Die neue Internet-Blase

Veröffentlicht von Weimer Media Group GmbH am 05.06.2011
Dies ist eine exklusive Leseprobe von:

BÖRSE am Sonntag

Vom elektronischen Spielzeug sind facebook, Groupon & Co. in nur wenigen Jahren zu milliardenschweren Konzernen gereift. Der erfolgreiche Börsengang des Business-Netzwerks LinkedIn entfachte an den Börsen zuletzt eine regelrechte Hysterie. Wie zu Zeiten der Dotcom-Blase reißen sich Anleger um neue Internet-Aktien.


 

Keine der fünf Firmen facebook, Zynga, Groupon, Twitter und LinkedIn ist älter als fünf Jahre. Trotzdem sind alle bereits mehrere Milliarden US-Dollar wert. Das Quintett verkörpert die Generation der sogenannten sozialen Netzwerke – sie zeichnen sich vor allem durch ihr rasantes Wachstum aus. Spätestens mit dem fulminanten LinkedIn-Börsengang Mitte Mai wurde aber nicht nur ein neuer Börsenhype entfacht, sondern auch die Angst vor einer neuen InternetBlase geschürt.

Bis zu +170% mit Internet-IPOs

Der Kurs des Business-Netzwerks explodierte am ersten Tag regelrecht – zeitweise betrug das Plus mehr als 170%: Die Aktien waren zu 45 US-Dollar ausgegeben worden – das Hoch lag bei 122,7 US-Dollar. Trotz einer zwischenzeitlichen Konsolidierung wird das Unternehmen an der Börse mit 7,7 Mrd. US-Dollar bewertet. Das ist mehr als das Dreißigfache des 2010er-Umsatzes. Immerhin, die Firma ist profitabel. Bei einem Umsatz von 243 Mio. US-Dollar erwirtschafteten die Amerikaner 2010 ein Plus von 15 Mio. US-Dollar. Dies war jedoch keineswegs der einzige erfolgreiche Börsengang eines Online-Unternehmens in den letzten Monaten. Bereits im vergangenen Dezember hatten zwei Neulinge aus dem Internet-Sektor in den USA für Furore gesorgt: Die Aktie von Youku.com, ein YoutubeKlon und gleichzeitig das führenden Videoportal Chinas, schaffte an ihrem ersten Handelstag ein Plus von rund 160%. Das Papier des Online-Buchhändlers Dangdang kletterte bei seinem Debüt immerhin um stolze 87%. Und auch die jüngste Emission eines Internet-Wertes kam an der Börse gut an: Die Aktien der russischen Suchmaschine Yandex bescherten ihren Zeichnern am ersten Börsentag ein Plus von 55%. Mit einer Bewertung von 8 Mrd. US-Dollar war es der größte Börsengang einer Online-Firma in den USA seit dem Jahr 2004 (Google). Doch warum sind Anleger nach den bitteren Erfahrungen der Jahrtausendwende bereit, erneut solch astronomische Beträge für Internet-Firmen zu zahlen?

Der Aufstieg der sozialen Netzwerke

Immer mehr Menschen nutzen soziale Netzwerke, um mit Freunden in Kontakt zu bleiben, einen neuen Partner zu finden oder Geschäftskontakte zu knüpfen. Das beste Beispiel für den rasanten Aufstieg dieser Spezies ist facebook. Die Firma wurde erst 2004 gegründet und soll 2010 bereits rund 2 Mrd. US-Dollar Umsatz erwirtschaftet haben. Eine solch explosive Entwicklung wäre im industriell geprägten 20. Jahrhundert schlichtweg nicht möglich gewesen: Fabriken und Produktionsanlagen lassen sich nicht auf Knopfdruck errichten und betreiben. Social Networks hingegen können nicht nur in wenigen Monaten programmiert werden, sondern auch in Rekordgeschwindigkeit die Welt erobern. Weil für Aufbau und Betrieb nur ein Bruchteil des Kapitals

benötigt wird, übersteigen die Margen jene klassischer Industrien um ein Vielfaches – doch dazu später mehr. Das Netzwerk, das in den USA als Synonym für die gesamte Branche steht, verfügt mittlerweile über 600 Mio. Mitglieder weltweit. In den USA hat der Anbieter sogar Google als die am häufigsten besuchte Seite abgelöst. Weil sich die Nutzer im Unterschied zur Websuche mit ihren persönlichen Daten registrieren, viele weitere Informationen offenlegen und mit dem Freundeskreis auch ihr soziales Umfeld preisgeben, verfügt facebook über einen Datenschatz, der seinesgleichen sucht. Für die werbetreibenden Unternehmen ist dies von großer Bedeutung. Sie möchten ihre Werbung möglichst zielgenau aussteuern. Das ist bei „the social network“, wie facebook auch genannt wird, kein Problem: Angaben zu Alter, Geschlecht und Wohnort sind eine Selbstverständlichkeit. Hinzu kommen Informationen über persönliche Interessen, soziales Umfeld und bereits getätigte Einkäufe.

