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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 13.05.2015

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 13.05.2015:

Börsenbrief Heibel-Ticker
Heibel-Ticker

Stephan Heibel - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit März 2000

Vertex Pharmaceuticals Inc.: Vorzeige-Unternehmen der Branche

In dieser Woche hat also die Aktie des US-amerikanischen Biotechnologiekonzerns Vertex Pharmaceuticals Inc. (NASDAQ: VRTX) die Abstimmung gewonnen. Die Aktie dieses Unternehmens wurde im Zuge der Spekulationsblase im Technologiesektor anno 2000 schon einmal weit nach oben gespült, ehe der Aktienkurs anschließend zusammenbrach. Inzwischen jedoch hat sich die Gesellschaft zu einem der Vorzeige-Unternehmen der Branche entwickelt. Schauen wir uns daher heute gemeinsam an, ob man auch auf dem aktuellen Kursniveau noch in das Papier einsteigen sollte.

UNTERNEHMENSPROFIL

Die Vertex Pharmaceuticals Inc. ist ein US-amerikanisches Biotechnologie-Unternehmen, das in der Forschung von Medikamenten auf Basis niedermolekularer Verbindungen tätig ist. Nach der erfolgreichen Forschungsarbeit produziert und vermarktet der Konzern seine Medikamente überwiegend selbst.

Aktuell hat man mit KALYDECO (ifacaftor) ein erstes Medikament gegen Mukoviszidose zur Marktreife geführt. Ferner hat man gemeinsam mit dem Partner Johnson & Johnson das Medikament Incivek (Telaprevir, VX-950) zur Behandlung von Erwachsenen mit Genotyp 1 Hepatitis-C-Viren respektive HCV-Infektion auf den Markt gebracht. Aktuell arbeitet man an der Zulassung von lumacaftor (VX-809), dessen Zulassung von einem Ausschuss der US-amerikanischen Food & Drug Administration (FDA) mit 12 zu 1 Stimmen erst gestern Abend empfohlen wurde.


KLEINE UNTERNEHMENSGESCHICHTE

Gegründet wurde Vertex Pharmaceuticals im Jahr 1989 durch Joshua Boger und Kevin J. Kinsella in Cambridge, Massachusetts (USA). Seinerzeit war die Gesellschaft eines der ersten Unternehmen der damals noch jungen Biotechnologiebranche, das ausdrücklich auf die Strategie des rationalen Wirkstoffdesigns anstatt auf die kombinatorische Chemie setzte.

Seit dem Jahr 2004 hat sich das Unternehmen auf die Entwicklung von Medikamenten gegen Autoimmun- und Entzündungskrankheiten, Krebs (Onkologie) sowie virale Infektionen fokussiert und spezialisiert.

Im Januar 2014 bezog der Konzern sein neues, 800 Mio. US-Dollar teures, Hauptquartier in South Boston, Massachusetts (USA).

AKTUELLE MEDIKAMENTENPIPELINE

Eine der wichtigsten Dinge zur Bewertung eines Biotechnologie-Unternehmens ist natürlich immer auch die Medikamentenpipeline. Diese erscheint bei Vertex Pharmaceuticals auf den ersten Blick sehr überschaubar.

So hat das Unternehmen mit VX-803 und VX-970 zwei potenzielle Krebs-Medikamente in Phase I, mit VX-787 ein potenzielles Medikament gegen Influenza in Phase II sowie mit VX-661 sowie dem bereits angesprochenen VX-809 (lumacaftor) zwei potenzielle Mukoviszidose-Medikamente in Phase III der klinischen Entwicklung.

Allerdings steht eben VX-809 (lumacaftor) unmittelbar vor der Zulassung durch die FDA und ist aus Sicht nahezu aller Marktbeobachter ein potenzieller Blockbuster, wie Medikamente mit einem Jahresumsatz von über 1 Mrd. US-Dollar genannt werden.

Vertex Pharmaceuticals konzentriert sich mit seinen insgesamt 1.800 Mitarbeitern, wovon 2/3 oder 1.200 im neuen Hauptquartier arbeiten, also auf die Entwicklung weniger aber dafür hochkarätiger Medikamente und konnte dabei in der Vergangenheit bereits große Forschungserfolge feiern.


