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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 27.11.2010

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 27.11.2010:

Börsenbrief Heibel-Ticker
Heibel-Ticker

Stephan Heibel - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit März 2000

Solidarität oder Stabilität

Wissen Sie, wo die Euro-Turbulenzen in Deutschland hinführen werden? Ich könnte mir vorstellen, dass der Einzelhandel in diesem Jahr alle Rekorde brechen wird. Bereits im Vorfeld mehren sich die optimistischen Stimmen, doch ich erwarte noch einen zusätzlichen Antrieb durch die Euro-Turbulenzen. Die ganze Welt hackt auf Deutschland herum, dass wir zu viel sparen, zu diszipliniert sind und zu wenig Preissteigerung zulassen. Da fragt sich sicherlich der eine oder andere Bürger, wie lange sich unsere Politik diesem Vorwurf noch erfolgreich wird widersetzen können. Die Erfahrung der vergangenen Monate: Nicht allzu lange.

Das ist die wichtigste Erkenntnis für mich, die ich aus den derzeitigen Euro-Turbulenzen ziehe. Die sinkende Wertschätzung des Euros als Wertaufbewahrungsmittel wird den Konsum anheizen. Freuen Sie sich auf eine reiche Bescherung in diesem Jahr. Die Frage, ≥ob„ Portugal auch noch unter den Rettungsschirm schlüpfen muss, ist in meinen Augen nicht zielführend. Auch die provokante Frage nach dem ≥wann?„ hilft uns nicht weiter. Wichtig ist lediglich eine Abschätzung über das Risiko einer Ansteckung Spaniens. Hängt Spanien bereits in den Seilen, unfähig sich selbst aus der Schuldenkrise zu ziehen? Wenn ich mein volkswirtschaftliches Wissen abrufe, muss ich sagen: Ja, Spanien wird ebenfalls irgendwann fallen. Es gibt aber noch eine Menge von Verschlimmbesserungen, die von der Politik zum Zeitschinden vorgenommen werden können. So könnte nun am Fall Irlands oder dann auch Portugals erstmals eine Beteiligung der Anleiheeigner an den Verlusten, wie von Merkel verlangt, umgesetzt werden. Das wäre ein Warnsignal für die Spekulanten, die inzwischen routinemäßig auf einen Bail-out setzen, der vollständig aus Steuergeldern finanziert wird. Ein solcher Schritt würde sodann auch eine weitere Spekulation gegen Spanien zeitlich sicherlich weiter nach hinten schieben. Sicherlich würde auch eine ernste Auseinandersetzung mit dem immer wieder aufkommenden Vorschlag des Europas des Nordens und des Südens für eine Verschnaufpause bei den Defizitländern sorgen, doch ein solcher Schritt ist derzeit politisch noch bei weitem nicht möglich. So dürfen wir uns also auf immer neue Turbulenzen bei den Währungen einstellen. An Tagen, an denen Schlagzeilen über den schwachen Euro die Titelseiten dominieren, dürfte die Aktienbörse steigen. An Tagen, an denen die daraus resultierenden Steuererhöhungen, Haushaltsbudgeteinsparungen und ähnliches die Titelseiten dominieren, dürfte der DAX einbrechen. Heute hat der Bundestag das Sparpaket der Bundesregierung genehmigt. Ich habe diese Woche einige Diskussionen über die Hilfsbereitschaft Deutschlands geführt. Das immer wiederkehrende Argument der Befürworter ist, dass Deutschland doch extrem von dem Euro profitiert habe. Und dann wird das ≥ungerechte„ Verhalten Deutschlands häufig noch vermeintlich mit der Statistik bewiesen, der zufolge die Lohsteigerungen in Deutschland seit 2000 nur 0,3% jährlich betrugen, während die Defizitländer mit 2,3% oder 2,6% jährlichen Lohnsteigerungen aufwarten. Das Argument: Deutschland habe sich durch die Lohnzurückhaltung Wettbewerbsvorteile geschaffen, die nun zu Problemen bei den anderen Ländern führten. Mein Argument dagegen: Erinnern Sie sich noch an die 90er Jahre? Verhandlungen zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften waren zur Pharse verkommen. Das Lohnniveau wurde immer höher geschraubt, Gewerkschaften mussten sich schließlich vorwerfen lassen, nur noch für die letzten verbliebenen Angestellten zu kämpfen, die dadurch erzeugte hohe Arbeitslosigkeit jedoch zu ignorieren. Es folgten die 2000er Jahre, in denen diese Fehlentwicklung ausgeglichen wurde. Zufällig fiel diese Entwicklung in die Startphase des Euros. Schon Anfang September schrieb ich sodann im Heibel-Ticker, dass die Zeit der Lohnzurückhaltung nunmehr beendet werden könne, es können meiner Auffassung nach wieder normale, den Inflationsraten angepasste Lohnanpassungen vorgenommen werden. Doch für ein Lohnniveau, das die Südländer wieder wettbewerbsfähig macht, sehe ich keinen Grund. Warum sollten wir unsere Wettbewerbsfähigkeit schädigen? Nur damit wir solidarisch mit den Südländern gemeinsam untergehen können? Oder sollten wir unser Geld nicht nehmen und die Konjunktur in Europa ankurbeln? Deutschland hat seine Hausaufgaben gemacht und könnte nun sinnvoll auf die Wirtschaftskrise reagieren. Doch diese Reaktion wird vereitelt, stattdessen sollen wir die Defizitsünder rauspauken. Na, dann kommen wir wieder auf ein altes Lieblingsthema von mir zurück: Kaufen Sie Gold! Ich habe immer wieder zu Nachkäufen geraten, zuletzt Anfang November, als der Goldpreis in US-Dollar Rekordstände erreichte, in Euro jedoch zurückgeblieben war. Heute steht der Goldpreis bei 1.030 EUR/Uz nahe seinem Allzeithoch in Euro, während er in US-Dollar gerechnet noch deutlich von seinen Höchstständen entfernt ist. Es bleibt dabei: Eine Lösung für ein international stabiles Währungssystem ist derzeit noch nicht in Sicht, wir dürfen uns also weiterhin auf zunehmende Währungsturbulenzen einstellen. Und die Aktienbörsen werden in diesem Umfeld unter wieder stärker werdenden Schwankungen einen Inflationsausgleich darstellen, also noch ein wenig weiter steigen. Letzte Woche hatte ich von Spekulanten und Investoren geschrieben. Spekulanten werden also auch in den nächsten Wochen und Monaten mal auf den Euro, mal auf den US-Dollar setzen. Investoren hingegen sollten meines Erachtens, solange keine tragfähige Lösung für ein stabiles Währungssystem in Sicht ist, einfach auf das gelbe Edelmetall setzen und abwarten.

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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