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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 22.06.2012

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 22.06.2012:

Börsenbrief Heibel-Ticker
Heibel-Ticker

Stephan Heibel - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit März 2000

Notfallmanagement wird Routine

Wochenlang fiebern die Finanzmärkte auf die Wahlen in Griechenland hin, um den Erfolg der "alten Garde" oder der "Pro-Europa-Garde" ganze 66 Minuten zu feiern. Um 10:06 Uhr am Montag wurden die Ergebnisse einer weiteren Auktion spanischer Staatsanleihen veröffentlicht, die Finanzierungskosten waren trotz der erfolgreichen Wahl in Griechenland auf über 7% gestiegen, und so brachen die Märkte wieder ein.

Ist Griechenland also unbedeutend für die Finanzmärkte?

Oder sind positive Meldungen einfach nicht gewünscht? Oder wäre ein negativer
Wahlausgang etwa negativ gewesen, der positive Wahlausgang wurde
hingegen neutral aufgenommen? Richten sich nun alle Blicke auf Spanien?
Oder auf Italien?
Nein! Anleger haben sich an das Notfallmanagement Europas gewöhnt. Es
gibt keine Einigung bis zur letzten Sekunde. Es gibt keinen Plan, keinen
Ausweg aus der Krise, und wenn ein Land, eine Situation zu kollabieren
droht, werden plötzlich neue Rettungsinstrumente aus der Tasche gezogen.
Viele wünschten sich einen Austritt Griechenlands, damit Europa endlich
zum Handeln gezwungen wird. Immerhin hatten die Finanzminister und
Notenbanken der G7 vor dem Wochenende eine konzertierte Aktion in
Aussicht gestellt, wenn das griechische Drama ein Chaos in Europa
anrichten würde.

Konzertierte Aktion wurde nicht notwendig

Griechenland ist weiterhin Mitglied im Euroland und darf nun mit einer etwas milderen
Behandlung rechnen - sozusagen zum Dank für den positiven Wahlausgang.
Eine mildere Behandlung ist für Anleger gleichbedeutend mit einer
längeren Behandlungsdauer.
Selbst die exorbitant hohen Refinanzierungskosten für Spanien führen
nicht zu einem Ausverkauf an den Märkten, denn es wird ja sicherlich
eine Notfallmaßnahme geben, wenn es soweit ist.

Am Abend nochmals Unsicherheit

Das G20-Treffen in Mexico drohte in einem Eklat zu enden. Die ganze Welt hackte auf Europa und
insbesondere Angela Merkel herum, das Krisenmanagement in Europa sei
unzureichend. Die Weltwirtschaft werde in Mitleidenschaft gezogen. Ein
von US-Präsident Obama initiiertes Treffen am Montag Abend wurde
kurzfristig abgesagt. Zunächst hieß es, es gebe nichts zu besprechen.
Waren die Fronten so verhärtet? Oder stimmt die Erklärung, die am
nächsten Tag nachgereicht wurde: Die Teilnehmer waren nach einem langen
Tag und noch längeren Abendessen zu müde und haben das Treffen auf den
nächsten Tag verschoben? Nun, zumindest haben sie sich dann noch
getroffen. Merkel hat an ihrer harten Position festgehalten, und nach
dem Treffen wurde allerorten das Krisenmanagement Europas gelobt.
Am Dienstag Nachmittag, nachdem diese frohe Botschaft auf die Märkte
traf, stiegen die Kurse wieder kräftig an. Zwischenzeitlich gibt es
erste Informationen über den Kompromiss beim Fiskalpakt, der
parteiübergreifend vom Bundestag verabschiedet werden muss.
"Projektanleihen" stehen drin, also Wachstumsprogramme, bei denen nicht
Geld von Deutschland an die Club-Med Länder überwiesen wird, sondern von
Deutschland direkt in bestimmte Strukturprogramme.
Ein Kompromiss, der wieder einmal eine drastische Verschlimmerung der
Situation verhindern dürfte.

Ist es eine Lösung der Schuldenkrise?

Werden die Vorschläge überhaupt auf EU-Ebene angenommen werden?
Direkt nach dem G20-Treffen haben Italien und Frankreich erneut eine
europäische Bankenunion gefordert. Auch Christine Lagarde vom IWF stellt
inzwischen entsprechende Forderungen. Ich halte diese Forderung für
nicht umsetzbar, zumindest solange Angela Merkel mit entscheiden darf.
Und das ist beruhigend. Es dürfte aber ein Druckmittel sein, um
zumindest andere wachstumsfördernde Forderungen durchzubekommen.
So bleibt die Situation angespannt. Forderungen und Zugeständnisse
rücken in meinen Augen immer enger zusammen, doch die Rhetorik der
Politiker läßt dies kaum erkennen. Entsprechend haben die Aktienmärkte
in den vergangenen Tagen weder einen Kurseinbruch erlebt noch eine
Rallye. Eigentlich gibt es nämlich nichts Neues, wir machen weiter wie
bisher.

