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Veröffentlicht von Hans A. Bernecker Börsenbriefe GmbH am 03.03.2016

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 03.03.2016:

Börsenbrief Aktionärsbrief
Aktionärsbrief

Hans A. Bernecker Börsenbriefe GmbH - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit Januar 1989

Der geplante Zusammenschluss der Deutschen Börse und der LSE bringt frischen Wind in die Branche

Grundsätzlich kommt die Fusion der beiden Börsenbetreiber gut bei den Analysten an. Kosteneinsparungen aufgrund von Synergieeffekten stehen im Vordergrund. Logische Folge sind höhere Gewinne. Aber auch, dass dann ein europäischer Branchenwettbewerber es mit der bisher übermächtigen US-amerikanischen und asiatischen Konkurrenz aufnehmen kann, kommt gut an. Allerdings herrschen auch große Zweifel vor, ob der Zusammenschluss letztlich auch wirklich gelingt. Vor allem rechnen die Analysten mit Widerstand seitens der Wettbewerbsbehörden. Aber auch die große Anzahl der bisherigen, letztlich gescheiterten Fusionsanstrengungen stimmen skeptisch.

Insgesamt sehen die Analysten aber für die LONDON STOCK EXCHANGE (A0J EJF; 2.870 p) einen größeren Vorteil als für die Deutsche Börse. Die Analysten der Credit Suisse begründen das folgendermaßen. Zwar erhalten die Aktionäre der LSE nur 45,6 % der Aktien des fusionierten Unternehmens, aber die LSE wird 2017 schätzungsweise nur rund 41 % zum Gewinn der gemeinsamen Holding beisteuern. Durch die Fusion könnten 15 % der gemeinsamen Kosten eingespart werden. Basierend auf geschätzten Gesamtkosten in Höhe von 1,9 Mrd. Pfund ergäbe das immerhin eine Ersparnis von 280 Mio. Pfund vor Steuern. Aber zusätzlich zu den Kosten- kommen noch Umsatzsynergien, wie z. B. bei der Verrechnung von Sicherheitsleistungen („Cross Margining“) auf gehandelte Derivate. Zudem könnte die LSE über die Deutsche Börse-Tochter Eurex Derivate auf ihre eigenen Indexprodukte anbieten. Auch nachgelagerte Services, wie etwa die Abwicklung oder das Management von Sicherheiten könnten gemeinsam angeboten werden. Insgesamt wird die Attraktivität als internationaler Börsenplatz durch die Fusion also deutlich steigen.

Die Analysten schätzen die Aktie der London Stock Exchange vor dem Hintergrund der möglichen Fusion zwar optimistisch, aber nicht euphorisch ein. Exane BNP Paribas z. B. stuft die LSE zwar weiterhin mit „Outperform“ ein, hat aber das Kursziel von 27 auf 29,30 GBP angehoben. Das Vorhaben könne nun auch die gesamte Branche in Konsolidierungsdruck bringen. Citigroup sieht LSE ebenfalls als Kauf. Das fusionierte Unternehmen könne Kunden ein komplettes Angebot an Börsendienstleistungen in vielen Anlageklassen aus einer Hand anbieten.

