Mit der Neubesetzung der Bundesbank-Spitze wird die europäische Geldpolitik „französischer“

Veröffentlicht von CURT L. SCHMITT Informationsdienste am 17.02.2011
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Frankfurter Börsenbrief

Jens Weidmann, die künftige Nummer 1 der Bundesbank, ist sicherlich ein Mann mit fundamentaler Expertise und nach seiner Tätigkeit als Regierungsberater auch mit politischer Erfahrung. Unterschätzen Sie das nicht, denn auch Geldpolitik ist letztlich Politik, bei der man für seine Position Mehrheiten finden bzw. aufbauen muss. Dies ist dem durchaus ebenfalls kompetenten Axel Weber bisher nicht ausreichend gelungen. Aber letztlich wird auch Weidmann mit seinen deutschen Vorstellungen von Stabilität und Solidität ähnlich wie zuvor Axel Weber in einer Minderheitsposition bleiben, und eine deutsche Spitze für die EZB ist zunächst einmal passé. Damit hat Deutschland eine strategische Chance für eine wichtige Führungsrolle in Europa verpasst. Darüber kann man debattieren und schimpfen - oder man sieht die Vorteile, die sich damit zumindest auf kurze Sicht für uns ergeben.


Gewöhnen Sie sich schon mal an ein insgesamt höheres Inflationsplateau. Das meint zunächst natürlich keine gallopierende Inflation, aber in der Tendenz einen steileren Preisauftrieb als mit einer „deutschen“ Geldpolitik zu erwarten gewesen wäre. Der erste Inflationsimpuls kam maßgeblich von Nahrungsmitteln und Energiepreisen, doch wird es auch zu Zweitrundeneffekten kommen. Die wirtschaftliche Entwicklung in der Eurozone ist zu unterschiedlich und der Aufschwung noch zu fragil, um für die gesamte Eurozone schon auf das Bremspedal zu treten. Mit einem Seitenblick wird dies sicherlich mitverfolgt, auch wenn die Konjunktur inkl. Arbeitsmarkt nicht der primäre Fokus der EZB ist (im Gegensatz zur Fed). Während Deutschland in 2011 um etwa 2,5 bis 3 % wachsen dürfte, wird für Griechenland eine nochmalige Kontraktion um 2,9 % erwartet (im vierten Quartal reduzierte sich die Wirtschaftsleistung dort sogar um 6,6 %). Vielmehr dürfte eine etwas erhöhte Geldentwertung zu einem ergänzenden Instrument einer sukzessiven Entwertung der hohen Staatsschulden werden. Wer auf festverzinsliche Anlageformen setzt, läuft Gefahr, hier real gerechnet draufzuzahlen. Beispiel Deutschland: Das Geldvermögen der privaten Haushalte in Deutschland lag per 2010 bei etwa 4.880 Mrd. €. Dabei machten Bankeinlagen (Sicht-, Spar- und Termineinlagen) etwa 37,8 % aus, also ca. 1.844 Mrd. €. Wenn man ein durchschnittliches Zinsniveau von 1,5 % unterstellt (viele Spareinlagen werden sogar nur mit 0,5 % verzinst), bedeutet dies pro Jahr gerechnet inkl. Inflation eine Entwertung des Sparvermögens (c.p.) um ca. 0,5 % oder knapp 100 Mrd. €. Sachwerte sind also das Schlagwort, also natürlich auch Aktien! Somit ist der aktuelle Gipfelsturm nachvollziehbar. Der Euro wird stärker zu einem Steuerungsinstrument der europäischen Wettbewerbsfähigkeit. Bisher war die europäische Gemeinschaftswährung mehr oder weniger ein Replik der D-Mark. Dass dies vom restlichen Europa bisher so mitgetragen wurde, ist durchaus bemerkenswert, weil es nicht zur langjährigen Politik von Frankreich oder auch Italien passt. Für diese war eine Schwäche des Franc oder auch der Lira ein Instrument, um die heimische Wirtschaft wettbewerbsfähiger auf der Weltbühne zu machen - und zwar ohne einschneidende Maßnahmen im Lohnniveau. Dies war auch deshalb viel wichtiger als in Deutschland, da diese Länder unter dem Strich gesehen nicht mit dem technischen und qualitativen Niveau deutscher Produkte mithalten konnten. Der Euro wird also weicher. Der größte Profiteur davon ist Deutschland. Das Exportvolumen Deutschlands lag in 2010 bei etwa 951,9 Mrd. € (+ 18,5 %). Davon entfielen 570,6 Mrd. auf EU-Länder (bzw. 386,2 Mrd. € auf den Euroraum). Drittländer standen für 381,2 Mrd. €.

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