AKTUELLE GESCHÄFTSENTWICKLUNG

Im vergangenen Geschäftsjahr 2014 sank der Umsatz von Vertex Pharmaceuticals um -52,1% auf nur noch 580,41 Mio. US-Dollar. Zugleich stieg jedoch der Nettoverlust um knapp 2/3 auf 738,55 Mio. US-Dollar respektive 3,13 US-Dollar je Aktie.

In der inzwischen 26jährigen Geschichte des Unternehmens gelang es diesem nur in den beiden Geschäftsjahren 2011 und 2012 profitabel zu arbeiten. Nichtsdestotrotz notiert die Aktie aktuell auf einem Allzeithoch deutlich über 130 US-Dollar. Die Marktkapitalisierung beträgt demzufolge mehr als 32 Mrd. US-Dollar.

Die Kursentwicklung spiegelt also, wie so oft bei Biotechnologie-Unternehmen, nicht etwa die aktuelle Geschäftsentwicklung, sondern vielmehr die Hoffnung auf neue Medikamente wider. Und in der Tat gilt lumacaftor (VX-809) zur Behandlung von Mukoviszidose als ein absoluter Game Changer, sowohl was die Behandlung der Krankheit als auch die Bewertung der Aktie angeht.

Daher erklärt sich auch der gestrige nachbörsliche Kurssprung nachdem das FDA-Panel die Zulassung des Medikaments empfohlen hatte.


ZUKÜNFTIGE GESCHÄFTSENTWICKLUNG

Im aktuellen Quartal erwarten die Analysten im Durchschnitt einen Quartalsumsatz in Höhe von knapp 150 Mio. US-Dollar nach gut 138,5 Mio. US-Dollar in Q1. Damit würde sich für das erste Halbjahr des laufenden Geschäftsjahres 2015 ein kumulierter Gesamtumsatz in Höhe von knapp 290 Mio. US-Dollar ergeben.

Zugleich erwarten die Analysten in Q2 einen Verlust in Höhe von 0,79 US-Dollar je Aktie nach einem Verlust von 0,83 US-Dollar je Aktie in Q1. Somit dürfte der kumulierte Verlust je Aktie Ende Juni bei 1,62 US-Dollar je Aktie liegen.

Schon im zweiten Halbjahr soll sich dann, angefeuert von einer Zulassung von VX-809 (lumacaftor) der Umsatz deutlich erhöhen und der Verlust ebenso deutlich eingedämmt werden. So erwarten die Analysten für das gesamte Geschäftsjahr 2015 einen Jahresumsatz in Höhe von 1,03 Mrd. US-Dollar (+77,5%) sowie einen Verlust je Aktie von -2,10 US-Dollar (gegenüber den -3,13 US-Dollar je Aktie im Vorjahr).

Eine regelrechte Umsatz- und Gewinnexplosion erwarten die Analysten dann für das kommende Geschäftsjahr 2016. Hier soll der Umsatz um +176,7% auf 2,85 Mrd. US-Dollar steigen und das Unternehmen einen Gewinn je Aktie von 3,83 US-Dollar ausweisen können, was zugleich natürlich der höchste Gewinn in der Geschichte des Konzerns wäre. Mit diesen durchschnittlichen Umsatz- und Gewinnschätzungen für 2015e und 2016e kann ich mich absolut identifizieren.

Auf Basis dieser Umsatz- und Gewinnschätzungen für 2016e wird Vertex Pharmaceuticals aktuell mit einem KUV von über 11 sowie einem KGV von knapp 35 bewertet. Während das KGV dabei noch vergleichsweise günstig erscheint, ist ein KUV über 11 selbst für die in der Regel sehr hoch bewerteten US-Biotechs recht teuer.


POTENZIELLE GESCHÄFTSRISIKEN

Anders als beispielsweise Gilead Sciences, die sich zwischenzeitlich zu einer regelrechten Blockbuster-Medikamenten-Fabrik gemausert haben, hängt der Erfolg von Vertex Pharmaceuticals noch immer an vergleichsweise wenigen Medikamenten. Dadurch erhöht sich natürlich das Risiko, sollte es hier einmal zu einem Rückschlag in der Forschungsarbeit kommen.

