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Veröffentlicht von CURT L. SCHMITT Informationsdienste am 06.10.2011

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 06.10.2011:

Börsenbrief Frankfurter Börsenbrief
Frankfurter Börsenbrief

CURT L. SCHMITT Informationsdienste - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit Januar 1954

Während die Banken mit sich selbst beschäftigt sind, scheint sich die Wirtschaft vom Nadelöhr Bankkredit unabhängiger zu machen

Klar ist: So manche Bank wird die Aktivseite der Bilanz (also die Vermögensseite) massiv verkürzen müssen, sofern die Passivseite (vor allem über Eigenkapital) nicht deutlich aufgepolstert wird). Das tangiert nicht nur Beteiligungen und Finanzanlagen, sondern letztlich auch die Kreditvergabe. Besonders dann, wenn halbtote Zombie-Banken mit der Herz-Lungen- Maschine von der EZB oder staatlichen Großaktionären künstlich am Leben gehalten werden, sind hierbei kaum Luftsprünge zu erwarten. Basel III macht dieses Manöver noch schwieriger, sofern es unter dem aktuellen Druck überhaupt zur Umsetzung kommt.

 

In einer Studie von S&P wurde errechnet, dass die Finanzierungskosten für Unternehmen um bis zu 20 % steigen könnten, sofern die Bankenszene bei Renditezielen von 8 bis 15 % bleibt und die neuen Kapitalregeln wirklich umgesetzt werden. An diesem Rahmen ändern auch die schwankungsfreudigen Aktienkurse in der Bankenbranche nichts. Der Aussagewert von temporär festen Kursen für die mittelfristige Investmentperspektive ist gleich Null, denn die Branche könnte vor einer völligen Redimensionierung stehen.

Schwache Banken implizieren eine schwache Kreditvergabe und das ist eine entscheidende Wachstumsbremse. Auch wenn Deutschland derzeit noch recht gut da steht, (s. auch Seite 7), werden sich entsprechende Effekte auf der Europa-Bühne kaum vermeiden lassen. Nach einer Erhebung von Eurostat sind kleinere und mittlere Unternehmen im letzten Jahr in 19 von 20 europäischen Ländern (mit vorhandenem Datenmaterial) bei Kreditverhandlungen stärker gegen die Wand gefahren als noch vor 3 Jahren. Diese Entwicklung dürfte sich markant beschleunigen mit dem aktuellen Marktrahmen. Offensichtlich wird diese Herausforderung auch von staatlicher Seite ernst genommen. Staatliche Finanzierungsbanken und private Initiativen dürften deutlich stärker werden. Beispiel Frankreich: Dem Vernehmen nach ist eine Staatsbank für den Mittelstand in Planung. Die neue Bank könnte mit Fremdals auch mit Eigenkapital aushelfen. Solche Denkansätze machen Sinn, denn eine ausreichende Kreditversorgung der Wirtschaft ist mit einem chronisch kranken Bankenapparat nicht mehr selbstverständlich.

Die Unternehmen haben sich bemerkenswert gut auf diesen Rahmen eingestellt. Unter dem Eindruck von Lehman Brothers und der teils sehr unglücklich umgesetzten Basel-Regeln dürften viele Unternehmen auf deutlich komfortableren Bilanzen und mithin Cash-Positionen sitzen. Allein bei den Unternehmen des DAX machen die Cash-Bestände etwa 150 Mrd. € aus ein historischer Rekordwert. Auch im europäischen und im amerikanischen Kontext schwimmen viele Unternehmen buchstäblich im Geld. Das schafft eine starke Finanzierungsbasis, nicht nur für das eigene Geschäft, sondern auch für die Geschäfte der jeweiligen Kunden: Stark in Deutschland sind die Auto-Banken. Auch Siemens will Akzente setzen: Reichte die Finanztochter von Siemens im letzten Jahr neue Kredite im Volumen von 4,1 Mrd. € aus, könnten es schon in diesem Jahr sogar 5 bis 6 Mrd. € werden, mit weiterem anschließenden Wachstumspotenzial. Auch wirtschaftlich macht das Sinn: Die Siemens-Finanzsparte lieferte in jüngerer Zeit einen Vorsteuergewinn von etwa 450 Mio. € und schaffte eine Eigenkapitalrendite von mehr als 20 %. Siemens sitzt auf einer Netto-Liquidität von etwa 13 Mrd. €. In der absoluten Zahl ist das Siemens-Kreditgeschäft noch nicht erheblich, aber wenn eine solche Art der gegenseitigen Finanzierung Schule macht (z.B. über Inhaberschuldverschreibungen durchaus darstellbar), könnte dies eine teilweise Loslösung von der Banken-Schwäche bringen. Auch im privaten Geschäft könnte es ähnliche Entwicklungen geben, also eine Art Kreditgeschäft von Privatperson zu Privatperson, standardisiert und vermittelt via Internet. So gesehen würden die Banken umgangen und deutlich reduziert in ihrer Bedeutung. Eine interessante langfristige Frage könnte damit werden:

Wie wird die Steuerungspolitik der Notenbanken in 10 Jahren aussehen, sollte dieser Ansatz zu einer breiten Realität werden? Nach dem bisherigen Strickmuster setzte die Notenbank die Weichenstellungen für die Kreditbranche, die wiederum die Schnittstelle zur Realwirtschaft war. Verlieren Banken im Zuge eines großen Deleveraging aber diese Funktion (teilweise) an Finanzierungsmechanismen innerhalb der Realwirtschaft, so würden letztlich auch die Notenbanken eine wichtige Einwirkungsmöglichkeit auf die Wirtschaftsund mithin auf die Inflationsentwicklung verlieren oder müssten über neue Eingriffsmöglichkeiten nachdenken. 

 


Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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