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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 05.09.2014

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 05.09.2014:

Börsenbrief Heibel-Ticker
Heibel-Ticker

Stephan Heibel - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit März 2000

Die Mär von Austerität und rückläufiger Öl-Nachfrage

Ich weiß, was ich Ihnen heute schreibe, wird wieder eine heftige Welle an Feedback hervorrufen: Sowohl Zustimmung als auch Widerspruch. Der Heibel-Ticker bemüht sich um eine Einordnung der Fakten. Die Fakten selbst können Sie anderswo lesen. Bei der Einordnung bin ich weitgehend neutral und nehme immer wieder die Perspektive der Finanzmärkte ein. Heute kann ich mich jedoch nicht mehr zurückhalten und schreibe Ihnen meine Meinung zu zwei wichtigen Themen.

DIE MÄR VOM AUSTERITÄTSDOGMA DEUTSCHLANDS


Die Finanzpresse ist voll von reißerischen Artikeln gegen die deutsche Doktrin der Austerität (Sparzwang) für die europäischen Partnerländer. Die angelsächsische Presse wettert zu hundert Prozent gegen diese vermeintliche Doktrin, selbst die deutsche Medienlandschaft ist meinem Eindruck nach 50:50 gespalten. Ich halte allein die Diskussion für verfehlt und gefährlich.

Wir müssen mehrere Dinge unterscheiden, die in diesen Artikeln vielfach vermischt werden. Zum einen gibt es einen Sparzwang bei den Club-Med Ländern, und zum anderen gibt es eine gut laufende Konjunktur und volle Staatskassen in Deutschland. Ich verstehe nicht, warum der deutsche Staatshaushalt einfach so mehr Kredite aufnehmen soll, nur weil es möglich ist, um den Club-Med Ländern zu helfen.

Ich verstehe hingegen, dass die Club-Med Länder tatsächlich in ihrer derzeitig desolaten Situation nicht mehr Kredite aufnehmen können und somit aus eigener Kraft kaum einen erforderlichen Nachfrageschub in ihren Ländern initiieren können.

Wenn nun Deutschland helfen soll, dann muss es eine Gegenleistung dafür geben. Und die Gegenleistung, die sich Deutschland seit Jahren immer und immer wieder wünscht, ist: Strukturreformen.

EZB-Chef Mario Draghi hat es gestern am besten formuliert. Der Leitzins ist nun am unteren Ende der Möglichkeiten angelangt (Banken müssen 0,2% Strafzins auf ihre EZB-Guthaben zahlen, der offizielle Leitzins ist mit 0,05% auf einem historischen Tief). Zusätzlich hat die EZB angekündigt, ab Oktober verbriefte Kredite für Autos, Häuser, Unternehmensinvestitionen und anders aufzukaufen.

Banken haben also die Wahl zwischen einem kostenpflichtigen Guthaben bei der EZB oder aber einem Kredit, dessen Risiko direkt im Anschluss an die Vergabe an die EZB weitergereicht werden kann. Da muss man doch bekloppt sein, wenn man das kostenpflichtige Guthaben wählt.

Und dennoch tun die Banken genau das. Warum? Und hier hat Mario Draghi die passenden Worte gefunden: Ein Unternehmer, der seine Geschäftsidee günstig finanziert bekommt, möchte nicht im Anschluss an die Unternehmensgründung acht Monate staatlichen Genehmigungen hinterher laufen, bevor er den Geschäftsbetrieb aufnehmen darf. Und er möchte auch nicht vom ersten Tag an mit einer hohen Steuerlast kämpfen müssen, ohne die Zukunftsfähigkeit seiner Geschäftsidee ausgetestet zu haben.

Doch genau das ist das Problem der fehlenden Strukturreformen in Ländern wie Italien und Frankreich. Viele potentielle Unternehmensgründer wählen lieber den sicheren Angestelltenjob, oder im Zweifel auch das Arbeitslosengeld, bevor sie sich auf das Abenteuer mit der Selbständigkeit einlassen - und Abenteuer steht hier eher für Behördengänge und Steuerverpflichtungen und leider nicht für Umsatz und Gewinn.

So ist es nicht verwunderlich, dass potentielle Unternehmensgründer Investitionskapital nicht einmal geschenkt haben wollen. Und es liegt leider nicht in der Macht der EZB, dieses Problem zu beheben - weder mit 1% Zinsen, auch nicht mit 0% Zinsen.

EZB-Chef Mario Draghi möchte offensichtlich alles in seiner Macht stehende versuchen, um dieses Problem zu bekämpfen. Die Kritik der Deutschen, die fälschlicherweise als Sparzwang subsummiert wird, bezieht sich auf die Wirkungslosigkeit der EZB-Maßnahmen. "Das System ist kaputt", so die Kritik der deutschen "Stabilitätsvertreter", warum also mehr Geld in ein kaputtes System kippen? Besser wäre es doch, das System zuerst zu reparieren - Strukturreformen - und dann noch etwas Geld übrig zu haben, mit dem man die neuen Strukturen dann ankurbeln kann.

