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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 27.08.2010

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 27.08.2010:

Börsenbrief Heibel-Ticker
Heibel-Ticker

Stephan Heibel - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit März 2000

Abschied der letzten Börsianer

Ich würde ja gern behaupten, dass alle intelligenten Börsianer im wohlverdienten Sommerurlaub sind und den Lakaien die Bühne überlassen haben. Doch der Blick aus dem Fenster lässt den Sommer vermissen, eigentlich sollten Börsianer bei diesem Wetter nichts Besseres zu tun haben, als sich endlich einmal um eine realistische Einschätzung der Verfassung unserer Unternehmen zu kümmern. Die Indizes sind diese Woche kontinuierlich abgesackt, das Wochenminus sieht mit über 2% recht heftig aus

Der DAX ist unter 6.000 Punkte gerutscht, der Dow Jones unter 10.000 und der Nikkei unter 9.000. Alles Marken, bei deren Unterschreiten die Bären feiern und ihre Theorien über den Rückfall in eine weltweite Rezession verbreiten. Sieht es denn wirklich so schlecht aus? Das Reich der Mitte hat die Immobilienmarktspekulationen erfolgreich eingedämmt. Das Wirtschaftswachstum ist infolgedessen unter 10% gedrückt worden, doch von einer Rezession kann ich dort nichts sehen. Europa muss nun leider zweigeteilt werden: Nicht in Ost und West, sondern in Nord und Süd. Im Norden werden Exporterfolge gefeiert, die Stimmung unter den Konsumenten sowie in den Unternehmen ist gut und die Wirtschaft scheint Tritt zu fassen. Im Süden (okay, wir zählen Irland ausnahmsweise heute als südliches Land) gibt es weiterhin Probleme mit dem Haushaltsdefizit. Für Irland wurde die Kreditwürdigkeit (credit rating) abgestuft, in Spanien kommen Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Steuererhebung auf. Und in den USA herrscht völlige Verunsicherung. Nachdem Cisco- Chef John Chambers vor drei Wochen von einer Zurückhaltung bei seinen Geschäftskunden gesprochen hat, gab gestern Abend Mickes Drexler, CEO des Kleidungsartikelanbieters J.Crew, bekannt, seine Mitarbeiter angewiesen zu haben, herauszufinden, warum sich die Kunden nicht für einen Kauf entscheiden können. Also auch die Konsumenten in den USA üben sich in Zurückhaltung. Anleger sind verunsichert und leiten ihr Anlagevermögen in Staatsanleihen. Die Renditen der Staatspapiere in den USA sowie in Deutschland sind auf historischen Tiefstwerten. Ich kann Ihnen eine ganz lange Liste von „Beweisen“ aufzeigen, warum wir uns eben nicht auf dem Weg zu japanischen Verhältnissen befinden, doch das Zinsniveau sinkt Monat für Monat weiter und straft somit meine Beweise Lügen. Na, und auch die Goldpreisentwicklung gibt den Bären Recht: Der Goldpreis steigt kontinuierlich an, ein neues Allzeithoch kommt schon wieder in Reichweite. Letzte Woche schrieb ich „Warten auf den Sinneswandel“. Dieser hat in der abgelaufenen Woche mit Sicherheit noch nicht stattgefunden. Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als Sie mit Durchhalteparolen bei der Stange zu halten. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie lange diese schlechte Stimmung noch anhalten könnte. Aber derzeit sehe ich kein Ereignis, das einen schnellen Sinneswandel erzeugen könnte. Wie immer dürfte der Sinneswandel aus den USA stammen. Dort wurden immerhin leicht bessere Arbeitsmarktdaten gemeldet als erwartet. Heute wurde auch ein leicht besseres Wachstum des Bruttosozialproduktes gemeldet als erwartet. Und heute wird US- Notenbankchef Ben Bernanke seine jährliche Ansprache aus Jackson Hole abliefern, von der Anleger weitere Hinweise auf Aktivitäten der Fed erwarten, mit denen die Konjunktur gestützt werden