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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 22.03.2013

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 22.03.2013:

Börsenbrief Heibel-Ticker
Heibel-Ticker

Stephan Heibel - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit März 2000

Winterschlaf der Bären

Dicke Schneeflocken kreisen vor meinem Fenster. Jeder Bär, der seine Sinne noch beisammen hat, hält bei diesem Wetter noch Winterschlaf! Anders kann ich mir die Reaktion auf die Ereignisse in Zypern - oder sollte ich sagen "die ausbleibende Reaktion"? - nicht erklären.

Zypern kommt da gerade recht

Der DAX ist über 8.000 Punkte gesprungen und hält sich seither aus Höhenangst mit einem Angriff auf das Allzeithoch zurück. Ein durchaus nachvollziehbares Verhalten.

Es bedurfte nur eines kleinen Anschubsers und schon folgte die Konsolidierung der zuvor erzielten Kursgewinne. Zypern kommt da gerade recht.

Doch ist Zypern wirklich so unwichtig, dass die Börse scheinbar gar nicht darauf reagiert? Wo bleibt der Aufschrei der Empörung, dass in Europa bereits die ersten Kleinsparer enteignet (okay, offiziell heißt es "besteuert") werden? Wo bleiben die Artikel, die entsprechende Schritte für Italien und Frankreich nur noch als Frage der Zeit aufzeigen? Wo bleibt der Crash an den Finanzmärkten, den der Abzug internationaler Gelder von den europäischen Börsen zur Folge haben muss? Ein Tag mit minus 2% ist das Mindeste, was wir in den vergangenen zwölf Jahren als Reaktion auf ein solches Ereignis gesehen hätten.

Doch nichts dergleichen passiert. Zypern ist ein Medienspektakel, alle Fernsehsender haben inzwischen ihre Korrespondenten vor Ort. An den Finanzmärkten finden die Ereignisse jedoch bislang keine Beachtung. Die Bären halten Winterschlaf.

Sind es die Unternehmenszahlen, die uns bei Laune halten?

Schauen wir einmal: FedEx hat Zahlen vermeldet. Die Zurückhaltung der Kunden aufgrund der ungewissen wirtschaftlichen Zukunft, führte zu einer niedrigen Inanspruchnahme des teuren Express-Zustelldienstes. Die Infrastruktur für diesen Dienst muss dennoch aufrecht erhalten werden, FedEx stöhnt unter der Kostenlast, vermeldet enttäuschende Zahlen und gibt einen verheerenden Ausblick. Die Aktie ist in den vergangenen zwei Tagen um 10% eingebrochen.

"Die Aktie"! Nicht "der Markt", wie es in der Vergangenheit häufig der Fall war, wenn ein Schlüsselunternehmen wie der Logistiker FedEx schwache Zahlen vermeldete. Schwache Zahlen werden dem Unternehmen zugeschrieben, nicht der Industrie oder der gesamten Wirtschaft, obwohl der Logistiker als Gradmesser für die Konjunktur gelten kann. Immerhin hat die Deutsche Post vor zwei Wochen extrem gute Zahlen vermeldet und dabei besonders von DHL und seinem Express-Zustelldienst profitiert. Es würde mich nicht wundern, wenn viele Anleger den 10% Rabatt bei FedEx nun als Sonderangebot sehen und zugreifen.

Schauen wir einmal auf die Zahlen von Oracle

Auch Larry Ellison und Mark Hurd haben Probleme, die 4.000 frisch eingestellten Vertriebsmitarbeiter haben noch nicht den Umsatz hereingeholt, den man sich versprochen hatte. Die Einführung neuer Hardwareprodukte läuft ebenfalls nicht so reibungslos wie erhofft. -10% lautete das Votum der Aktionäre. Doch betroffen war eben nur Oracle und nicht die Branche oder gar die gesamte Börse, obwohl das Unternehmen als Gradmesser für die EDV-Investitionen der gesamten Wirtschaft gelten kann.

Caterpillar findet nicht ausreichend Abnehmer für seine gigantischen Baumaschinen. China brummt nicht mehr sondern konsolidiert. Weder Immobilienboom in den USA, noch die Morgendämmerung in der Ölindustrie (Dank Fracking) reichen aus, um Caterpillar ein ordentliches Quartalsergebnis zu bescheren. Caterpillar ist ein klassischer Gradmesser für die Weltkonjunktur, doch nur die Aktie ist um 5% eingebrochen, nicht die Branche und auch nicht die gesamte Börse.

