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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 15.06.2012

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 15.06.2012:

Börsenbrief Heibel-Ticker
Heibel-Ticker

Stephan Heibel - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit März 2000

WAL-MART in der Wunschanalyse

Der weltgrößte Einzelhändler hat restrukturiert und profitiert vom Fehler eines Wettbewerbers. Zudem wird die Aktie von internationalen Anlegern auf der Flucht vor der Eurokrise gesucht. Ich denke nicht, dass diese glücklichen Umstände Bestand haben. Zudem schwebt das Damoklesschwert einer mexikanischen Schmiergeldaffäre über dem Unternehmen.

JAHRZEHNT MIT RÜCKLÄUFIGEM GESCHÄFT

Wal-Mart, der weltgrößte Einzelhändler, schaut zurück auf eine Dekade
mit schrumpfenden Gewinnen und teilweise rückläufigem Umsatz. Kleine
Wettbewerber haben dem Giganten in unzähligen kleinen Nischen
Marktanteile abgejagt, Wal-Mart war weder mit seinen Produkten, noch mit
seiner Verkaufsstrategie auf der Höhe der Zeit.

In den vergangenen Jahren bekamen die Geschäfte ein Facelift und Ein-
und Verkauf wurden enger miteinander verzahnt. Die Kunden kommen wieder
zu Wal-Mart denn man bekommt dort alles, was man im Alltag braucht, zu
einem angemessenen, meist sogar ziemlich günstigen Preis. Das Geschäft
von Wal-Mart zieht wieder etwas an.

MEXIKANISCHE SCHMIERGELDAFFÄRE

Doch mitten in diese Erholung hinein kam in diesem Frühjahr ein Skandal
aus Mexiko. Es wurde aufgedeckt, dass Wal-Mart Manager in Mexiko
systematisch und in großem Stil Mitarbeiter der Behörden mit
Schmiergeldern bestochen haben. Die Untersuchungen laufen noch und sind
natürlich für beide Parteien eine Belastung: für Wal-Mart, weil man
unsauberer Geschäftspraktiken überführt wurde. Es droht eine saftige
Geldstrafe. Und die Behörden, weil in diesem Jahr in Mexiko Wahlen
anstehen, und da sind Beamte, die Schmiergelder angenommen haben nicht
gerade in der Lage, zusätzliche Wählerstimmen einzufangen.

Wal-Mart ist in Mexiko der größte Arbeitgeber. Wal-Mart aus dem Land zu
werfen wird sich Mexiko also nicht leisten können. So zeigt sich sehr
bald, dass bei aller öffentlicher Empörung die Strafe für Wal-Mart nicht
drakonisch ausfallen kann. Die mexikanische Schmiergeldaffäre hat also
die Gemüter erhitzt, wird aber die Bilanz kaum belasten.

J.C. PENNEYS NIEDERGANG

Zuerst hatte Wal-Mart also gut gearbeitet und das Geschäft neu
ausgerichtet. Zudem ist das Unternehmen in Mexiko so stark aufgestellt,
dass dortige Fehler wohl kaum die Bilanz belasten werden. Und nun kommt
auch noch Glück hinzu: Ronald Johnson, der Top-Verkäufer von Apple, ist
zum Wettbewerber J.C. Penney gegangen und legte einen Fehlstart hin.

Ron Johnson ist verantwortlich für die Apple-Stores, die weltweit Furore
machen. Ein Glas-Quader mit großzügigem Innenleben, modernem Design und
terminierten Verkaufs- und Unterrichtsgesprächen erwirtschaftet weltweit
den mit Abstand höchsten Umsatz je Quadratmeter Verkaufsfläche, den
irgendein Einzelhändler erzielt. Fantastisch! Und dieser Ron Johnson hat
nun Apple verlassen, um dem angeschlagenen Einzelhändler J.C. Penney auf
die Beine zu helfen.

Ich bin sicher, dass er einen langfristigen Plan verfolgt. Doch sein
erster Schritt war ein Fehlgriff. J.C. Penney hat sich in den
vergangenen Jahren durch aufwendige Koupon-Geschichten über Wasser
gehalten. Ja, ich weiß: „Rabatt, mein Lieber, lass Dir sagen – wird
vorher immer draufgeschlagen!”, auch ich bin der ewigen Rabattschlachten
überdrüssig. Warum macht man nicht gleich einen vernünftigen Preis an
die Waren?

Nun, Ron Johnson hat ebenso gedacht und schaffte die exzessiven
Rabatt-Aktionen und Koupon-Geschichten ab. Stattdessen wurden gleich die
niedrigen Preise auf die Waren geklebt. Resultat: Die Leute wußten gar
nicht mehr, wieviel sie sparen, wenn Sie dieses oder jenes kaufen. J.C.
Penney hatte sich genau die Klientel gesichert, die mit solchen
Spielchen zu gewinnen war, und durch die Abschaffung der „Sie sparen
x%”- Schilder wurden die Stammkunden nicht mehr zum Kauf bewegt. Der
Umsatz von J.C. Penney brach im ersten Quartal 2012 ein.