kann. Ich erwarte keinen entsprechenden Hinweis von Bernanke, denn Bernanke hat in den vergangenen Monaten alles getan, um die Konjunktur zu unterstützen. Er wird diese Haltung heute bekräftigen und das ist zwar weiterhin positiv, aber keine positive Überraschung. Überraschen würde Präsident Obama, wenn er mit einem Maßnahmenkatalog an die Öffentlichkeit ginge, wie er mehr Arbeitsplätze in den USA schaffen möchte. Ich habe einen Tipp für Obama: Schaffe Planungssicherheit für die Unternehmen, stelle ein paar Deiner ideologischen Ziele hinten an, und die Wirtschaft wird den Rest übernehmen. Doch so hangeln wir uns durch den Sommer mit leicht positiven Arbeitsmarktdaten, nicht so schlecht, dass der Rückfall in die Rezession Oberhand gewinnt, aber auch nicht so gut, dass Rezessionsängste ausradiert werden könnten. So hangeln wir uns an der Rede von Bernanke zu weiteren Konjunkturdaten, die uns alle keine eindeutige Antwort geben. Und die vielen guten Quartalsberichte der Unternehmen werden von verhaltenen Prognosen der CEOs in die Bedeutungslosigkeit degradiert. Und CEOs müssen verhaltene Prognosen machen, wenn sie feststellen, dass ihre Kunden verunsichert sind und keine Entscheidungen treffen. Es scheint, als wäre auch der vorletzte Optimist (Ihr Autor wäre der letzte ;-) zum Bärenlager konvertiert. Wem ist es auch zu verdenken, schon vor 10 Jahren stand der DAX höher als heute und wer damals seine Altersvorsorge in die Aktienbörse gesteckt hat, ist heute vermutlich noch immer hinten. Da kann man schon mal zum Pessimisten werden. Fonds und ETFs berichten von Kunden, die ihr Kapital abziehen. Staatspapiere lassen sich problemlos mit historisch niedrigsten Zinsen platzieren. Es scheint mir, als könne das Desinteresse an der Aktienbörse nicht mehr viel größer werden. Jegliche positive Meldung versickert ungehört. Jegliche neutrale oder negative Meldung wird mit gerunzelter Stirn und einem warnenden Plakat über das Parkett getragen. Ich habe daher mein Augenmerk heute auf einen Trend gelegt, der meines Erachtens über mehrere Jahre anhalten wird: Das Zusammenwachsen des Fernsehens mit dem mobilen Internet. Doch das ist nur einer der Trends, die uns in den nächsten Jahren Freude machen könnten. Ein anderer mehrjähriger Trend ist der Aufschwung der Flugzeugbauer Boeing, EADS, Bombardier etc. Boeing hat gerade wieder die Auslieferung seines ersten Dreamliners verschoben, die technischen Probleme der neuen Flugzeuggeneration sind extrem komplex. Doch diese Probleme stehen kurz vor der Lösung und es wird ein neuer Investitionszyklus in neue Flieger folgen. Sie kennen meine Erwartung hinsichtlich eines mehrjährigen Trends hin zu Generika. Der Sparzwang und die gleichzeitige Notwendigkeit von mehr Medikamenten in unserer alternden Gesellschaft führen zwangsweise zu generischen Pharmazeutika. Cloud Computing drängt sich in diesen Tagen in das Bewusstsein der Anleger, da HP und Dell einen Bieterwettbewerb um das unbedeutende Unternehmen 3PAR anzetteln. Im Bereich des Cloud Computing gibt es weitaus interessantere Unternehmen, die vor einem mehrjährigen Aufschwung stehen. Nun, soweit nur ein kleiner, beliebiger Ausschnitt aus Wachstumsbranchen der Zukunft. Es lohnt sich, am Ball zu bleiben, wenn auch die aktuelle Entwicklung an den Börsen zum abgewöhnen ist. Halten Sie durch. Wer jetzt aussteigt, hat die Schmerzen durchlebt, nimmt sich aber die Chance des Freudenfestes nach der Erholung. Ich weiß nicht, wie viele Schmerzen Sie noch aushalten müssen. Doch wenn Sie diesen Sommer durchgehalten haben, dann sollten Sie nicht an dessem Ende aufgeben.

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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