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Veröffentlicht von Redaktion "zertifikate kompakt" am 29.01.2011

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 29.01.2011:

Börsenbrief zertifikate kompakt
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Weimer Media Group GmbH - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit Januar 2000

EEX – Stromhandel in Leipzig

Der Handelssaal der Wertpapierbörse in Frankfurt dürfte für die meisten Anleger ein vertrauter Anblick sein, den man aus den Nachrichten kennt. Hier können Investoren Aktien kaufen und verkaufen. Weniger bekannt ist allerdings, dass es auch einen Börsenhandel für Strom gibt. In Deutschland geschieht dies an der European Energy Exchange (EEX) in Leipzig. Genauer gesagt wird hier nicht nur Strom gehandelt, sondern auch Erdgas, Kohle und Emissionsrechte.

Der Handel an Strombörsen funktioniert ähnlich wie an Wertpapierbörsen, auch wenn sich hier überwiegend professionelle Marktteilnehmer betätigen. Der Endverbraucher muss nicht selbst aktiv werden, um Strom für Computer, Kühlschrank und andere Geräte einzukaufen. Stattdessen treffen hier die Leistungen der Kraftwerke und der Bedarf an Energie zusammen. Die Marktakteure sind große Energiekonzerne, Banken, Stadtwerke und regionale Versorger. Die Preise werden wesentlich von Angebot und Nachfrage bestimmt. Früher war das anders: In Deutschland versorgten große Energiemonopolisten ihre jeweiligen fest definierten Gebiete mit Strom, den sie in eigenen Kraftwerken erzeugt oder über langfristige Verträge eingekauft hatten. Netzbetrieb sowie Erzeugung und Vertrieb des Stroms waren eng miteinander verknüpft. Weder beim Einkauf des Stroms noch beim Verkauf ergaben sich für die Konzerne große Risiken, und Wettbewerb gab es so gut wie nicht. Mehr Wettbewerb Erst mit der Liberalisierung und Deregulierung des deutschen Strommarktes, die in den 90er Jahren Fahrt aufnahm, änderte sich das. Zum einen sollte es keine festgelegten Versorgungsgebiete mehr geben, zum anderen wollte man auch den Betrieb der Netze von der Energieerzeugung und dem Vertrieb abkoppeln. Den Markt zu öffnen, Strom zum frei handelbaren Gut zu machen und in den Bereichen Erzeugung und Vertrieb eine Belebung des Geschäfts durch mehr Wettbewerb zum Vorteil der Verbraucher zu erreichen, das waren die Ziele. Ohne den technischen Fortschritt wäre ein Handel mit der Ware Energie aber wohl kaum möglich gewesen. Erst elektronische Datenverarbeitung, Computer und Internet machten es möglich, Stromnetz, Erzeugung und Verkauf voneinander trennen und Strom an der Börse handeln zu können. Das große Vorbild war die skandinavische Strombörse Nord Pool (heute Nasdaq OMX Commodities Europe), die seit 1993 existierte und den Verbrauchern in Norwegen, Dänemark, Schweden und Finnland tatsächlich geringere Strompreise beschert hatte. Nach ihrem Muster entstanden auch in anderen Ländern ähnliche Handelsplätze. Treibende Kraft waren dabei weniger die Energiekonzerne als vielmehr die etablierten Börsen, die auf neue Geschäftsfelder hofften. Bald mehr Gas Im Jahr 2000 entstanden in Deutschland gleich zwei Strombörsen: die European Energy Exchange in Frankfurt am Main und die Leipzig Power Exchange (LPX) in der sächsischen Metropole. 2002 kam es vor dem Hintergrund zu geringer Umsätze zur Fusion der beiden Unternehmen zur heutigen EEX mit Sitz in Leipzig. Derzeit ist die Deutsche Börse- Tochter Eurex mit rund 35% an der EEX beteiligt, die Landesbank Baden-Württemberg LBBW hält etwa 23%, während der Freistaat Sachsen mit 4,5% sowie die Stadt Leipzig mit 7,4% beteiligt sind. Der Handel mit Strom generiert etwa 80% der Erlöse, doch in den kommenden fünf Jahren soll der Anteil von Nicht-Stromprodukten wie Gas und Emissionsrechten auf 40% steigen, wie Vorstandschef Hans-Bernd Menzel kürzlich sagte. Energie für ganz Europa Anfangs wurde in Leipzig tatsächlich nur Strom gehandelt, inzwischen werden aber auch CO2-Emissionszertifikate, Kohle-Futures und Erdgas angeboten. Die Börse richtet sich nicht nur an Stromhändler und Energieunternehmen aus Deutschland. Das Energiegeschäft findet vielmehr europaweit über die Ländergrenzen hinaus statt. Da Strom flüchtig ist und nicht gespeichert werden kann, ist eine Produktion auf Vorrat