierung, danach wird es erst einmal dauern, bis weitere positive Meldungen dem Kurs erneut Auftrieb geben können.

Die großen Kursgewinne bei Infineon sind gemacht worden, weil das Unternehmen die Insolvenz abwenden konnte. Nun müssen sich die Produkte im Wettbewerb behaupten und das ist eine ganz andere Geschichte. Ich würde lieber auf die führenden Anbieter wie Sandisk oder Qualcomm zurückgreifen, deren Produkte bereits die erste Wahl von Apple, RIMM und Palm sind.

Nokia ist derzeit nicht in der Lage, neue Innovationen in den Markt zu bringen, sondern muss mit „me-too“-Produkten erst einmal den Anschluss an die obigen führenden Anbieter von Geräten für das mobile Internet finden. Dabei wird Nokia also auf die etablierten Lösungen zugreifen und nur sehr vorsichtig neue Entwicklungen finanzieren. Genau solche neuen Entwicklungen wären aber für Infineon in der augenblicklichen Situation die Chance, mittelfristig wieder steigende Umsätze zu generieren. Es wird also schwer sein für Infineon, in diesem Markt wieder Fuß zu fassen.

Kurse über 3,30 Euro sind in meinen Augen Verkaufskurse. Einen Stopp Loss würde ich bei 2,50 Euro unter bestehende Positionen setzen.


Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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