Schauen wir uns einmal die wichtigsten Indizes im Wochenvergleich an:
Schauen wir einmal, wie sich die einzelnen Indizes diese Woche
entwickelt haben:

Analyse

Der DAX hat den späten Kurseinbruch des Dow Jones von gestern Abend noch
nicht mitgemacht und schneidet daher deutlich besser ab. Doch gerade in
den USA war die Stimmung in dieser Woche besonders schlecht: Nachdem
sich die Amerikaner über Monate damit bei Laune gehalten haben, dass man
als Weltretter die Konjunktur der Welt durch den eigenen Aufschwung bei
der Stange halten werde, wurde diese Hoffnung am Mittwoch durch
US-Notenbankchef Ben Bernanke zerstört. Auch die USA laufen auf eine
wirtschaftlich problematische Phase zu und er stehe bereit, die
Geldpolitik entsprechend anzupassen, sofern es nötig werde.

Die bestehenden Maßnahmen wurden verlängert, die USA werden für eine
lange Zeit ein günstiges Zinsniveau haben und können sich weiterhin
darauf verlassen, dass die US-Notenbank lang laufende Anleihen aufkauft
und gegen Kurzläufer mit niedrigerem Zins tauscht. Durch diesen Trick
bleiben die langfristigen Finanzierungskosten für
Unternehmensinvestitionen künstlich niedrig.

Anleger reagierten enttäuscht auf diese Meldung. Die einen hatten
gehofft, mehr Zuversicht in die eigene Wirtschaft aus den Worten des
Notenbankchefs herauslesen zu können. Die anderen hatten gehofft, im
Falle einer Verschlechterung seiner Einschätzung weitere
Liquiditätsspritzen zu erhalten. Beide wurden enttäuscht. Es bleibt
alles beim Alten.

Es ist die Erkenntnis der US-Amerikaner, dass sie alleine nicht die Welt
werden retten können.

Gold, Öl und Kupferpreis sind in Folge dieser Erkenntnis eingebrochen.
Gleichzeitig hatte China schlechte Konjunkturdaten ausgegeben, und auch
aus Indien wurden Konjunkturprobleme bekannt. Na, wenn die
Weltkonjunktur nun wirklich einbricht, dann wird auch die
Rohstoffnachfrage zurückgehen und entsprechend wird es niedrigere
Rohstoffpreise geben.

Den konjunkturfördernden Effekt des niedrigeren Ölpreises will derzeit
noch niemand sehen. Der Ölpreis ist wie eine Steuer für die
produzierende Industrie. Je niedriger, desto günstiger die
Produktionskosten und desto höher der Gewinn. Doch das wird sich erst in
einigen Monaten auswirken.

Schauen wir einmal, wie die Stimmung unter den Anlegern auf diese
Entwicklungen reagierte:

Schauen wir einmal, wie sich die Stimmung unter Anlegern und Analysten
entwickelt:

Die Sentiment-Daten wurden in Zusammenarbeit mit Sharewise erstellt:
http://www.sharewise.com?heibel 

Zuversicht bei den Privatanlegern zurückgekehrt

In der Öffentlichkeit ist die Diskussion
um Griechenland wesentlich präsenter als das Refinanzierungsniveau von
Spanien und Italien. Und auch die Aussicht auf eine Einigung
hinsichtlich des Fiskalpakts wird in meinen Augen von Privatanlegern als
extrem bullisch gewertet. Zu Recht.

Auch Analysten werden wieder bullischer, eine ganze Reihe von
DAX-Unternehmen haben nach deren Ansicht ein Kurspotential von über 50%.

TOP ANALYSTENZIELE

Sie wollen wissen, was die Analysten im Einzelnen für Aussagen treffen
und wo sie die größten Chancen sehen? Ich habe für Sie ab sofort jede
Woche eine Übersicht der Analysen mit den höchsten Kurszielen
ausgearbeitet. Die Liste zeigt ganz einfach an, wo das aktuelle Kursziel
des Analysten prozentual am meisten über dem aktuellen Kurs liegt:

Es handelt sich um Analysen aus dieser Woche. Bitte genießen Sie diese
Übersicht mit Vorsicht. Sie wissen ja, dass häufig auch ein
Eigeninteresse des Analysten für eine rosa Brille sorgen kann, weshalb
Analysteneinschätzungen tendenziell optimistischer ausfallen als es die
Realität anschließend erlauben würde. Aber die Übersicht gibt einen
Eindruck darüber, wo die Erwartungen mit dem aktuellen Kurs am weitesten
auseinander liegen. Wer letztlich Recht haben wird, der Analyst oder die
Anleger, die den Kurs machen, ist in jedem Einzelfall individuell zu
beurteilen.

Wie könnte denn nun die Lösung für die Euro-Schuldenkrise aussehen? Am
29. Juni werden wir mehr darüber erfahren. Ich habe so meine
Erwartungen, und ich habe auch eine Meinung dafür, wie die Börsen darauf
reagieren werden. Mehr dazu im nächsten Kapitel.


Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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