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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 28.08.2015

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 28.08.2015:

Börsenbrief Heibel-Ticker
Heibel-Ticker

Stephan Heibel - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit März 2000

Die Rallye ist tot, lang lebe die Rallye

Mitte Juni erreichte der Shanghai A-Aktienindex sein Hoch bei 5.166 Punkten, seither ging es kontinuierlich bergab. Zunächst wurde der dortige Crash durch die sich überschlagenden Ereignisse des Griechenland-Dramas übertüncht, doch spätestens seit Anfang August schaut die ganze Finanzwelt angstvoll nach China. Diese Woche eskalierten schließlich die Ängste. Lassen Sie mich diese Woche Tag für Tag durchgehen, damit wir die Geschehnisse besser einordnen können.

FREITAG VOR EINER WOCHE

Stressniveau an den Börsen steigt, Aktienindizes erreichen wichtige Unterstützungen und drohen, wenn der Ausverkauf nicht stoppt, schon bald nach unten durchzurutschen. China versucht durch finanzmarkttechnische Massnahmen, wie das Verbot von Leerverkäufen oder gar das Verbot von Verkäufen für institutionelle Anleger, die Finanzmärkte zu beruhigen. Ohne Erfolg, denn Anleger sehen die Probleme in der Realwirtschaft und nicht im Finanzmarkt.

Am Freitag Abend tritt US-Notenbankmitglied Dennis Lockhart aus Atlanta vor's Mikrofon und verkündet sinngemäß, Finanzmarktprobleme würden die Fed nicht davon abhalten, schon bald den Leitzins erstmals nach neun Jahren anzuheben. Die US-Märkte rauschen im späten Handel kräftig in den Keller.

Stimmung in Deutschland: Sorge um Aktienkurse, wenn am Wochenende nichts Positives passiert.

MONTAG

China hat am Wochenende erneut finanzmarkttechnische Maßnahmen verkündet: Pensionsfonds dürfen nun erstmals in China ebenfalls Aktien kaufen. Anleger sehen diesen Schritt erneut als falsch an, denn das Problem des sich verlangsamenden Konjunkturwachstums Chinas wird dadurch nicht adressiert. Die Aktienmärkte stürzen ein, der Shanghai A-Aktienindex verliert 8,6%. Der Verlust wäre größer gewesen, wenn nicht Aktien mit einem Tagesverlust von größer als 10% vom Handel ausgesetzt worden wären. 80% der Aktien wurden am Montag in Shanghai vom Handel ausgesetzt.

Der Ölpreis rutschte auf sein Tief bei 37,84 USD/Fass, denn wenn Chinas Konjunktur den Bach runtergeht, dann würde auch die Weltkonjunktur Probleme bekommen, so die Argumentation der Bären. Und das bedeutet weniger Nachfrage nach Öl. Angesteckt von diesen Sorgen fällt der DAX am Montag um bis zu 7,5%. Anleger flüchten in Anleihen, die Umlaufrendite geht auf 0,41% zurück. Und wenn die Weltkonjunktur schon den Bach runtergeht, dann würde die US-Notenbank sicherlich doch nicht den Leitzins anheben. Also bleibt das Zinsniveau in den USA länger niedrig als gedacht, der US-Dollar würde in Folge länger so wenig attraktiv bleiben (aufgrund des niedrigen Zinsniveaus), als gedacht und entsprechend brach der US-Dollar ein, der Euro stieg auf 1,1675 USD/EUR.

Stimmung in Deutschland: Unverständnis über die Intensität des Ausverkaufs, aber keine Panik

DIENSTAG

China war über Nacht um weitere 7,4% abgerutscht. Ich halte das für einen Überhang vom Vortag, als so viele Aktien vom Handel ausgesetzt wurden. Erst nach Börsenschluss in China, doch vor Börseneröffnung in Europa, werden zwei wichtige Maßnahmen verkündet: Der Leitzins Chinas wird um 0,25% auf 4,6% gesenkt, die Mindestreserve für Banken wird um 0,5% auf 18% gesenkt. Damit wird erstmals die Realwirtschaft adressiert, denn niedrige Zinsen kommen der Wirtschaft zugute, die günstiger investieren kann und eine niedrigere Mindestreserve für Banken erhöht das Volumen, das Banken für die Ausleihung von Krediten zur Verfügung haben.

