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Veröffentlicht von Redaktion "Frankfurter Börsenbrief" am 27.05.2010

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 27.05.2010:

Börsenbrief Frankfurter Börsenbrief
Frankfurter Börsenbrief

CURT L. SCHMITT Informationsdienste - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit Januar 1954

„Wer den Sumpf austrocknen will, darf nicht mit den Fröschen sprechen“

sagte Finanzminister Schäuble bei der Begründung des Verbots des Short-Sellings für Finanzaktien und Staatsanleihen. Vielleicht wäre der Mini- ster gut beraten, vor seinen Schnellschüssen, wenn schon nicht mit Amphibien, wenigstens mit irgendjeman- dem zu sprechen.

Die europäischen Partner zeigten sich sehr irritiert über die deutschen Rambo-Alleingänge. Wie der gleichnamige amerikanische Kinoheld verballert die Bundesregierung ihre Munition durch Schüsse ins Nirgendwo, ohne ein Ziel zu erreichen. „Trocken gelegt“ wird in den nächsten Monaten vor allem der Renten- Markt. Die Blaupause haben wir im März beobachten können. Erst das Verbot für Leer verkäufe trieb die Rendi- ten der griechischen Staatsanleihen auf Niveaus von 25 % und die Volatilität auf einen Rekord, weil schlicht die Liquidität fehlte, die so ein Markt benötigt. Natürlich waren die Renditen auch schon zuvor gestiegen, als offen- kundig wurde, wie sehr die Regierenden bei den Statistiken gemogelt hatten. Nichtsdestoweniger begann die Eskalation erst mit dem Leerverkaufsverbot. Wie ist die Antwort der Politik auf dieses Problem? Das Leerver- kaufsverbot wird ausgeweitet. Die erste Reaktion an den Märkten auf das deutsche Leerverkaufsverbot: Die griechischen Bonds stürzten erneut ab und machen es Griechenland noch schwerer, seinen Verpflichtungen nachzukommen. Dazu werden auch noch die Versicherungen auf Ausfall von Rentenpapieren teilweise verboten, was die Risikoprämien natürlich immer weiter erhöht. Angesichts eines exponentiell steigenden Bedarfs des Staates an Kapital, das er nur über den Finanzmarkt bekommen kann, ein Anachronismus. Nicht nur an der Wall Street, sondern auch in der US- Administration ist das Kopfschütteln über das deutsche Vorgehen groß. Wie ein trotzig unbelehrbares Kind, wird im „jetzt erst recht“-Stil die Eskalation noch weiter vorange- trieben. Jetzt wird in bester „Hugo Chavez-Manier“ ein Short- Selling-Verbot für den gesamten Aktienmarkt inklusive aller darauf lautenden Derivate auf den Weg gebracht. Bisher konn- te sich der deutsche Aktien- und Rentenmarkt im Vergleich zu den Problemländern mit noch höheren Staatsdefiziten behaupten (vgl. Chart). Diese Zeiten sind vorbei. Wie wir unisono von unseren weltweiten Kontakten hören, flieht das Geld jetzt nicht nur aus Europa, sondern vor allem aus Frank- furt. Diese Bewegung kann am Euro exemplarisch abgele- sen werden. Bekanntermaßen ist der Devisenmarkt viel zu groß, um von spekulativen Adressen in irgendeiner Weise bewegt werden zu können. Somit läuft das ange- strebte Verbot von Währungsderivaten in den Euro (solange sie nicht dem Hedging dienen - wer will das eigent- lich unterscheiden?) ins Leere. Fakt ist: Der Euro nähert sich dem fairen Wert. Ende 2004, viele Anleger werden sich noch erinnern, das Platzen der dot.com- Blase war verkraftet, es ging langsam wieder aufwärts mit der Wirtschaft, durchzog Deutschland eine heiße Diskussion um den Euro. Höhen von 1,18 Dollar seien für die deutsche Wirtschaft nicht verkraftbar, hieß es damals. Es wurde bei- nahe der Untergang des Abendlandes beschworen. Das Ende vom Lied: Die Märkte blieben noch vier