Südkorea -Tigerstaat auf dem Sprung

Veröffentlicht am 14.12.2010

Die jüngste Eskalation im Konflikt zwischen Süd- und Nordkorea rief der Weltöffentlichkeit ins Bewusstsein, dass die Spannungen des geteilten Landes ernst zu nehmen sind. Eine Annäherung oder sogar eine Wiedervereinigung scheinen derzeit in weite Ferne gerückt. Der Entwicklung am Aktienmarkt hat das Säbelrasseln bislang kaum geschadet.


Als Reaktion auf das Gefecht der beiden Staaten im Gelben Meer Ende November verlor der koreanische Leitindex KOSPI zwar zwischenzeitlich um 2,4%, erholte sich aber rasch wieder. Offenbar sahen vor allem ausländische und institutionelle Anleger im Kursrückgang eine günstige Einstiegsgelegenheit. Aus dem südkoreanischen Finanzministerium verlautete nach der Attacke, dass man – falls nötig – bereit sei, den Finanzmarkt mit Liquidität zu stützen. Südkorea schätzt seine Wirtschaft als stabil genug ein, um solche Belastungsfaktoren zu überstehen. Nach Reuters-Angaben verkauften ausländische Anleger in den drei Tagen nach dem Angriff koreanische Aktien im Wert von 70 Mrd. Won, während sich einheimische Investoren von Papieren im Wert von 450 Mrd. Won trennten. Allerdings beziffert Reuters den Wert des koreanischen Marktes auf insgesamt über 1.000 Bio. Won. Vom Agrar- zum Industriestaat Südkoreas Wirtschaft hat in wenigen Jahrzehnten einen eindrucksvollen Wandel vollzogen. Der Koreanische Krieg 1950 bis 1953 hatte das Land schwer verwüstet. Mehr schlecht als recht lebten die Menschen von der Landwirtschaft. In den 60er Jahren unter der eisernen Führung des Generals und Präsidenten Park Chung-hee wurde die Wirtschaft umstrukturiert und modernisiert. Südkorea stieg zum modernen Industriestaat auf, auch wenn dabei die Demokratie auf der Strecke blieb. Enge Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Politik, gezielte Förderung bestimmter Wirtschaftssektoren sowie des Exports, Beschränkungen der Importe und gleichzeitig auch Verbesserungen des Bildungswesens waren das Erfolgsrezept, das auch dem Lebensstandard der Südkoreaner erheblich zugute kam. Bis heute schneiden übrigens südkoreanische Schulkinder im internationalen Vergleich glänzend ab. In den 80er Jahren wurden allerdings Forderungen nach echter Demokratie immer lauter, es kam zu vielen Demonstrationen und teilweise blutigen Unruhen. Technologie aus Südkorea Doch die Demokratiebewegung ließ sich nicht aufhalten. 1987 fanden die ersten demokratischen Wahlen statt, aus denen Präsident Roh Tae-woo als Sieger hervorging. Während seiner Amtszeit machte die Demokratie in Südkorea große Fortschritte. 1993 wurde erstmals seit 32 Jahren mit Kim Young-sam wieder ein Zivilist als Staatschef gewählt. Heute gilt das freiheitliche Staatssystem in der Republik als fest etabliert. Die dynamische Wirtschaftsentwicklung erhielt während der Asienkrise 1997/98 einen Dämpfer und stürzte das Land in eine Rezession. Allerdings wurden auch Lehren aus dieser Zeit gezogen. So wurde unter anderem das Finanzsystem reformiert, und es wurden höhere Eigenkapitalquoten für Banken vorgeschrieben. Nachdem die Asienkrise mit Hilfe des IWF überstanden war, kehrte Südkorea auf den Wachstumspfad zurück. Vor allem in vielen Technologiebereichen, bei Unterhaltungselektronik, Halbleitern und in der LCD-Industrie, aber auch beim Schiffbau gehören südkoreanische Unternehmen zur Weltspitze. Der weltweiten Wirtschaftskrise konnte sich das südostasiatische Land zwar nicht entziehen, doch Anfang 2009 war der Abschwung ad acta gelegt, nicht zuletzt dank eines Programms zur Stimulierung der Konjunktur sowie eines Investitionsprogramms zur Sanierung von Flüssen und zum Ausbau