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Veröffentlicht von CURT L. SCHMITT Informationsdienste am 15.12.2011

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 15.12.2011:

Börsenbrief Frankfurter Börsenbrief
Frankfurter Börsenbrief

CURT L. SCHMITT Informationsdienste - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit Januar 1954

Auch mit dem jüngsten EU-Gipfel hat die europäische Politik das Vertrauensruder an den Märkten nicht herumreißen können

Das ist bedauerlich und bedeutet einen weiteren Schuss der Politik ohne Treffer. Grundsätzlich gehen die Absichten in die richtige Richtung (Stichwort Stabilitätspakt und stärkere Verzahnung der Fiskalpolitik), aber der Anleihenmarkt ist derzeit nicht bereit, hierauf einen Vertrauensvorschuss zu geben. Nicht ganz unverständlich, denn bei allen guten längerfristigen Absichten fehlt zunächst ein starker Mechanismus, um kurzfristig das Funktionieren der Märkte sicherzustellen.

 

Die extrem hohen Einlagen der Banken bei der EZB lassen jedenfalls von gegenseitigem Vertrauen und neuer Risikobereitschaft nichts erkennen. Ein Knackpunkt ist neben der Zeitfrage das Umsetzungsrisiko. Einschränkungen in der jeweiligen Souveränität der Länder werden ohne heiße Diskussionen nicht zu machen sein. In Deutschland dürfte das Thema letztlich vor dem Verfassungsgericht landen. In dieser Gemengelage ergibt sich eine erhöhte Anfälligkeit für externe Faktoren außerhalb des aktuellen Marktfokus. Eine mögliche Angriffsfläche ergibt sich mit dem Ölpreis.

Der arabische Frühling bewirkt unter dem Strich eine Destabilisierung des Nahen Ostens. Beispiel Ägypten: Dominierende Kraft in der ersten Runde der Parlamentswahlen war die Moslem-Bruderschaft mit einem Anteil von 45 % der Sitze. Zweitstärkste Kraft sind die Salafisten, die für einen radikalen Islamismus stehen. Auch bei der zweiten Runde der Wahl dürften islamistisch geprägte Kräfte über 60 % der Stimmen erhalten. Damit erscheint es höchst unwahrscheinlich, dass Ägypten künftig ein säkularer Staat sein wird mit einer Trennung von Religion und Staat. Dazu kann man stehen, wie man will, aber der Riss zum Westen wird größer werden, und sei es auch mit einem nachhaltigen Totalabsturz der so wichtigen Einkommensquelle Tourismus. Auch der Übergriff auf die israelische Botschaft in diesem Jahr dürfte die künftige politische Linie des Landes recht gut abbilden. Libyen ist vom Radarschirm deutscher Medien weitgehend verschwunden. Der Bürgerkrieg scheint zu Ende, aber der Übergangsrat und die Übergangsregierung werden im Land mind. teilweise als eine Renaissance des alten Regimes gesehen. Der wesentliche Unterschied ist allerdings der, dass man sich nicht einem kalkulierund einigermaßen greifbaren Führer gegenübersieht, sondern einer politisch  instabilen Masse. Auch die Situation in Syrien ist instabil, nach einem UN-Bericht gibt es allein seit März dieses Jahres 5.000 Todesopfer des Assad-Regimes. Die USA agieren in diesem Rahmen eher aus der Defensive, wie der jüngste Konflikt mit der islamisch geführten Atommacht Pakistan andeutet. Der Drohnenkrieg im Land des wichtigen US-Verbündeten gegen den Terror wird zunächst eingestellt, wohl auch als Folge davon, dass Pakistan wichtige Versorgungswege für die Nato-Truppen in Afghanistan dichtgemacht hat und außerdem der Abschuss von USDrohnen droht. Schon der Verlust einer Drohne im Iran ist eine schwere Schlappe der US-Truppen.

Das ergibt eine problematische Isolierung Israels und damit eine wackelige Sicherheitslage, bei der keiner die Nerven verlieren darf. Während man verbal noch mit dem Säbel rasselt und beiderseits den Krieg in Manövern probt, wird der Säbel hinter den Kulissen bereits eingesetzt. Stark zu vermuten ist, dass Israel oder befreundete Geheimdienste hinter Maßnahmen stehen wie dem Stuxnet-Virus, der für eine empfindliche Störung des Atomwaffenprogramms des Iran sorgte, aber auch der Tötung von iranischen Atomwissenschaftlern und mithin auch der Explosion in einer Raketenbasis in der Nähe Teherans. So gesehen fahren zwei Züge aufeinander zu. Ein Zusammentreffen ist wohl eher eine Zeitfrage. Der Westen unterliegt einem völligen Trugschluss wenn er annimmt, dass Wirtschaftssanktionen hieran wirklich etwas verändern können. Nun ist der Nahe Osten generell eine instabile Region, der Sachrahmen damit auch nicht neu, wenngleich aktuell mit verschärfter Sprengkraft, da man gegen die Zeit kämpft.

Das eigentliche Marktrisiko daraus erfolgt über den Ölpreis als potenzieller Bremser einer ohnehin wackeligen Weltwirtschaft. Es geht nicht nur um mögliche Lieferunterbrechungen aus dem Iran, sondern auch generell um die Lieferstabilität z.B. für den Fall, dass die Straße von Hormus dichtgemacht wird. Ebenfalls nicht hilfreich wären Lieferunsicherheiten, sofern die Proteste in Russland sich zu einer Art „russischem Frühling“ verdichten würden. Die Ölsorte WTI hat seit etwa Anfang Oktober bereits um grob 25 % zugelegt und dies, obwohl die Weichen für die globale Konjunktur eher auf Abbremsung stehen. Bitte beachten Sie zu dem Öl-Thema auch unsere Ausführungen im Derivate-Teil. 

 


Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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