kaum möglich. Insofern ist es vorteilhaft, wenn der Strommarkt geografisch gesehen möglichst groß ist. Denn so kann sichergestellt werden, dass stets genuStrom zur Verfügung steht, wenn Verbraucher Energie benötigen. Anbieter können an der Börse Strom einkaufen, wenn sie erhöhten Bedarf haben, aber selbst nicht genug produzieren können. Umgekehrt können sie aber auch Strompakete verkaufen, sollten sie zu viel produziert haben. Der Stromhandel wird erleichtert, indem Strom in Form von standardisierten Produkten wie Strom-Futures oder Optionen auf Strom-Futures gehandelt wird. Handliche Produkte Wie bereits erwähnt, hängt der Strompreis von Angebot und Nachfrage ab. Bei der Nachfrage kann es zu starken Schwankungen kommen. Es gibt im Tagesverlauf Spitzenlastzeiten (peak load), in denen der Stromverbrauch sehr hoch ist, und Nebenlastzeiten (base load) mit geringerem Strombedarf. Auch die Jahreszeit hat Einfluss: Wird es draußen im Herbst und Winter früh dunkel, wird mehr Strom für Licht gebraucht. Auch auf der Angebotsseite sind Schwankungen an der Tagesordnung. Windkraftanlagen sind auf Wind angewiesen, ohne Sonne erzeugen Photovoltaikanlagen keinen Strom. Daher werden Produkte mit unterschiedlicher zeitlicher Länge der Lieferung angeboten, sowie base load- und peak load- Blöcke, um dem unterschiedlichen Verbrauch gerecht zu werden. Spot- und Terminmarkt Die Kapazität von Kraftwerken wird auch von ihrem technischen Zustand beeinflusst. Hinzu kommen die Preise für Energierohstoffe wie Öl, Gas oder Kohle. Kurzfristige Schwankungen wirken sich stärker auf den täglich ermittelten Strompreis aus. Der Markt für kurzfristige Geschäfte ist der so genannte Spot-Markt. Hier besorgen sich Energiekonzerne den Strom, den sie am nächsten Tag oder im nächsten Monat benötigen und verkaufen ihre Überkapazitäten. Allerdings gibt es an der EEX in Leipzig keinen Spothandel mehr, er wurde 2009 nach Paris verlagert. Dort kooperiert die EEX mit der französischen Powernext. Die EEX hält 50% an der gemeinsamen Gesellschaft EPEX Spot mit Sitz in Paris, die den kurzfristigen Stromhandel für Deutschland, Frankreich, Österreich und die Schweiz betreibt. Für längerfristige Kontrakte mit einem Zeithorizont von drei Monaten bis hin zu mehreren Jahren ist der Terminmarkt gedacht. Ein großer Teil des Stromhandels findet indes außerbörslich statt, d.h. Kontrakte werden „over the counter“ (otc) zwischen Käufer und Verkäufer abgeschlossen. Der an der Börse festgestellte Marktpreis gilt allerdings für diese Geschäfte als Richtwert. Stimmt der Preis? Ob über den Handel an der Börse tatsächlich marktgerechte Preise zustande kommen, ist indes umstritten. So wurden in der Vergangenheit Unternehmen verdächtigt, Absprachen getroffen zu haben. Auch eine mögliche Manipulation der Preise wird von Kritikern ins Feld geführt. So sorgte in den USA der Energiekonzern Enron zu Anfang des neuen Jahrtausends für Schlagzeilen. Das Unternehmen hatte das Stromangebot künstlich verknappt und so nicht nur den Strompreis in die Höhe getrieben, sondern auch die Energieversorgung im USBundesstaat Kalifornien zeitweise an den Rand eines Zusammenbruchs gebracht. In Europa riefen vor wenigen Jahren wettbewerbsrechtliche Bedenken zu den Aktivitäten von E.ON die Europäische Kommission auf den Plan. Die Wettbewerbshüter vermuteten, dass der Konzern zwischen 2002 und 2007 Erzeugungskapazitäten zurückgehalten habe. Zu einer Verurteilung kam es allerdings nicht. Strengere Regeln geplant Kritiker bemängeln außerdem, dass Insiderhandel an europäischen Energiebörsen bislang nicht gesetzlich verboten sei und es kaum einheitliche europäische Regelungen für den Spot-Markt gebe. EU-Energiekommissar Günther Oettinger will jedoch das Thema Regulierung des europäischen Energiehandels angehen. Zu seinen Plänen gehören die Schaffung von mehr Markttransparenz sowie das Verbot von Insiderhandel und Marktmanipulationen. Die europäische Agentur für die Zusammenarbeit der Energieregulierungsbehörden (European Agency for the Cooperation of the Energy Regulators, kurz ACER) mit Sitz in Slowenien, die ab März 2011 ihre Arbeit aufnehmen wird, soll den Markt überwachen.

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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