Je schlechter desto besser!

Veröffentlicht von Stephan Heibel am 25.10.2012
Dies ist eine exklusive Leseprobe von:

Heibel-Ticker

Wir haben die geschäftigste Woche der Berichtssaison erlebt. Das Resultat lässt sich wie folgt zusammenfassen: Unternehmen, die in diesem Jahr erfolgreich waren und deren Aktienkurs dies zeigt, wurden ausverkauft, ... selbst wenn die Quartalszahlen gut waren. Unternehmen mit Problemen in diesem Jahr, deren Aktienkurs der Börsenentwicklung hinterher hinkt, wurden gekauft.


Relevanz der Quartalszahlen?

Nebensächlich. Relevanz der Prognosen? Nun, da sich derzeit kaum ein CEO Optimismus leisten möchte, fielen so ziemlich alle Prognosen negativ auf. Bei Unternehmen, die schon das ganze Jahr nichts auf die Reihe bekamen, wirkt ein negativer Ausblick wie eine verspätete Einsicht, die von Anlegern begrüßt wird.

Je mehr Details Unternehmen zu ihren Quartalszahlen veröffentlicht haben, desto mehr Haare in der Suppe wurden gefunden. Besonders auffällig ist dies bei Apple und bei Amazon.

APPLE

Apple hat gestern Abend Quartalszahlen veröffentlicht, die wie immer über den eigenen Prognosen lagen. Die Erwartungen der Analysten waren jedoch inzwischen so weit in den Himmel gewachsen, dass diese nicht übertroffen werden konnten.

Doch Apple hat detailliert über die verschiedenen Geschäftsbereiche berichtet. Beim iPad wurden die Lagerbestände abverkauft, um sich für die Einführung des neuen iPads der vierten Generation vorzubereiten. Dort ist der Grund für die hinter den Erwartungen der Analysten zurückgebliebene Absatzmenge zu finden. Alle anderen Bereiche waren eigentlich besser als erwartet, aber eben noch immer nicht gut genug.

Die Stimmung ist ziemlich negativ gegenüber Apple, und mangels fundamentaler Argumente hörten sich die Analysten in der Analystenkonferenz mit ihren vorgeschobenen Bedenken ziemlich lächerlich an.

Ein Analyst sprach davon, dass Apple zu viele Produkte habe und den Preis falsch setze, sodass die Produkte sich nicht so gut verkaufen ließen. Hmmm, ich brauche dazu wohl nichts zu sagen.

Ein anderer relativierte den Vorwurf und meinte, Apple habe entweder zu viele Produkte, die sich nicht gut verkaufen ließen, oder aber das Unternehmen produziere bei den nachgefragten Produkten nicht genug, um die Nachfrage zu befriedigen.

Das iPad Mini wurde kritisiert. Wenn sich schon beim iPad ein Überangebot bilde, dann würde ein iPad Mini doch wohl nicht gerade helfen.

Natürlich wurde Samsungs Galaxy SIII als besser befunden als das iPhone 5. Und Apples CEO Tim Cook zeige durch die angehäuften Barreserven von 120 Mrd. USD, dass er keine Ahnung habe, worin man das Geld investieren könne. Er habe keine Strategie wie Steve Jobs und mangels neuer Innovationen werde Apple daher bald Probleme bekommen.

Apple gab genaue Auskunft über die Verkaufszahlen in jedem Bereich, über die regionale Verteilung der Verkaufszahlen, sowohl Absatzmenge als auch Umsatz. Es wurden die Implikationen des Produktwechsel beim iMac, iPad und iPhone besprochen und mit Zahlen behaftet.

Das KGV 13e von Apple beträgt 11, bereinigt um die Barreserven steht es bei nur 9. Das KGV 13e von Amazon steht bei 97. Das Unternehmen schmeisst mit Geld um sich wie ein betrunkener Seemann auf Landgang. Erstmals seit fast zehn Jahren hat Amazon in diesem Quartal einen Verlust eingefahren. Begründung? Keine.

AMAZON

Warum sollte Amazons CEO Jeff Bezos wiederholen, was er seit über zehn Jahren bei jedem Quartalsbericht verkündet: Er kümmert sich nicht um die kurzfristige Profitabilität seines Unternehmens, er will lieber Märkte erobern.

Die Frage eines Analysten hinsichtlich der anstehenden Steuerbelastung wurde immerhin beantwortet: Die Umsatzsteuerbefreiung für den Onlinehandel wird künftig wegfallen. Der Analyst fragte, ob Amazon sich darauf vorbereite. Die Antwort lautete, Amazon werde alles so machen wie immer. Der Analyst wollte wissen, ob er ein paar Details dazu erfahren könne. Die Antwort: "Nein".

Worin wird das Geld investiert?

