Sind mit dem Befolgen von Börsenweisheiten nachhaltige Überrenditen zu erzielen?

Hans A. Bernecker Börsenbriefe GmbH
Veröffentlicht von Hans A. Bernecker Börsenbriefe GmbH am 20.04.2016
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Aktionärsbrief

An der Börse gibt es viele Leitsprüche, aber die meisten von ihnen sind statistisch nicht verifizierbar. Folglich haben sie kaum eine nutzbare Prognosequalität, sondern dienen bestenfalls lediglich der Unterhaltung. „Bauernregeln der Börse“, könnte man also fast sagen.


Es gibt aber auch Börsenweisheiten, deren Stichhaltigkeit in mehreren Studien empirisch zweifelsfrei belegt werden konnten. Eigentlich ist das ein Widerspruch in sich, denn unter der Annahme effi zienter Finanzmärkte müssten solche Gesetzmäßigkeiten von selbst verschwinden. Dass dies nicht grundsätzlich der Fall ist, zeigt, dass die Märkte eben nicht völlig effizient sind, auch wenn sie der vollkommenen Effizienz möglicherweise schon sehr
nahe kommen.

„Sell in May and go away“ gehört zu den empirisch belegten Gesetzmäßigkeiten an der Börse. Und das nicht über einen kurzen Zeitraum, sondern über Jahrzehnte. So haben die beiden Wirtschaftswissenschaftler Sven Bouman und Ben Jacobsen im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit im Jahr 2002 nachgewiesen, dass die Performance während der sechs Wintermonate November bis April deutlich besser ist als die der Sommermonate Mai bis Oktober. Betrachtet man diesen Renditevorsprung für den MSCI USA, so ergibt sich für einen beobachteten Zeitraum von 1970 und 2015 eine Überrendite von durchschnittlich 5,2 Prozentpunkten p. a.

Aber das Phänomen ist nicht nur auf dem US-Aktienmarkt nachweisbar. Bouman und Jacobsen haben im Rahmen ihrer Arbeit 37 Aktienmärkte in sowohl Industrie- als auch Schwellenländern untersucht, wobei sich der „Sell in May“-Effekt auf 36 Aktienmärkten nachweisen ließ. Noch deutlicher als in den USA tritt das Phänomen übrigens in Europa zutage.

Wären die Finanzmärkte tatsächlich vollkommen effizient, würde allein das Bekanntwerden solcher Renditemuster zu ihrem Verschwinden führen. Jüngere Studien belegen aber, dass sich das Ausmaß der in den Wintermonaten erzielbaren Überrenditen in den letzten Jahren kaum abgeschwächt hat.

Auch wenn das Phänomen empirisch belegt werden konnte, ist dessen Ursache bisher noch unbekannt. Es gibt viele Erklärungsansätze. Einer lautet z. B., dass die ferienbedingte Abwesenheit vieler Marktakteure im Sommer die Märkte anfälliger für Rückschläge macht. Das mag teilweise auch stimmen, denn durch geringere Liquidität wird ein Markt tatsächlich anfälliger. Allerdings nicht nur für Rückschläge, sondern auch für Kursavancen. Niedrigere Liquidität verursacht sicherlich höhere Volatilität, aber eine Erklärung für ausschließliche Risiken auf der Abwärtsseite ist sie nicht. Ein weiterer Erklärungsansatz ist der Zeitpunkt der Veröffentlichung von Quartalszahlen. Aber auch das ist nicht schlüssig, ist der „Sell in May“-Effekt doch auch in Ländern nachzuweisen, in denen gar keine vierteljährlichen Zahlen veröffentlicht werden.

Hat der schwache Jahresbeginn nun das bekannte saisonale Muster durcheinandergewirbelt? Möglicherweise ist durch den heftigen Rücksetzer im Januar das Aufwärtspotenzial nun besonders groß. Nicht, wenn es nach dem Ergebnis einer Barclays-Studie geht. Zumindest für den S&P 500 konnte nämlich nachgewiesen werden, dass im Zeitraum von 1947 bis 2014 auf eine negative Performance in den Wintermonaten in der Regel auch eine schwache Sommerperiode folgt. Immerhin schwächte sich der Abwärtstrend dabei aber zumindest etwas ab.

Ein weiteres, statistisch nachweisbares Phänomen ist das sogenannte „Januar-Barometer“. Es besagt, dass die Performance im ersten Monat des Jahres eine hohe Prognosequalität für das Gesamtjahr hat. Die Analysten von Yardeni Research haben den S&P 500 für den Zeitraum 1947 bis 2013 daraufhin untersucht. In 90 % der Fälle folgte auf einen positiv verlaufenen Januar auch ein positives Gesamtjahr. Schloss der Januar hingegen negativ ab, wie auch in diesem Jahr, fi el auch die Bilanz des gesamten Jahres in 56 % der Fälle negativ aus. Insgesamt hatte die Regel in 78 % der analysierten Jahre Gültigkeit.

Die Januar-Regel hat also eine hohe statistische Aussagekraft. Aber sie scheint in der jüngeren Vergangenheit zumindest etwas aufgeweicht worden zu sein. Denn die erwähnte Barclays-Studie hat auch offenbart, dass sich seit 1980 das Bild etwas gewandelt hat. Während in den Wintermonaten ein durchschnittliches Minus von 4 % aufl ief, folgte in den Sommermonaten ein durchschnittliches Plus von 2,5 %. Andere Analysten allerdings sind der Ansicht, dass sich der Sell in May-Effekt in den vergangenen 20 bis 30 Jahren sogar noch verstärkt hat.

Bleibt 2016 alles gleich oder wird alles anders? Zum einen befi nden wir uns in einem US-Wahljahr. Der volatile Jahresbeginn ist typisch für ein Wahljahr, denn im letzten Jahr ihrer Amtszeit kümmern sich US-Präsidenten nicht mehr um langfristige Verbesserungen für ihr Land, sondern konzentrieren sich vor allem um eine gute Bilanz ihrer Amtszeit in den Geschichtsbüchern.

Desweiteren dürfte das 1. Quartal 2016 den Tiefpunkt der diesjährigen Unternehmensgewinnentwicklung markieren. Für S&P 500-Unternehmen gehen Analysten im Schnitt von einem Gewinnrückgang zwischen 9 und 10 % zum Vorjahr aus. In den vergangenen Quartalen waren die Erwartungen ebenfalls schlecht - wenn auch nicht so schlecht wie dieses Mal - und jedes Mal kam es dann nicht ganz so schlimm wie erwartet. Die Chance auf positive Unternehmensüberraschungen dürfte also größer sein als das Risiko negativer Überraschungen. Das 1. Quartal könnte also einen wichtigen Grundstein für einen erfreulichen Start in das Sommerhalbjahr gesetzt haben.
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