Das unabhängige Börsenbriefportal
Dummy user
Veröffentlicht von Stephan Heibel am 24.09.2010

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 24.09.2010:

Börsenbrief Heibel-Ticker
Heibel-Ticker

Stephan Heibel - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit März 2000

Petrobras: Weltgrößte Aktienmission

Petrobras: Größte Aktienmission aller Zeiten 2007 hat der brasilianische Ölkonzern Petrobras vor der Küste Brasiliens Ölvorkommen in der Tiefsee entdeckt. Seither sind eine ganze Reihe weiterer Ölfelder nachgewiesen worden, und Petrobras arbeitet fieberhaft an der Technologie, die zur Förderung der riesigen Ölvorkommen erforderlich ist. Doch das kostet Geld. Viel Geld. Zum einen muss Petrobras eine Genehmigung für die Ölförderung bei der brasilianischen Regierung einkaufen. Zum anderen muss kräftig in Technologie und Infrastruktur investiert werden. Und all das in Zeiten, da weltweit ein Schwenk zu regenerativen Energien vollzogen wird, oder?

Zumindest sollte man das meinen, insbesondere nachdem das BP- Unglück in der Karibik in diesem Sommer nochmals deutlich gemacht hat, dass Öl nicht nur viel CO2 in die Umwelt schleudert, sondern auch bereits in der Beschaffung sehr gefährlich sein kann. Doch wie so häufig kommt es erstens anders und zweitens als man denkt. Das Unglück in der Karibik hat bestenfalls dazu geführt, dass Investoren bewusst wurde, wie teuer die notwendige Technologie sein würde. Sicherheitsvorschriften wurden erhöht, und anstelle von schrumpfenden Gewinnmargen bei Ölkonzernen steigt der Ölpreis an. Und weil die Industriestaaten weltweit inzwischen knapp bei Kasse sind, wird die Förderung regenerativer Energien auf die lange Bank geschoben, vielmehr sucht man nach günstigeren Alternativen, um die Kosten der Energieversorgung mittelfristig im Rahmen zu halten. In Deutschland erlebt die Atomenergie eine Renaissance. In den USA sind die Umweltpläne von Obama kaum noch zu hören. Und mangels Förderung der Alternativen zum Öl kann sich diese Energiequelle ungehindert auf ein neues Preisniveau schwingen – wer hätte vor drei Jahren geglaubt, dass wir uns an einen Ölpreis über 70 USD/Fass gewöhnen können? Und wo sind die vielen abgemeldeten Autos, deren Halter gegen einen Benzinpreis über 2,50 DM/Liter Sturm laufen? Die größte Aktienemission aller Zeiten kommt zudem zu einem Zeitpunkt, da Staaten nicht mehr als sicher gelten. Zumindest die extrem niedrige Verzinsung der Staatsanleihen wird von vielen Anlegern nicht mehr als ausreichend angesehen, das Risiko einer Inflation, eines Zahlungsausfalls etc. aufzuwiegen. Alternativen sind rar, da kommt eine Aktienemission eines Ölkonzerns aus einem politisch inzwischen recht stabilen Land sehr gelegen. Die Finanzmärkte hatten gestern kein Problem, die 70 Mrd. USD für die neuen Aktien aufzubringen. Seit Wochen schon berichtet die brasilianische Notenbank von großen Zahlungsströmen ins Inland. Institutionelle Anleger haben große Summen nach Brasilien transferiert, um sich für diese Emission zu rüsten. Der brasilianische Real legte dadurch knapp 5% an Wert zu. Bei der Beurteilung einer Anlage in Petrobras betrachte ich zwei recht allgemeine Ansätze: Zum einen den Turmbau zu Babel und zum anderen die linke brasilianische Regierung. Der Turmbau zu Babel ist Sinnbild für den Größenwahn von Menschen am Zenit einer Entwicklung. Das Empire State Building wurde kurz vor der Weltwirtschaftskrise 1929-1932 geplant und in Auftrag gegeben. Ähnliche Mega-Projekte in der ganzen Welt haben immer wieder den Zenit einer Entwicklung markiert, es folgte die Ernüchterung. So ist es zumindest eine Überlegung wert, ob die gigantische Summe von 70 Mrd. USD nicht ebenfalls einen Zenit am Ölmarkt markiert. Zumal mit den 70 Mrd. USD gerade einmal das eingesetzte Eigenkapital finanziert wird, insgesamt gehen Analysten von einem Investitionsvolumen von weit über 200 Mrd. USD aus. Ein weiterer Punkt, der Anleger stutzig machen wird, ist die Beteiligung der brasilianischen Regierung an Petrobras. Im Rahmen der Aktienemission hat das Land seine Beteiligung auf 48% erhöht, Petrobras ist damit fast zur Hälfte verstaatlicht. „Bezahlt“ wurde diese Anteilserhöhung durch die Erteilung der Erlaubnis, 5 Mrd. Fässer Öl aus der Tiefsee zu fördern. 