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Veröffentlicht von CURT L. SCHMITT Informationsdienste am 08.03.2012

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 08.03.2012:

Börsenbrief Frankfurter Börsenbrief
Frankfurter Börsenbrief

CURT L. SCHMITT Informationsdienste - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit Januar 1954

Ungleichgewichte werden am schnellsten beseitigt, wenn man auf beiden Seiten Korrekturen anbringt.

Dies ergibt nach der kurzfristigen Rettung/Stützung von Griechenland einen hochinteressanten Blick auf die europäischen Arbeitsmärkte. Denn die europäische Malaise ist nicht nur eine Banken- oder Staatsschuldenkrise, sondern letztlich auch und insbesondere eine Krise der unterschiedlichen Entwicklungen in puncto Wettbewerbsfähigkeit.

 

So war es möglich, dass einzelne Länder über ihre Verhältnisse lebten mit der Folge einer massiven Verschlechterung in der Wettbewerbsfähigkeit und entsprechenden Defiziten im Außenhandel (Stichwort Leistungsbilanz). Die völlig aus dem Ruder gelaufenen Forderungen bzw. Verbindlichkeiten innerhalb des europäischen Zahlungssystems (Target 2) sind dafür exemplarisch. Wir hatten darauf bereits hingewiesen. Das Risiko insbesondere für Deutschland ist so enorm, dass der politische Wille für das Projekt Europa weiterhin extrem groß ist. Doch politischer Wille allein löst das Grundproblem der auseinanderklaffenden Wettbewerbsfähigkeit nicht. Die Nordund Südländer sind dabei gewissermaßen wie Scherenklingen, die nun zueinander gebracht werden müssen. Dies ist ein indirektes Manöver, denn eine simple Währungsabwertung ist innerhalb des Euro-Clubs nicht möglich.

Die Nordländer und insbesondere Deutschland brauchen interne Aufwertung. Eine willkommene Gelegenheit für dieses Manöver ist die anstehende Tarifrunde. Die Gewerkschaften haben sich bereits eingeschossen und haben dabei starke Munition im Köcher. Denn den deutschen Unternehmen geht es blendend: Allein die Unternehmen des DAX30 werden ihre Aktionäre in diesem Jahr voraussichtlich mit etwa 27 Mrd. € an Dividenden verwöhnen, was die zweithöchste Dividendensumme überhaupt ist. Allein im April/Mai wird es einen warmen Regen von etwa 24 Mrd. € geben. Aller Konjunkturunsicherheit zum Trotz ist der große Einbruch für die deutsche Konjunktur ausgeblieben. Nach Jahren weitgehender Abstinenz wollen die Arbeitnehmer ebenfalls vom Aufschwung profitieren. Das macht auch Sinn, immerhin haben die Unternehmen des DAX in den letzten 10 Jahren die Dividenden im Schnitt um 87 % erhöht, während die Personalaufwen- dungen im Betrachtungszeitraum gerade mal um etwa 12 % vorankamen. Real und etwas breiter gerechnet ist in den letzten Jahren noch weniger beim Arbeitnehmer „kleben geblieben“. Von Januar 2002 bis November 2011 ergab sich bei den Verbraucherpreisen eine Teuerung um 17 %, die Löhne und Gehälter blieben mit plus 11,2 % deutlich dahinter zurück. Real gerechnet haben Arbeitnehmer also in den letzten Jahren sozusagen in die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands investiert. Entsprechend sportlich sind die Forderungen. IG Metall und Verdi hatten sich jeweils plus 6,5 % auf die Fahne geschrieben. Diese beiden Tarifabschlüsse werden eine wichtig Signalfunktion haben und im Ergebnis auch nicht moderat ausfallen. Für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands wäre das eine gewisse Bremse, die sich unser Land derzeit aber auch leisten kann. Bei einem Anteil der Personalkosten am Umsatz von grob geschätzt 15 bis 20 % (davon teils ein erheblicher Anteil im Ausland), würde eine Lohnerhöhung um 5 % nach Steuern gerechnet wohl nur mit etwa 0,3 bis 0,4 %-Punkten auf die Nettomargen drücken. Das wäre zwar nicht schön, aber letztlich auch kein Stolperstein.

Andererseits brauchen die „Südländer“ eine interne Abwertung. Das erfordert innenpolitisch noch mehr „Schwimmen gegen den Strom“, denn es bedeutet für viele Menschen schmerzhafte Einschnitte und echte Wohlstandseinbußen. Doch scheint es tatsächlich zu gelingen, extrem dicke, alte Zöpfe abzuschneiden, wie das Beispiel Spanien aufzeigt: Der Gouverneur der spanischen Zentralbank sprach sich für Einschnitte bei Gehältern und Preisen aus. Das Kabinett des Ministerpräsidenten Mariano Rajoy einigte sich vor Kurzem darauf, verschiedene Gehälter in Staatsbetrieben um im Schnitt 30 % zu kürzen. Gelänge eine landesweite Absenkung der Gehälter um 20 bis 30 %, ergäbe sich ein gewaltiger Sprung nach vorn in der Wettbewerbsfähigkeit, insbesondere dann, wenn auch ansonsten die Bedingungen flexibilisiert würden. Die Arbeitsmarktreform der spanischen Regierung mit beispielsweise niedrigeren Abfindungssätzen könnte ein wichtiger Teil dieser Entwicklung werden. Solche Maßnahmen sind schmerzhaft und unpopulär, aber sie sind der Nährboden für eine nachhaltige Gesundung, weil hier die Ursachen und nicht nur Symptome behandelt werden. 

 

 


Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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