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Veröffentlicht von CURT L. SCHMITT Informationsdienste am 10.05.2012

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 10.05.2012:

Börsenbrief Frankfurter Börsenbrief
Frankfurter Börsenbrief

CURT L. SCHMITT Informationsdienste - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit Januar 1954

Wachstum auf Knopfdruck ist eine Fata Morgana

Europa will Wachstum, doch dieses Wort enthält tausend Interpretationen, Profilierungsmöglichkeiten und Tricksereien inkl. Korruption, Betrug und Täuschung. Unterscheiden Sie sauber:

 

Ein gesundes Wachstum kommt aus der Privatwirtschaft, angetrieben von einem kalkulierbaren Umfeld und der Erwartung steigender Nachfrage in den verschiedenen Bereichen, sei es Konsum oder Investitionen im Inbzw. Ausland. Dieses „kalkulierbare Umfeld“ hat die europäische Politik derzeit nicht im Sortiment. Das impliziert eine eher schwache Kreditnachfrage (Deutschland), sofern man überhaupt Kredit von Bankenseite erhält (Südländer). Auf der Gegenseite:

Der Knackpunkt bei staatlich verordnetem Wachstum „auf Rezept“ ist die Qualität in der Kapitalallokation. So manche Brücke und Straße mag schnell aus dem Boden gestampft sein, bringt aber ökonomisch wenig Effekt außer einem kurzfristigen und vorübergehenden. Echte Investitionen (z.B. in Bildung und Technologie-Forschung) wären effektiver, dauern aber zu lange und treffen nicht den Nerv des nervösen Wählervolks. In Spanien und Portugal scheidet in etwa jeder dritte Mann/männliche Jugendliche vorzeitig aus dem Bildungsweg aus, in Italien sind es etwa 22 %. Wer so etwas alimentiert, zementiert heute schon die strukturelle (Langzeit-)Arbeitslosigkeit von morgen. Auch diese Betrachtung gehört zur Jugendarbeitslosigkeit in Spanien von 51 % oder auch zu den jeweils 36 % Jugendarbeitslosigkeit in Portugal und Italien. Dies ist politische Sprengkraft pur! Differenzieren Sie weiter:

Wachstum muss finanziert werden. Die Taschen der Staaten sind leer, aber in der Verschuldung besteht schon noch Raum. Schulden sind kein Übel an sich, wenn sie für Investitionen und nicht für kurzfristigen Konsum verwendet werden, auch wenn dies so manchem Politiker derzeit viel reizvoller erscheinen mag. In 2011 kamen die 17 Euro-Länder auf eine addierte Wirtschaftsleistung von 9,414 Billionen € oder etwa 28.300 € pro Einwohner. Damit ergab sich per Ende 2011 ein Schuldenstand von etwa 87,3 % des BIP. Wie Japan und die USA aufzeigen, ist dies zwar ein hoher Wert, aber kein obligatorischer Grenzwert. Die Qualität der konkreten Wachstumsprojekte in der Politik sind also die entscheidende Variante. Für die Finanzierung wird man sich auch auf sog. Projekt-Bonds verständigen. Eine Kapitalinjektion von etwa 6 Mrd. € hieße bei der Europäischen Investitionsbank ein mögliches Finanzierungsvolumen von etwa 60 Mrd. €. Das ist positiv, entspricht aber gerade mal etwa 0,6 % der letztjährigen Wirtschaftsleistung und ist damit zu wenig für einen spürbaren Effekt. Es wird also weiteres Kapital benötigt. Das private Kapital scheidet mangels Vertrauen weitgehend aus. Acht gekippte politische Führungen in der Eurozone innerhalb von gerade mal etwa einem guten Jahr wecken wenig Vertrauen. Wer muss zahlen?

1. Deutschland. Diese Forderung wird nun immer lauter werden. Über indirekte Manöver macht das auch Sinn, z.B. über ein generell höheres Lohnniveau. Dies kostet zwar etwas Wettbewerbsfähigkeit, bringt aber eine Dynamisierung im deutschen Konsum und hilft damit tendenziell den Südländern. Einen Blankoscheck aus Deutschland kann es aber nicht geben. Dies würde unsere Bonität sprengen und die innenpolitische Stabilität gefährden. Im Extremfall müsste man sich dann tatsächlich fragen, ob die Mitgliedschaft im Euro für Deutschland auch inkl. gleichzeitig vorhandener Nutzeneffekte nicht doch letztlich zu teuer wird.

2. Die EZB. Dies ist die eigentliche Handlungsgröße, aber um einen echten Kontrapunkt zu setzen, müsste die EZB buchstäblich über ihren Schatten springen. Zinsund Liquiditätspolitik haben derzeit keinen „Grip“ auf die Konjunktur. Immer noch werden grob 80 % der LTRO-Mittel bei der EZB geparkt und zählen somit nicht als Geldmenge. Wie könnten unkonventionelle Maßnahmen aussehen? Ein möglicher Weg ist eine deutliche Abschwächung des Euro über großflächige Verkäufe zugunsten anderer Währungen (z.B. des Dollar). Das ist machbar und würde die Wettbewerbsfähigkeit verbessern, ist aber in der Außenwirkung sehr „kantig“. Ein anderer Ansatzpunkt wäre eine Inflationierung, maßgeblich über die geschürten Inflationserwartungen. Auch auf diesem Wege lässt sich Entschuldung darstellen. Eine direkte Monetarisierung von Staatsschulden ist ebenfalls eine Möglichkeit, allerdings außerhalb des bisherigen Mandats! Eine andere Alternative ist, den Bankensektor zu überspringen bei der Flutung der Märkte mit Liquidität, also eine direkte Kreditvergabe an Unternehmen bzw. Gratis-Schecks für Konsumenten. Das wäre sozusagen die „Helikopter-Mario“-Variante in Anlehnung an die Äußerungen von Ben Bernanke, im Notfall Geld per Helikopter über das Land zu schütten. 

 


Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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