facebook-Anteile heiß begehrt

Im Vergleich zu den Herstellern physischer Produkte stehen den Einnahmen zudem kaum Kosten gegenüber – und Konkurrenz findet nur eingeschränkt statt. Im Netz gilt schließlich das Motto „the winner takes it all“. Die 2,54 Mrd. US-Dollar Gewinn, die Google für das vierte Quartal 2010 meldete, scheinen da nur ein Vorgeschmack auf die zukünftige Profitabilität facebooks zu sein. Durch die steigenden Nutzerzahlen wird das Netzwerk schließlich jeden Tag wertvoller: Beim Einstieg russischer Investoren im Juli 2009 wurde facebook mit 6,5 Mrd. US-Dollar bewertet, im vergangenen September waren es Zeitungsberichten zufolge bereits 33 Mrd. Dollar und der Einstieg von Goldman Sachs im Januar erfolgte zu einer Bewertung von 50 Mrd. Dollar. Aktuell wird das Unternehmen bereits auf über 70 Mrd. US-Dollar taxiert. Ein solcher Wertzuwachs weckt naturgemäß Begehrlichkeiten. Weil „the social network“ (noch) nicht börsennotiert ist, müssen Anleger allerdings nach Alternativen suchen.

Die Spreu vom Weizen trennen

Die oben vorgestellten Börsenneulinge sind also vor allem Profiteure eines Hypes, den andere ausgelöst haben. Die aussichtsreichsten Firmen dieses Zuschnitts sind dabei wie facebook noch gar nicht börsennotiert. Neben dem Hersteller von Online-Spielen, Zynga, gilt dies beispielsweise auch für Groupon. Der Gutscheindienst benötigte nur gut zwei Jahre, um ein Umsatzvolumen von 1 Mrd. US-Dollar zu erreichen, und arbeitet trotz der Einstellung Tausender neuer Mitarbeiter profitabel. Zieht man die Gewinnmarge als Maßstab heran, spielt Zynga sogar in einer ganz eigenen Liga: Wie das „Wall Street Journal“ berichtete, erzielte der Spielehersteller 2010 bei einem Umsatz von 850 Mio. US-Dollar einen Gewinn in Höhe von 400 Mio. US-Dollar! Dies wäre eine Gewinnmarge von sagenhaften 47%. Zum Vergleich: Die Marge von Google und facebook liegt jeweils bei rund 30%. Eine Alternative für Anleger stellen also nur andere soziale Netzwerke und Plattformen dar, die über eine ähnliche Marktposition verfügen und diese auch in Gewinne ummünzen können.

So investieren Privatanleger in facebook

In diesem Punkt trennt sich auch die Spreu vom Weizen. Denn in Sachen Qualität bestehen zwischen den einzelnen Firmen enorme Unterschiede. Während Renren und Youku.com beispielsweise noch rote Zahlen schreiben, handelt es sich bei Alibaba.com, Baidu und Tencent – allesamt aus China – um echte Ertragsperlen, an denen die westlichen Konkurrenten nicht vorbeikommen. Tencent ist mit einem Börsenwert von über 50 Mrd. US-Dollar einer der dominierenden Internet-Konzerne Asiens. Seine Umsätze erwirtschaftet das hochprofitable Unternehmen vor allem im Bereich Online-Spiele, die sich in China enormer Beliebtheit erfreuen. Das Geld fließt jedoch nicht nur in das operative Geschäft, sondern auch in Beteiligungen. So ist man unter anderem mit rund 10% an Mail.ru beteiligt. Das russische Unternehmen ist der börsennotierte Teil einer Firmengruppe, die bis vor Kurzem unter dem Namen Digital Sky Technologies firmierte. Mail.ru selbst ist nicht nur das mit Abstand größte Internet-Unternehmen Russlands, sondern besitzt auch einige äußerst interessante Beteiligungen. Am wichtigsten dürften wohl die 2,4% an facebook sein, doch auch die 1,5% an Zynga und die 5,1% an Groupon gelten mittlerweile als äußerst attraktive Investments. Über den Umweg Mail.ru und Tencent kommen also auch Privatanleger zu einer Beteiligung an facebook.

Fazit

Auch wenn facebook & Co. die hochgesteckten Erwartungen in den kommenden Jahren erfüllen können, bleibt festzuhalten, dass Internet-Werte – gemessen am KGV – derzeit wieder so teuer sind wie zu Hochzeiten des Neuen Marktes: Bei LinkedIn liegt das KGV bei über 2000! facebook ist mittlerweile mit rund dem 35-Fachen des Umsatzes von 2010 bewertet und der Kurznachrichtendienst Twitter soll bis zu 8,8 Mrd. Dollar wert sein – das wäre das 178-Fache des Jahresumsatzes. Die Rechnung für das Platzen der Dotcom-Blase bezahlten damals die Privatanleger. Die Chance, dass sich dies knapp zehn Jahre später wiederholt, steht angesichts solcher Zahlen nicht schlecht. 

 

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