Ich habe noch keinen Politiker sagen gehört (oder gelesen), dass Deutschland kein Geld mehr für seine europäischen Nachbarn locker machen wolle. Stets waren diese Aussagen gepaart mit der Kritik an den fehlenden Strukturreformen. Die angelsächsische Presse jedoch zieht Fragmente aus den Aussagen heraus und stellt Deutschland weltweit als einen Vertreter bedingungsloser Austerität dar. Und so wächst der Druck auf Deutschland, doch endlich mehr zu investieren. Und so wird EZB-Chef Mario Draghi der Rücken gestärkt, doch weiter mit seiner Kamikaze-Politik Europa mit Geld zu überhäufen.

Ja, Draghi hat durch seine lockere Geldpolitik Schlimmeres in Europa verhindert. Es ist in Folge der EU-Schuldenkrise nicht zu einer Wirtschaftskrise gekommen. Aber er hat auch die Reformbemühungen untergraben, und er tut dies insbesondere gerade jetzt, wo in Frankreich die Chance auf einen Umbruch besteht und in Italien vieles des Umbruchs schon wieder zurückgenommen wurde. Ist es die Aufgabe der EZB, die Versäumnisse der Politik zu kompensieren? Ja, sicher, im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Doch die Möglichkeiten dafür zu überschreiten, was Draghi seit zwei Jahren in Aussicht stellt, geht zu weit.

Die Entscheidung für den neuerlichen Zinsschritt der EZB war nicht einstimmig, wie Draghi zähneknirschend zugab. Und Berichten zufolge war Jens Weidmann nicht der einzige Widersacher. Das zeigt, dass die Politik der EZB langsam an die Grenzen des Machbaren stößt. Gefährlich.

Mein Fazit: Niemand möchte Austerität, auch nicht Deutschland. Doch Investitionen müssen sinnvoll sein.


DIE MÄR DER RÜCKLÄUFIGEN ÖL-NACHFRAGE

Ein weiterer Trugschluss, dem viele Finanzmedien unterliegen, ist die Folgerung einer Konjunkturschwäche allein aus dem fallenden Ölpreis. Hier werden zwei unabhängige Vorgänge miteinander verknüpft, weil das in der Vergangenheit oftmals so funktioniert hat. In unserer auf Energie basierenden Wirtschaft ist eine rückläufige Nachfrage nach Öl, die zu einem Ölpreisverfall führt, häufig ein Vorläufer einer weltweiten Konjunkturschwäche gewesen.

Diesmal ist es jedoch anders.

In den vergangenen Jahren wurde Öl stets nahe der Kapazitätsgrenzen aus dem Boden geholt. Eine kleine Änderung der Nachfrage hat den Ölpreis umgehend bewegt: Mehr Nachfrage, steigender Ölpreis. Weniger Nachfrage, fallender Ölpreis.

Seit die USA jedoch Schiefergas im großen Stil fördern (Fracking) und alte, bereits stillgelegte Ölvorkommen erneut erschließen (Seitwärts-Bohrungen), erlebt das Land einen zweiten Öl-Boom. Das Land weiß kaum noch, wohin mit dem ganzen Öl und Gas. Exportieren darf man derzeit noch nicht. Und zu Benzin verarbeiten (Raffinieren) kann man es mangels ausreichender Kapazitäten nicht. Seit Jahrzehnten wurde in den USA keine neue Öl-Raffinerie mehr genehmigt.

Mir liegen Berichte vor, dass teilweise über 50% des geförderten Gases abgefackelt wird, weil man es nicht weiterverarbeiten, transportieren oder zwischenspeichern kann. Doch das sind temporäre Probleme die zeigen, dass wir eine Revolution auf der Angebotsseite erleben. Nicht die Nachfrageseite ist für den Ölpreisrückgang verantwortlich, sondern die Angebotsseite.

Aus Veränderungen der Nachfrageseite konnte man in der Vergangenheit tatsächlich Rückschlüsse auf die Konjunkturentwicklung ziehen. Doch aus Veränderungen der Angebotsseite fällt das schwer. Bestenfalls können wir den sinkenden Öl- und somit Energiepreis als konjunkturfördernd zur Kenntnis nehmen. Wenn die Energiekosten sinken, so wirkt sich das insbesondere auf energieintensive Industriebranchen wie eine steuerliche Förderung aus.

Lassen Sie sich also nicht ins Bockshorn jagen von warnenden Stimmen, die den sinkenden Ölpreis als schlechtes Omen für die Konjunkturentwicklung heranziehen. Die USA fallen auf dem Weltmarkt als großer Nachfrager nach Öl aus, China kompensiert diesen Ausfall zum größten Teil. Für die Konjunkturentwicklung ist dieser Vorgang förderlich.

Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass wir bislang noch kaum einen Ölpreisrückgang gesehen haben. Bislang wurde der Nachfragerückgang der USA seitens Chinas weitgehend kompensiert. In den vergangenen drei Monaten ist der Ölpreis um 11% zurückgegangen, gleichzeitig ist der US-Dollar gegenüber dem Euro um 6% angestiegen. Über die Hälfte des Ölpreisverfalls wurde durch eine Aufwertung des US-Dollars erzeugt. Der US-Dollar ist heute mehr wert als vor drei Monaten, daher müssen Sie weniger davon für ein Fass Öl hinlegen als zuvor. Das folgt allein aus dem US-Dollaranstieg.