Nun, wir können vermuten, dass Amazon sein Kindle Fire subventioniert. Doch mit welchem Betrag weiß niemand so genau. Amazon veröffentlicht die Fakten und überlässt deren Interpretation der Phantasie von Analysten. In der anschließenden Analystenkonferenz klingen die Antworten für mich eher wie "das geht Sie nichts an, ich werde hier meine Geschäftsgeheimnisse nicht verraten und alles, was unser Geschäft betrifft, ist natürlich ein Geheimnis - bis auf das, was wir gesetzlich veröffentlichen müssen." Wozu gibt es eigentlich die Analystenkonferenz, frage ich mich bei Amazon.

Amazons Aktie notiert heute im Plus, Apples im Minus. Das mag verstehen wer will, ich aber nicht.

SAP hat mit seinem Quartalsgewinn die Erwartungen der Analysten verfehlt, doch das Unternehmen gab einen optimistischen Ausblick und nannte ein gutes Cloud-Geschäft als Grund für den Optimismus. Die Aktie gehört diese Woche zu den wenigen DAX-Gewinnern.
 

YAHOO!

Marissa Mayer von Yahoo! hat ihrem Konzern eine klare Linie verordnet. Zu viele Kleinbaustellen, über 60 Yahoo!-Apps aber keine konzerneinheitliche mobile Strategie, war ihre Kritik. Man werde die Konzernstrategie auf die Eroberung des Mobilfunkmarktes (Smartphones!) ausrichten und die vielen Aktivitäten im Konzern koordinieren und bündeln. Mayer nannte ein paar Beispiele für funktionierende Yahoo!-Produkte (E-Mail), sowie für Bereiche, die ihrer Ansicht nach verkleinert werden müssten (Yahoo!-Korea), die im Kontext ihrer neuen Strategie sofort einleuchten. Die Aktie von Yahoo! stieg in Folge dieser aufschlussreichen Aussagen der frischgebackenen Mutter (die 37-jährige Mayer wurde vor drei Wochen Mutter) um 5% an.

Sollte man Yahoo! nun kaufen? Nun, der Turnaround eines solchen Konzerns wird Zeit benötigen. Sie werden meiner Einschätzung nach zwei bis drei Jahre Geduld brauchen. Eine Zeit, in der es immer wieder auch Rückschläge geben wird.

Die wohl größte positive Überraschung lieferte Marc Zuckerberg mit den Quartalszahlen von Facebook. In einer sehr ausführlichen Analystenkonferenz besprach er die Gründe für die bisherige schlechte Performance seines Konzerns im Mobilfunkmarkt. Man kann es wie folgt kurz zusammenfassen: Facebook hatte es bis Anfang des Jahres noch gar nicht ernsthaft versucht, im Mobilfunkmarkt Geld zu verdienen. Die Kritik der vergangenen Monate wurde vom Tisch gefegt mit den ersten erfolgreichen Mobilfunkumsätzen des Konzerns und der Aussage Zuckerbergs, dass dies erst der Anfang sei. Die Aktie ist ad hoc um 20% angesprungen.

Sollte man Facebook nun kaufen? Nun, in ein paar Wochen werden wieder nennenswerte Blöcke von Insideraktien frei, und das dürfte den Kurs erneut belasten. Ich würde das noch abwarten.

Schauen wir einmal, wie die wichtigsten Indizes auf diese Meldungsflut reagiert haben:

WOCHENPERFORMANCE DER WICHTIGSTEN INDIZES


Dax und Dow Jones haben kräftig Federn gelassen. Die Nervosität unter Anlegern ist groß, jedes Haar in der Quartalsberichtssuppe, und sei es auch noch so klein, wird isoliert und für eine Schlagzeile verwendet. Es wird zuerst verkauft und hinterher werden Fragen gestellt. Gleichzeitig ist man aufgrund der Liquiditätsflutung diverser Notenbanken weltweit hoffnungsfroh, und so werden die Ausverkäufe schon sehr früh wieder gekauft.

Die Meinung ist polarisiert: Das Lager der Bären ist größer denn je, das Lager der Bullen aber auch. Immer weniger halten sich im neutralen Lager auf, und je schneller die Kursschwankungen erfolgen, um so heftiger dürfte einmal die Bewegung sein, egal in welche Richtung sie denn erfolgen wird, wenn die derzeitige Handelsspanne einmal verlassen wird.

In Japan wurde ein Konjunkturprogramm verabschiedet, der Nikkei konnte sich daher diese Woche verhältnismässig gut halten. Doch ich sehe die Entwicklung in Japan kritisch wie Sie in Kapitel 05 dieser Ausgabe lesen können.

Der Ölpreis ist diese Woche um 4,3% eingebrochen. Ein Leckerbissen für die Bären, die darin den Beweis für die schwache Wirtschaft sehen. Denn ein rückläufiger Ölpreis wird im Allgemeinen einer schwachen Nachfrage zugeschrieben, was für eine schwache Konjunktur spricht.

Im Gegenteil, sage ich! Der Ölpreis folgt internationalen Spannungen, wie beispielsweise in Syrien und im Iran, sowie den Raffinierkapazitäten, wie in den USA (ich berichtete vergangene Woche ausführlich darüber). Im Resultat wirkt sich ein rückläufiger Ölpreis wie ein Konjunkturprogramm auf die Wirtschaft aus: Die Produktionskosten sinken durch den niedrigeren Kaufpreis für den Einsatzfaktor Energie.