Jahre fest. Aller- dings: Auch in den folgenden Jahren wurden immer wieder Rechnungen aufgemacht, dass von der Kaufkraftparität und den Handelsströmen der Euro eigentlich deutlich überbewer- tet sei. Kein Thema mehr, denn: Jetzt läuft der Euro wieder in die „richtige“ Richtung. In dieser Woche hat eine Umfrage der „Börsen-Zeitung“ unter Bank-Ökonomen einen Konsens beim fairen Wert von 1,20 Dollar ergeben. Wir sehen diesen noch sechs Cent darunter. Der Vertrauensverlust der Europäischen Währungsunion wird aber noch einige Monate zu Netto-Abflüssen aus dem Euro-Raum führen, die wir mit einigen Spekulationen begleiten wollen. Wir werden unsere Positionen jetzt dennoch nicht schließen. Denn so wie der Euro in den letzten Jahren nach oben übertrieben hat, könnte er nun nach unten übertreiben. Die deutsche Wirtschaft jubelt über den schwa- chen Euro im Wissen, dass die CDU/FDP-Regierung mit ihren Bemühungen um eine Verteuerung des Euros glücklicherweise scheitern wird. Die Explosion der Schulden ist nur noch eine Frage der Zeit. Nachdem sich Angela Merkel von Nicolas Sar- kozy hat über den Tisch ziehen lassen und Deutschland für die Schulden der anderen Euro-Staaten haftet, ohne deren Politik beeinflussen zu können und bei den Milliarden-Aus- gaben für die anderen Rettungspakete laufen die Wetten, wann auch Deutschland die Arme wird heben müssen. Das von Kanzlerin Merkel stets richtig für den Ausweg aus der Krise angesprochene Wirtschaftswachstum ist hier- zulande zu schwach. Selten sahen wir in den letzten 40 Jahren in Deutschland Wachstumsraten von über 2,5 %. 3 % sind aber allein nötig, um den Anteil der Schulden am BIP wenigstens konstant zu halten. Bei einer Stagnation der Wirtschaft wie aktuell muss schon ein Haushaltsüber- schuss von 2 % erreicht werden, um ein weiteres Wachstum des Schuldenberges, der von den kommenden Generationen zu tragen ist, zu verhindern. Deutsche Politik bewegt sich derzeit aber in die entgegengesetzte Richtung. Weitere Giftpillen bezüglich des Wachstums sind bereits in der Regierungspipeline. Die Rettung vor der deutschen Insolvenz Politik kommt aus der Realwirtschaft. Wenn wir uns die Daten zur In- dustrieproduktion, den Auftragseingängen, dem Konsumen- tenvertrauen, den Exporten, dem Geschäftsklima ansehen, so sind die meisten Zeitreihen wieder in der Nähe der lang- fristigen Trends. In den USA waren die Frühindikatoren zuletzt erstmals seit sechs Monaten rückläufig, dafür sind die Zahlen zum Verbrauchervertrauen wieder gestiegen. Der Arbeitsmarkt ist relativ fest, was allerdings vor allem an der Einstellung zur Volkszählung in den USA festzuma- chen war. Die Hausverkäufe stiegen so stark wie seit zwei Jahren nicht (+ 15 % auf 504.000), die Auftragseingänge so stark wie seit der Lehman-Pleite nicht mehr (+ 2,9 %). In China hören wir von zweistelligen Wachstumsraten, die Daten aus Singapur hatten wir Ihnen unter anderem in der letzten Ausgabe vorgestellt. In Taiwan notieren wir das stärkste Wachstum seit 30 Jahren (+ 13 %). Selbst zuletzt etwas angeschlagene Staaten wie die Philip- pinen konnten zuletzt die Wirtschaftsleistung um 4,4 % steigern. Wie stark der internationale Handel in den letzten Wochen angeschwollen ist, lässt sich auch am Baltic Dry Index festmachen, der die Charter-Raten für Schüttgutfrachter misst. Ende März lag dieTagescharta noch bei 3.000 Dollar, inzwischen schon bei 4.187 Dol- lar. Aus fundamentaler Sicht stehen die Ampeln also weiterhin auf grün!

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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