von Bahnstrecken – Korea wurde als Anlageregion zunehmend attraktiver. Ein unterbewerteter Won, ein starker Export, vor allem bei Autos und Elektronik und ein lebhafter privater Konsum sorgten für wirtschaftliches Wachstum und lockten Investoren an. Gute Wachstumsaussichten Die Haushaltslage der Republik hat sich dank des Wirtschaftswachstums verbessert. So soll sich das Haushaltsdefizit, das im letzten Jahr bei über 4% des BIP lag, dieses Jahr halbieren. Zudem verfügt Korea über umfangreiche Devisenreserven. Sollte sich der Konflikt zwischen Nord- und Südkorea verschärfen, sind starke Schwankungen oder sogar Verluste am koreanischen Aktienmarkt nicht auszuschließen. Auch der private Verbrauch, der neben dem Export ein wichtiger Wachstumsfaktor ist, könnte nachlassen, was die Konjunkturentwicklung schwächen könnte. Für das Jahr 2010 erwartet das Wirtschaftsforschungsinstitut Samsung Economic Research Institute allerdings ein Wirtschaftswachstum von 5,9%, 2011 dürfte das Plus bei 4% liegen. Der IWF und die Bank of Korea rechnen sogar mit 4,5% Wachstum. Korea bemüht sich vor allem darum, sich als Anbieter alternativer Energien wie Wind- und Solarparks zu etablieren und auch Technologien wie Hybrid- und Elektroantriebe für Autos voranzutreiben. Auch von der Nähe zu China profitiert Südkorea: Das Reich der Mitte gehört zu den wichtigsten Handelspartnern. Die Lieferungen nach China legten während des ersten Halbjahres 2010 um mehr als 34% zu. Mit Indien besteht seit Anfang 2010 ein Freihandelsabkommen, kürzlich unterzeichnete die Republik auch mit der EU ein Abkommen, das ab 2011 zur Anwendung kommen könnte. Die Ratifizierung eines Anfang Dezember mit den USA geschlossenen Freihandelsabkommens steht noch aus. Per ETF investieren Einige internationale Konzerne aus Südkorea sind weltbekannt, wie LG Electronics oder Samsung mit ihren Mobiltelefonen und Flachbildschirmen oder Hyundai, unter anderem ein Produzent von Autos. Weniger vertraut dürften Anleger dagegen mit dem Industriekonzern Poongsan oder dem Logistikkonzern Glovis sein. Um sich den südkoreanischen Markt zu erschließen, sind ETFs daher eine komfortable Wahl. Die meisten Südkorea-ETFs beziehen sich nicht auf den Leitindex KOSPI, sondern auf den MSCI Korea, der rund 100 der nach Marktkapitalisierung größten und am stärksten gehandelten südkoreanischen Aktien enthält. Aktuell sind Unternehmen aus dem Bereich Informationstechnologie mit über 25% am höchsten gewichtet, gefolgt von Industriekonzernen mit rund 16,5%. Zyklische Konsumgüter sowie Finanztitel kommen auf jeweils knapp unter 15%. Fazit: Südkorea, neben Hongkong, Singapur und Taiwan einer der vier Tigerstaaten, hat die jüngste weltweite Schwächephase gut überstanden und befindet sich auf Wachstumskurs. Neben dem Export gewinnt zwar auch der Binnenverbrauch zunehmend an Bedeutung, doch der Außenhandel ist immer noch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Lässt die Nachfrage bei wichtigen Handelspartnern nach, könnte dies die konjunkturelle Entwicklung bremsen. Obwohl das Land über eine starke Position im Hochtechnologiebereich verfügt, das Pro- Kopf-Einkommen 2010 über 20.000 US-Dollar erreichen dürfte und die Republik von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) als Industriestaat mit moderner Wirtschaft eingestuft wird, ordnet es der Finanzdienstleister MSCI weiterhin als Schwellenmarkt ein. Anstoß wird unter anderem daran genommen, dass der Won nicht voll konvertierbar ist. Nicht zuletzt aufgrund des schwelenden Konflikts mit Nordkorea sollten Anleger mit größeren Schwankungen rechnen. 12

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