Aber auch der Kupferpreis war diese Woche stark rückläufig, was den Bären in die Hand spielt. Auf der anderen Seite war der Verschiffungsindex Baltic Dry kräftig angestiegen, was uns Bullen als gutes Argument dient.

Schauen wir einmal, wie sich die Stimmung unter den Anlegern entwickelte:
 

SENTIMENTDATEN: POLARISIERUNG NIMMT ZU

Analysten
Empfehlungen (Anzahl Empfehlungen):

Kaufen / Verkaufen
05.10.- 12.10. (101): 45% / 9%
12.10.- 19.10. (304): 45% / 16%
19.10.- 25.10. (278): 41% / 18%

Kaufempfehlungen der Analysten
Facebook, Bayer, Volkswagen VZ

Verkaufsempfehlungen der Analysten
SMA Solar, KPN NV, Telefonica S.A.

Privatanleger
41. KW: 52% Bullen (153 Stimmen)
42. KW: 58% Bullen (145 Stimmen)
43. KW: 59% Bullen (166 Stimmen)

Kaufempfehlungen der Privatanleger
Apple, SEB S.A., Leoni

Verkaufsempfehlungen der Privatanleger
Facebook, Aixtron, Air France-KLM

Insbesondere die Privatanleger sind mit 59% extrem bullisch. Analysten schreiben den Unternehmen kein weiteres Steigerungspotential bei der Gewinnentwicklung zu und stufen daher zunehmend zurück. Im Großen und Ganzen lese ich aus den Analysen heraus, dass man sein Glück für dieses Jahr kaum fassen kann und nun lieber eine defensivere Haltung einnimmt bevor man das erreichte riskiert.

Schauen wir einmal, welche Aktien in den Augen der Analysten noch das größte Potential haben:

TOP ANALYSTENZIELE

Sie wollen wissen, was die Analysten im Einzelnen für Aussagen treffen und wo sie die größten Chancen sehen? Ich habe für Sie ab sofort jede Woche eine Übersicht der Analysen mit den höchsten Kurszielen ausgearbeitet. Die Liste zeigt ganz einfach an, wo das aktuelle Kursziel des Analysten prozentual am meisten über dem aktuellen Kurs liegt:

Es handelt sich um Analysen aus dieser Woche. Bitte genießen Sie diese Übersicht mit Vorsicht. Sie wissen ja, dass häufig auch ein Eigeninteresse des Analysten für eine rosa Brille sorgen kann, weshalb Analysteneinschätzungen tendenziell optimistischer ausfallen als es die Realität anschließend erlauben würde. Aber die Übersicht gibt einen Eindruck darüber, wo die Erwartungen mit dem aktuellen Kurs am weitesten auseinander liegen. Wer letztlich Recht haben wird, der Analyst oder die Anleger, die den Kurs machen, ist in jedem Einzelfall individuell zu beurteilen.

Zum Jahresende drohen in den USA Steuererleichterungen wegzufallen, wenn sich der Präsident nicht mit dem Kongress auf einen Modus der Fortführung einigen kann. In zehn Tagen wird der nächste US-Präsident gewählt. In Europa warten wir auf den Hilfsantrag Spaniens, doch die lassen sich gerne bitten. Die Streckung der Kreditvereinbarung mit Griechenland um zwei Jahre kommt finanzmathematisch einer Erhöhung des Kredits um 20 Mrd. Euro gleich, etwas das die FDP niemals haben wollte. Droht die Koalition auseinander zu brechen?

Nun, wir können uns auf ereignisreiche letzte Wochen in diesem Jahr vorbereiten. Ich werde im folgenden Kapitel näher auf diese Ereignisse eingehen.
 

NACHTRAG ZUR STEUERFREIEN DIVIDENDE DER DEUTSCHEN POST AKTIE

Ein Leser wies mich auf die folgende Steuerregelung hinsichtlich der von mir besprochenen Aktie der Deutschen Post hin: Ich hatte die Dividende pauschal als steuerfrei bezeichnet.

Jawohl - zunächst kann man die Dividende steuerfrei einstreichen. Aber nur vorüberghend, da diese an den Kaufpreis angehängt wird. Angenommen Sie haben die Aktie für 11,70 € gekauft, dann erniedrigt die Dividende den Kaufpreis auf 11,00 €, und Sie versteuern beim Verkauf der Aktie einen um 0,70 € höheren Gewinn. Somit haben Sie die Steuer lediglich auf einen späteren Zeitpunkt verschoben, aber nicht gespart.

Bei Altaktionären, die ihre Aktien vor dem 1.1.2009 kauften, gilt diese Regelung noch nicht. Die vor diesem Zeitpunkt eingegangenen Positionen können die Dividende steuerfrei einstreichen, der Kaufpreis wird dadurch nicht vermindert.

 

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