Die Einschätzung für die DEUTSCHE BÖRSE AG (581 005; 76,87 €) fällt dagegen etwas gedämpfter aus. Bankhaus Lampe, Warburg Research und die DZ Bank schätzen die Aktie als „Kauf“ ein, die Mehrheit der Analysten rät aber zum Halten der Aktie. So hat Equinet die Einschätzung der Aktie von „Akkumulieren“ auf „Neutral“ zurückgenommen und das Kursziel von 88 auf 79 € reduziert. Als Hauptgrund dafür wird das unvorteilhafte Bezugsverhältnis genannt. Independent Research sieht in der Deutschen Börse AG ebenfalls eine Halteposition und bekräftigt das Kursziel von 83 €. Auch hier werden die Vorteile hervorgehoben, wie strategische Vorteile und erhebliche Kostensynergien, aber auch auf die aufsichtsrechtlichen und politischen Hürden verwiesen. Laut Nord LB ist die Aktie ebenfalls eine Halteposition, aber man traut ihr nur einen Kurs von 77 € zu. Der Zusammenschluss könne wegen des Größenvorteils und der Angebotsvielfalt die Attraktivität für die Kunden steigern. Dennoch erachtet man die Wahrscheinlichkeit, dass die Börsenfusion letztlich gelingt, wegen der bereits erwähnten Hemmnisse als gering ein. Warburg Research hingegen empfiehlt Deutsche Börse zum Kauf und sieht das Kursziel bei 88 €. Auch hier sieht man aber mögliche Probleme mit den Wettbewerbshütern, weil die beiden Börsenbetreiber gleichzeitig auch die beiden führenden Clearinghäuser Europas beherbergen. Bankhaus Lampe bleibt ebenfalls bei „Kaufen“ und belässt das Kursziel bei 86 €. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Fusion auch tatsächlich zustande kommt, sieht man allerdings nur bei 40 %.

Aber auch insgesamt steht die Branche der europäischen Börsenbetreiber gut da. Credit Suisse hat im Rahmen einer Branchenstudie nicht nur die Deutsche Börse AG und die LSE untersucht, sondern auch andere Wettbewerber. Den Analysten gefällt der Sektor zum einen wegen der absehbaren Gewinnentwicklung. Zum anderen profi tieren die Unternehmen auch von den hohen Schwankungen am Markt. Dazu kommen üppig sprudelnde Cashflows und solide Bilanzen. Zusätzliches Potenzial erwächst aus möglichen Fusionen und Übernahmen. Auch die zunehmende Regulierung dürfte sich letztlich positiv auswirken, da sie die Konsolidierung in der Branche forciert.

Für EURONEXT (A11 5MJ; 37,79 €) hat Credit Suisse das Kursziel von 45,50 auf 50 € angehoben. Grund: Erhöhte Gewinnschätzungen wegen höherer Umsätze und niedrigerer Kosten. Zudem rechnet man mit steigenden Dividenden sowie attraktiven Übernahmen oder Fusionen.

ICAP (A0B KYB; 450,00 p) traut man weiterhin ein Kursziel von 5,10 Pfund zu. Das in London ansässige Unternehmen ist der weltweit größte Internet-Dealer-Broker. ICAP bietet seine Dienste vor allem professionellen Marktteilnehmern an. Man ist größtenteils in New York, London und Tokio, aber auch an weiteren 20 Finanzplätzen auf der Welt vertreten. Von dem täglichen Handelsvolumen von 1,5 Mrd. $ wird rund die Hälfte über elektronische Handelssysteme abgewickelt.

Dass Credit Suisse die Icap-Aktie hochgestuft hat, ist vor allen Dingen auf den jüngsten Kursrückgang zurückzuführen. Zudem unterschätzt der Markt wohl das Potenzial durch den Verkauf des Global-Broking-Bereichs an den Londoner Interdealer-Broker Tullett Prebon. Immerhin erhalten die Icap-Aktionäre 56 % des neuen Unternehmens TP-Icap.

Die Börse Madrid (BOLSAS Y MERCADOS ESPANOLES; A0H 1NA; 29 €) fällt dagegen ab. Credit Suisse hat das Kursziel von 35 auf 28 € gesenkt. Ausschlaggebend sind unter anderem die Risiken durch die seit Beginn Februar gültigen Erleichterungen im Nachhandelsgeschäft. Dadurch könnten alternative Handelsplattformen ihre Chancen wittern und verstärkt in den Markt drängen. Zudem könnte sich möglicherweise auch die neue EU-Finanzmarktrichtlinie Mifi d2 negativ auswirken.

Fazit: Von den eingesessenen europäischen Börsenbetreibern ist die LSE zu bevorzugen. Wer zusätzlich Pfeffer im Depot haben will, sollte auch auf Icap setzen. Hier gibt es noch höhere Chancen, aber auch höhere Risiken.

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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