Sehr zur Freude von Wal-Mart, denn was bei J.C. Penney nicht gekauft
wurde, konnte sodann bei Wal-Mart zu einem „fairen” Preis erworben
werden.

HEISS UMKÄMPFTER MARKT DES EINZELHANDELS

Dollar Stores, Macy’s, Limited Brands, Bed Bath & Beyond, Target,
Ross Stores ... der Wettbewerb in den USA ist hart. Wal-Mart hat seine
Größe ausgespielt und kann ein breites Spektrum mit günstigen Preisen
anbieten. Doch wo soll der Konzern noch hinwachsen?

In meinen Augen erlebt Wal-Mart derzeit eine Renaissance in den USA. Die
Abenteuer in Europa sind fehlgeschlagen, in Europa sind die Kunden nicht
mit US-Marketingmethoden zu ködern. Insbesondere an Deutschland hat sich
Wal-Mart bereits in den 90er Jahren die Zähne ausgebissen. Ist das
Unternehmen nun in der Lage, in den USA Marktanteile hinzuzugewinnen?
Oder will der Konzern vielleicht Asien erobern? Beides sind in meinen
Augen schwere Aufgaben, die allein durch die Größe nicht bewerkstelligt
werden können.

Gerade der Einzelhandel ist ein lokaler Markt, überall können sich
nationale Supermärkte behaupten, häufig sogar lokale Einzelhändler. Die
Bedürfnisse der Bevölkerung sind extrem individuell, und da ist die
Größe von Wal-Mart in meinen Augen eher ein Hinderniss.

BEWERTUNGSNIVEAU IN ORDNUNG

Mit einem KGV von 14 ist das erwartete Umsatzwachstum der nächsten fünf
Jahre von durchschnittlich 8% p.a. in meinen Augen fair bewertet. Die
Gewinnmarge liegt bei nur 3,5%, der Einzelhandel ist eben ein
Volumengeschäft. Gleichzeitig werden die 228 Mrd. USD Jahresumsatz mit
einer Kreditlinie von 55 Mrd. USD finanziert. Wenn wir von einer
Beruhigung der Eurokrise ausgehen, dann wird sich das Zinsniveau auch in
den USA bald kräftig nach oben schrauben, was den Gewinn von Wal-Mart
schmälert.

Die erwartete Dividendenrendite von 2,4% ist für ein US-Unternehmen
schon recht hoch. Hier in Deutschland kennen wir aber wesentlich besser
aufgestellte Unternehmen mit einer deutlich höheren Dividendenrendite.
Das wäre für mich also kein Grund, diese Aktie zu kaufen.

KURSENTWICKLUNG ZEIGT EINEN INTAKTEN AUFWÄRTSTREND

Eine Aktie steigt immer dann, wenn sich die fundamentalen
Rahmenbedingungen zugunsten des Unternehmens verändern. Dies haben wir
bei Wal-Mart in den vergangenen Jahren gesehen. Seit dem vergangenen
Herbst ist die Aktie von 35 auf 53 Euro angesprungen, ein Plus von über
50%!

Doch die Erfolge der Umstrukturierung sowie der Glücksfall des Fehlers
bei J.C. Penney lassen sich nicht wiederholen. Und seitens Mexiko
erwarte ich wenn auch kein Drama so denn doch zumindest heftige Vorwürfe
durch die Opposition, was ein schlechtes Licht auf das Unternehmen
werfen wird. Wal-Mart wird sich mit seinem Image auseinander setzen
müssen, um diese Phase durchzustehen. Seine Wettbewerber werden dies
nutzen können, um mit gezielten Verkaufsaktionen weitere Marktanteile
von Wal-Mart abzujagen.

Seit dem Jahr 2000 ist die Aktie zwischen 30 und 55 Euro hin und her
gependelt. Ich denke kaum, dass Wal-Mart nun so gut aufgestellt ist, um
diesen Handelsspanne nach oben zu verlassen. Vielmehr haben einige gute
Entwicklungen in der Vergangenheit dafür gesorgt, dass die Aktie nun
wieder am oberen Ende notiert.

FAZIT: KURSRALLYE WEITGEHEND VOLLZOGEN

Internationale Anleger meiden Europa. Auf der Suche nach soliden
Unternehmen in den USA führt kein Weg am größten Einzelhändler vorbei.
Ich denke, dass auch dies dazu beigetragen hat, dass die Aktie in den
vergangenen Monaten so gut gelaufen ist. Auf der Suche nach Alternativen
sind solide US-Unternehmen einfach gefragt, ungeachtet der
Zukunftsaussichten. Hauptsache das aktuelle Bewertungsniveau stimmt. Und
das stimmt.

Sollten sich die Tubrulenzen in Europa legen, dann dürfte die Aktie von
Wal-Mart eine eventuelle Aktienkursrallye kaum mitmachen. Internationale
Anleger werden ihr Geld aus den USA abziehen und in europäische
unterbewertete Aktien stecken.

 


Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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