42,5 Mrd. USD der 70 Mrd. USD Kapitalerhöhung sind dem Unternehmen also nicht in bar zugeflossen, sondern wurden gegen das Förderrecht eingetauscht. Zur Finanzierung der notwendigen Investitionen in der Gesamthöhe von über 200 Mrd. USD erwarten Analysten die Ausgabe von Unternehmensanleihen, die durch eine attraktive Verzinsung die erwarteten Gewinne je Aktie schmälern würden. Es handelt sich also um ein gigantisches Projekt, dessen, in der Zukunft auftretende Probleme, heute noch kaum abgesehen werden können. Ich erwarte daher, ganz grob gesagt, die folgende Entwicklung: Kurzfristig wird nun die Euphorie über die gelungene Kapitalerhöhung Oberhand gewinnen und die Aktie könnte tatsächlich ein wenig zulegen. Es wird Berechnungen geben, wie viel Öl aus der Tiefsee geholt werden kann, was dafür an Kosten anfallen könnte und zu welchem Preis das Öl verkauft werden kann. Daraus wird, auch unter Einberechnung vieler Unsicherheitsfaktoren, noch immer ein dicker Gewinn für Petrobras abgeleitet, was der Aktie Beine machen sollte. Doch wie wir hier in Hamburg am Bau der Elbphilharmonie erleben, sind selbst die pessimistischsten Erwartungen für solche gigantischen Projekte häufig nicht pessimistisch genug. Im Verlauf der nächsten Monate und Jahre werden Probleme aufkommen, die zu exorbitant hohen Mehrkosten führen. Zudem wird in den nächsten Tagen Präsident Lula durch einen Nachfolger abgelöst, vermutlich ebenfalls ein weiterer Linkspolitiker. Während Lula eine für linke Verhältnisse ordentliche Wirtschaftspolitik betrieben hat, ist es natürlich niemals sicher, wie lange sich der Staat vor einem Zugriff auf lukrative Gewinne halb-staatseigener Konzerne zurückhalten wird. Unternehmen, die den Staat als Großaktionär im Boot haben, gehen zwar selten Pleite, doch die Gewinne wachsen nicht in den Himmel. Und während wir derzeit eine Rückbesinnung auf Öl und Atomenergie haben, wird auch dieser Trend nicht über mehrere Jahre anhalten. Ich denke, dass insbesondere die Automobilindustrie in den nächsten Jahren die Abhängigkeit vom Öl vermindern wird. Also kurzfristig hoch, mittelfristig runter und langfristig ... werden die Schwellenländer dafür sorgen, dass die Öleinsparerfolge der Industrieländer und der Schwenk zu regenerativen Energien nicht ausreichen werden, einen weiteren Anstieg der Nachfrage nach Öl aufzuhalten. Und somit wird Petrobras meines Erachtens langfristig zu einem der größten Ölkonzerne aufsteigen. Die technischen Probleme bei der Ölförderung in der Tiefsee werden gelöst, egal was es kostet, und damit wird Petrobras in fünf bis zehn Jahren zu den Ölkonzernen mit den größten Ölreserven gehören. Bleibt also die wichtigste Frage: Sollte man die Aktien nun kaufen oder nicht? Für die Beantwortung dieser Frage schaue ich mir die Dividendenrendite an. Diese beträgt 3,6%. Ich würde sagen, dafür kann man schon ein paar Jahre abwarten und auftretende Probleme aussitzen. Genau wie bei der Aktienplatzierung der Deutschen Bank wird es auch bei Petrobras dazu führen, dass die zur Verfügung stehende Liquidität für neue Aktienkäufe austrocknet. Der Aktienkurs dürfte für einige Tage unter Druck geraten. Wer einen sehr langen Atem hat und sich mit der Dividendenrendite von 3,6% zufrieden gibt, der kann meines Erachtens Petrobras als einen Depotbestandteil ins Auge fassen. Ich würde mir die Vorzugsaktien mit der WKN 615375 anschauen, dort gibt es ausreichend Handel. Für den Heibel-Ticker PLUS passt Petrobras nicht ins Portfolio, wir haben schon andere Aktien, die am Energiepreis hängen. Außerdem wird mir beim Turmbau zu Babel schwindelig.

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


Börsenbrief Heibel-Ticker
PDF
Kostenlose Leseprobe- Ausgabe als PDF
Jetzt downloaden

© Lettertest.de - Alle Rechte vorbehalten. Datenschutz Impressum Gütesiegel