Probleme werden den Unternehmen zugesprochen

Ausverkäufe werden schon sehr bald als Kaufgelegenheit wahrgenommen. In einem Bullenmarkt gibt es nicht viele Einstiegsmöglichkeiten, und man muss nehmen was man kriegt, wenn man nicht unbeteiligt den Gewinnen anderer hinterherschauen möchte. Mit dieser Einstellung werden Verfehlungen nur kurzfristig und nur punktuell hart bestraft, es finden sich aber sogleich neue Investoren, die für diese "Einstiegsgelegenheit" dankbar sind.

John Deere, Cisco, ... die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

WOCHENPERFORMANCE DER WICHTIGSTEN INDIZES


Der Euro ist schwach (-0,6%) und der DAX hat mehr abgegeben, als der Dow Jones (-1,6% zu -0,8%). Das spricht schon dafür, dass internationale Anleger Kapital aus Europa abziehen. Wohin? Nun, das Gold ist um 1,3% angesprungen, der Sichere Hafen ist wieder stärker ins Bewusstsein der Anleger gerückt.

Auch die anderen sicheren Häfen wie US- und Bundesanleihen sind wieder stärker gefragt, die Rendite ist hüben wie drüben gesunken. Und das obwohl US-Notenbankchef Ben Bernanke wieder einmal bekräftigt hat, die Geldschleusen auf absehbare Zeit weit geöffnet zu halten.

In den vergangenen Wochen gab es überraschend gute Konjunkturdaten aus den USA, insbesondere die Arbeitslosenzahlen haben sich vielversprechend entwickelt. Da machte die Meinung die Runde, dass die US-Notenbank ihre Geldschleusen schneller schließen könnte, als dies von irgendjemandem erwartet würde. Entsprechend kamen Ängste auf, Bernanke könnte schon nach der Notenbanksitzung dieser Woche erste Schritte in Aussicht stellen, mit denen beispielsweise die ungezügelten Immobilienkreditkäufe zurückgefahren würden.

Doch Bernanke blickt weiter in die Zukunft

Er hat zwar die rückläufigen Arbeitslosenzahlen gesehen, doch er sieht auch die automatischen Ausgabenkürzungen, die nunmehr sukzessive greifen. Aufgrund der gescheiterten Verhandlungen um die Anhebung der Obergrenze des Haushaltsbudgetdefizits, treten nun im Laufe der nächsten Monate eine Reihe von automatischen Ausgabenkürzungen nach der Rasenmähermethode in Kraft. Dies wird insbesondere die Verteidigungsindustrie belasten sowie eine Reihe von Arbeitsplätzen kosten. Bernanke weiß also schon heute, dass die guten Arbeitsmarktzahlen nur vorübergehend sind. Also hält er die Geldschleusen weit geöffnet.

Zudem ist Bernanke ein Wissenschaftler mit einem Schwerpunkt in der Finanzgeschichte. Bernanke weiß, dass nach der Weltwirtschaftskrise 1929 bis 1932 ein Aufschwung folgte, der durch die damals weit geöffneten Geldschleusen befeuert wurde. Als die Wirtschaft dann Fuß fasste, wurden die Geldschleusen schnell geschlossen, was 1937 einen direkten Rückfall in die Krise zur Folge hatte.

Die traurige "Rettung" kam vom Krieg, für den sodann weltweit sämtliche Nationen ihre Rüstungskosten drastisch in die Höhe schraubten. So wurde eine erneute schwere Depression verhindert.

Die große Weltwirtschaftskrise unserer Generation war 2007 - 2009, und Bernanke möchte verhindern, dass 2013 / 2014 der gerade begonnene Aufschwung abgewürgt wird. Seitens der Politik kann er keine Unterstützung erwarten, wir haben eine Patt-Situation. Also muss er, gemäß dem weit gefassten Auftrag der Fed, dafür sorgen, dass der Arbeitsmarkt brummt. Und das geht nur mit weiteren Liquiditätsspritzen.

Super, oder? Für Börsianer ist das uneingeschränkt positiv. Sicherlich ist darin auch ein Grund für die große Zuversicht an den Märkten zu sehen.

Von den Rohstoffmärkten gibt es widersprüchliche Signale

Öl und Kupfer fallen, der Baltic Dry Verschiffungsindex hingegen zieht weiter an. Wenn wir Kupfer und Öl als von Tradern beeinflusst sehen, die mehr auf Medienmeldungen reagieren als auf Marktentwicklungen, dann würde ich dem Baltic Dry hier die bessere Prognosefähigkeit zusprechen: Die weltweite wirtschaftliche Aktivität nimmt zu, und Unternehmen nutzen die rückläufigen Preise, um ihre Rohstofflager aufzufüllen.

Aber das ist eine sehr gewagte Interpretation, und wir werden wohl ein paar Wochen warten müssen, bis sich entscheidet, welche der beiden Entwicklungen korrekt ist.

Schauen wir einmal, wie sich die Stimmung unter den Anlegern entwickelt hat.

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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