Mein Fazit: Öl-Boom wirkt konjunkturfördernd


...und dann ist da noch die Mär vom Waffenstillstand in der Ukraine. Wie soll ich das noch kommentieren? Putin selbst hat diese Meldung aus Kiev umgehend dementiert, und inzwischen gibt es Meldungen über ein verschärftes Vorgehen russischer Separatisten. Morgen wird die EU auf einem Sondergipfel über weitere Sanktionen gegen Russland beraten. Fast habe ich den Eindruck, die emotionslosen Finanzmärkte blicken über die verlorenen Menschenleben in diesem Konflikt hinweg und sehen die Auseinandersetzung als Schaukampf. Das würde der Bedeutung jedoch in meinen Augen nicht gerecht, und nach wie vor dürfte eine Zuspitzung der Situation ... quatsch, die haben wir ja schon, also eine realistischere Wahrnehmung der Situation erneut zu einem Rückschlag an den Börsen führen.

Hoffen wir das Beste: Hoffen wir, dass die Meldung über einen Waffenstillstand ein Zeichen dafür war, dass es Lösungsmöglichkeiten gibt.

Schauen wir einmal, ob wir die Marktreaktion auf diese teils widersprüchlichen Ereignisse herunterbrechen können:

WOCHENPERFORMANCE DER WICHTIGSTEN INDIZES



Der US-Aktienmarkt ist "nur" um 0,1% gefallen, während gleichzeitig die US-Rendite um "nur" 0,1%-Punkt angestiegen ist. Die Konjunkturdaten der USA sind gut, die US-Notenbank befindet sich auf Kurs, die Liquiditätsflutung einzustellen und wird aller Voraussicht nach Mitte nächsten Jahres beginnen, den Leitzins zu erhöhen. Eigentlich müsste vor diesem Hintergrund das Zinsniveau wesentlich stärker ansteigen und der Aktienmarkt Federn lassen.

Doch gleichzeitig ist der US-Dollar um 1,9% angestiegen, und das zeigt, dass viel Geld in die USA fließt. Geld, das bei einem durch die EZB geschwächten Euro nicht in Risikoanleihen der Franzosen und Italiener angelegt werden möchte, wo der Zins niedriger ist als in den USA (10 Jahre Frankreich: 1,3%, Italien 2,0%, USA 2,45%).

Der US-Leitzins steht bei 0%. Leitzinserhöhungen wirken sich theoretisch bremsend auf die Konjunktur aus. Doch genau wie die letzten Zinssenkungen Mario Draghis in Europa kaum noch einen stimulierenden Effekt hatten, werden die ersten Zinsanhebungen in den USA keinen bremsenden Effekt haben. Es wird eine psychologische Reaktion geben, die jedoch binnen weniger Wochen egalisiert wird. Sprich: Jedes Mal, wenn über Zinserhöhungen in den USA gesprochen wird, werden die Aktienkurse sinken. Aus Angst vor der bremsenden Wirkung. Doch der wirtschaftliche Effekt der ersten Zinserhöhungen, meiner Einschätzung nach mindestens bis dort ein Leitzinsniveau von 2-3% erreicht ist, wird nicht messbar sein. Es ist lediglich der Effekt, dass kein Geld mehr verschenkt wird. Und alle, die auf Geschenke angewiesen waren, haben sich ihre Geschenke schon abgeholt. Rational kalkulierte Investitionen werden durchgeführt, ungeachtet dessen ob der Leitzins bei 0% oder bei 2% steht.

Der psychologische Effekt der Zinserhöhungen wird dennoch immer wieder für Korrekturen sorgen.

Ähnlich widersprüchlich ist die Entwicklung bei den US-Staatspapieren. Die Aussicht auf eine höhere Verzinsung in der Zukunft lässt Anleger mit Anlagen in Staatsanleihen abwarten. Die Nachfrage nach Staatsanleihen sinkt, der Kurs sinkt und dadurch steigt die Rendite. Dieser Effekt lässt auf sich warten, weil, wie oben gezeigt, europäische Anleiheninvestoren ihr Geld in die USA transferieren.

Ein guter Teil des Goldpreisrückgangs ist ebenfalls dem starken US-Dollar zuzuschreiben. Während der Goldpreis gemessen in US-Dollar diese Woche um 1,6% nachgab, stieg er, gemessen in Euro, diese Woche um 0,3% an. Diese Bewegung hat also wenig Aussagekraft für die Angebots- und Nachfragesituation beim Gold, sondern ist eher eine währungsbedingte Bewegung.

In meine Theorie der weltweit besseren Konjunkturentwicklung, als wir sie derzeit wahrnehmen, passt auch der anhaltende Anstieg des Baltic Dry Verschiffungsindexes. Dieser steigt seit sechs Wochen kontinuierlich an, inzwischen um über 50%.

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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