Apples CEO Tim Cook meldet sich mit einem spontanen Statement bei CNBC zu Wort und verkündet, Apple sehe eine anziehende Nachfrage nach seinem iPhone in China. BHP Billitons CEO Andrew MacKenzie macht den Wandel Chinas für die Probleme verantwortlich, das Land müsse sich weniger abhängig machen von Exporten. Gleichzeitig zeigt er sich zuversichtlich hinsichtlich des Wirtschaftswachstums in China, da der Dienstleistungssektor sowie der inländische Konsum wesentlich besser liefen, als dies die Exportdaten vermuten ließen. Zwei CEOs also, die am Puls des Landes sind, äußern sich optimistisch.

Die Aktienmärkte springen zurück, der DAX gleicht seinen Vortagsverlust vollständig aus. Auch das Öl läuft wieder in Richtung 40 USD/Fass. Allerdings beginnt der Euro zu fallen, das Tagesminus beträgt bis zu 2,2%. Und auch Anleihen werden verkauft, die Umlaufrendite steigt entsprechend um 0,06 Punkte auf 0,47%.

In den USA springen die Aktienmärkte ebenfalls zunächst an, doch am Ende des Tages stürzt eine heftige Verkaufswelle sämtliche Indizes erneut ins Minus. So ein Verhalten ist ein klares Zeichen dafür, dass die Bären das Zepter übernommen haben. Jeder Erholungsversuch wird in einer Baisse am Ende des Tages verkauft, um sich für die nächste erwartete Übernacht-Katastrophe zu positionieren.

Mich hat in diesen beiden Tagen noch ein weiterer Gedanke beschäftigt: Wer hat zunächst am Montag so stark US-Dollar verkauft und am Dienstag dann Euro, dass so heftige Wechselkursschwankungen auftraten? Wie wäre es mit China? Berichten zufolge hat die kommunistische Regierung Chinas nicht nur Verkaufsverbote an der Börse eingeführt und neue Käufer herangeholt (Pensionsfonds), sondern trat auch selbst als Käufer auf. Durch groß angelegte Kaufprogramme wurden Einzelaktien gestützt. Das Geld dafür hat China im Ausland liegen: 1,2 Billionen US-Dollar liegen überwiegen in US-Staatsanleihen, weitere 800 Mrd. Euro liegen in europäischen Staatspapieren. Wenn China beginnt, diese Papiere zu verkaufen und das Geld nach China zurückholt, stürzen die Kurse der Anleihen ab, steigen also entsprechend die Renditen und gleichzeitig fallen die Wechselkurse - zunächst der US-Dollar, dann auch der Euro.

Stimmung: Zunächst Erleichterung über die Gegenbewegung, dann jedoch erneute Verunsicherung nach US-Ausverkauf

MITTWOCH

Shanghai stabilisiert sich langsam, das Minus beträgt nur noch 1,3%, nachdem zwischenzeitlich schon ein Plus von 4,3% gesehen wurde. Auch in Shanghai haben die Bären an diesem Tag ihre neue Stärke gezeigt und die untertägige Erholung am Ende des Tages vernichtet.

Doch so langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass China nun auf dem richtigen Weg ist. Die Wechselkursverzerrung korrigiert sich weiter, der Euro gibt weitere 1,7% ab. Anleihen werden weiter verkauft, die Umlaufrendite steigt um 0,03 Punkte auf 0,5%. Der DAX läuft weiter, das Öl klettert wieder über 40 USD/Fass. Endlich kann auch der Dow Jones mit gutem Plus schließen.

Stimmung: Die Gemüter beruhigen sich, Zuversicht ist hoch

DONNERSTAG

Das Dienstleistungsunternehmen für die Ölindustrie Schlumberger kauft für 12,7 Mrd. USD den Rivalen Cameron. Schlumberger zahlt einen Aufschlag von 40% zum Börsenwert Camerons am Vortag. Diese mutige Akquisition mitten im Ausverkauf am Ölmarkt wird von Anlegern als Bekenntnis gewertet, dass der Ölpreis nicht viel weiter fallen kann. Das Öl steigt über 42 USD/Fass.

US-Notenbankmitglied William Dudley aus New York meldet sich zu Wort und bekräftigt die pragmatische Vorgehensweise der Fed. Damit behauptet er das Gegenteil des dogmatischen Dennis Lockhart. Die Fed werde sämtliche wirtschaftlichen Entwicklungen weltweit beobachten und ihre Zinsentscheidung von der jeweils aktuellen Datenlage abhängig machen.

Das wollen Anleger hören: Keinen Dogmatiker, der ungeachtet der Marktturbulenzen an einer Zinsanhebung festhält, sondern einen Pragmatiker, der seine Entscheidung in Abhängigkeit der jüngsten Entwicklungen trifft. Wenn die Fed also am 16. September den Zins anhebt, dann weil sie es jetzt für angemessen hält, nicht weil man das vor einigen Monaten in Auge gefasst hatte.

Es folgte eine Erleichterungsrallye. Erleichterung, weil es nun so erscheint, dass China die Probleme mit den richtigen Methoden adressiert und Erleichterung auch, weil die US-Notenbank ebenfalls die richtigen Entscheidungen treffen wird. Hedgefonds, die noch vor zwei Tagen mit ihren kreditfinanzierten Aktien kurz vor der Insolvenz standen, konnten erleichtert aufatmen und ihre Zwangsverkäufe zu jedem Preis herunterfahren.

Der Euro normalisiert sich weiter zum US-Dollar und verliert weitere 0,8%. Die Umlaufrendite steigt auf 0,53% und zeigt eine Beruhigung der Gemüter an. Der DAX steigt um weitere 3,2%.

Am späten Nachmittag bäumen sich die Bären in den USA nochmals auf. Pünktlich um 14 Uhr US-Zeit starteten die Verkaufsprogramme, der Dow Jones notierte zu diesem Zeitpunkt mit 2,2% im Plus. Binnen einer Stunde wurde das Tagesplus ausradiert, und Anleger waren nah dran, sich dem Verkaufsdruck zu beugen und zu kapitulieren, wie es noch am Dienstag geschah. Doch auch die Bullen haben ihre Magazine neu geladen und können solche Ausverkäufe kontern. So folgte von 15 bis 16 Uhr erneut eine Rallye, und der Dow Jones schloss schließlich mit 2,2% auf dem Niveau von vor der Bärenattacke.

FREITAG, HEUTE

Endlich konnte auch die chinesische Börse eine nennenswerte Gegenbewegung starten, der Shanghai A-Aktienindex sprang um 4,8% an. Doch der gescheiterte Bärenangriff in den USA sowie die daraus resultierende positive Börsenentwicklung in Shanghai schwappen heute nicht nach Deutschland über. Der Grund: Wieder einmal ein US-Notenbankmitglied. Diesmal hat sich Loretta Mester aus Cleveland zu Wort gemeldet mit der Aussage, die US-Wirtschaft könne zum jetzigen Zeitpunkt ungeachtet der aktuellen Marktverwerfungen eine erste Zinsanhebung verkraften.

Es drängt sich Ihrem Autor der Eindruck auf, die US-Notenbankchefin Janet Yellen hat noch nicht das rechte Maß der transparenten Kommunikation gefunden. Ihre Notenbankmitglieder treten mit widersprüchlichen Meinungen regelmäßig an die Öffentlichkeit, wobei solche Meinungen meiner Ansicht nach doch in einem funktionierenden Gremium untereinander ausdiskutiert werden sollten, um dann mit einer Stimme an die Öffentlichkeit zu gehen. Wenn ich mir anschaue, welche Macht die Worte der vielen einzelnen Notenbankmitglieder haben, dann sollten sie einen Maulkorb bekommen.

Schauen wir uns einmal an, wie sich die Indizes seit vergangenem Montag entwickelt haben. Bitte beachten Sie, dass aufgrund meines Urlaubs diesmal nicht die Schlusskurse vom Donnerstag vor einer Woche als Referenz gelten, sondern untertägige Kurse vom Montag, also zum Zeitpunkt des Ausverkaufs.

WOCHENPERFORMANCE DER WICHTIGSTEN INDIZES



DAX und Öl hängen besonders an China, der DAX als Barometer des Exports Deutschlands und der Ölpreis als Barometer der Weltkonjunktur. Beides war natürlich im Verlauf des Montags heftig ausverkauft worden, entsprechend groß sind die Kursgewinne seither.

Ich werde in Kapitel 04 näher darauf eingehen, ob der Ausverkauf vom Montag bereits das Tief markiert hat oder nicht. Handelt es sich seit Dienstag nur um eine Gegenbewegung, oder ist es der Start einer neuen Rallye?

Die alte Rallye ist erst einmal tot. Lang lebe die Rallye, doch wie lange? Schauen wir uns dazu zunächst einmal die Entwicklung des Sentiments unter den Anlegern an.
 

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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