Trotzdem wird eine Vertex Pharmaceuticals in der Hoffnung auf die Zulassung neuer Medikamente, die sich hier natürlich viel deutlicher auf die Umsatz- und Gewinnentwicklung des Unternehmens auswirken, deutlich höher bewertet als der erfolgreiche Konkurrent. Dies zeigt eindeutig, dass die Aktie der Vertex Pharmaceuticals Inc. eher etwas für spekulativer ausgerichtete Anleger ist, wohingegen das Papier der Gilead Sciences inzwischen fast schon zu den für relativ konservative Investoren interessanten Pharma-Konzernen gezählt werden muss.

In einem Punkt sind die Risiken für die weitere Geschäftsentwicklung von Gilead Sciences und Vertex Pharmaceuticals jedoch gleich und das ist die Regulierung. So unterliegen die meisten Gesundheitssysteme weltweit einer staatlichen Kontrolle (in nahezu jedem Land gibt es daher einen Gesundheitsminister) und die meisten Staaten schwimmen zurzeit nicht gerade im Geld.

Darüber hinaus möchten Politiker, alleine schon im Hinblick auf Wahlen, eine möglichst gute aber preiswerte Gesundheitsversorgung ihrer Bevölkerung sicherstellen. Dies führt immer wieder zu Konflikten mit Biotech- und Pharma-Konzernen. Dadurch haben diese auch stets einen hohen bürokratischen Aufwand, der ebenfalls auf die Margen drückt.


IMMER WIEDER ÜBERNAHMESPEKULATIONEN

Nichtsdestotrotz gelang es den großen Biotech- und Pharma-Konzernen letzten Endes doch meistens ihre Interessen durchzusetzen. Daher spricht zurzeit wenig gegen einen Erfolg von Vertex Pharmaceuticals, erst Recht nach der positiv verlaufenen Abstimmung bzgl. einer möglichen Zulassung von VX-809 (lumacaftor).

Gerade im Hinblick auf die erfolgreiche Forschungsarbeit diskutieren in den USA jedoch immer wieder Analysten über eine mögliche Übernahme von Vertex Pharmaceuticals. Als Kaufinteressent wird dabei ebenfalls immer wieder die eben bereits angesprochene Gilead Sciences genannt, die über eine ausreichend gefüllte Kriegskasse verfügt und sich durch eine solche Akquisition noch breiter aufstellen könnte. Bisher nämlich setzt Gilead Sciences voll auf Medikamente gegen HIV/AIDS respektive Hepatitis-Erkrankungen. Somit würde man mit einer Übernahme von Vertex Pharmaceuticals gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Denn zum einen bekäme man die Kontrolle über das Hepatitis-C-Medikament KALYDECO und zum anderen könnte man sich in Richtung Mukoviszidose-Medikamente diversifizieren.

Bisher jedoch lehnte das Management von Gilead Sciences jedwede Diskussion bzgl. einer Übernahme von Vertex Pharmaceuticals ab. Angesichts der Tatsache, dass Gilead Sciences aktuell zum größten Biotechnologie-Konzern der Welt avancieren konnte, wäre auch sehr fraglich ob die Kartellbehörden eine solche Übernahme überhaupt durchwinken würden. Wobei Gilead Sciences, bei denen ja Ex-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld investiert ist und sogar bereits im Aufsichtsrat saß, sicherlich über beste Kontakte bis in höchste US-Regierungskreise verfügen dürfte.


FUNDAMENTAL FAIRER WERT, MEIN KURSZIEL

Da die Börse stets bis zu einem Jahr in die Zukunft schaut, möchte ich Vertex Pharmaceuticals fundamental fairen Wert auf Basis der Umsatz- und Gewinnschätzungen für 2016e errechnen. Zur Erinnerung: In 2016 wird ein Jahresumsatz von 2,85 Mrd. US-Dollar bei einem Gewinn je Aktie in Höhe von 3,13 US-Dollar erwartet.

Angesichts der Umsatz- und Gewinnexplosion infolge der Zulassung von VX-809 (lumacaftor) fällt mir die Berechnung eines fundamental fairen Wertes nicht ganz leicht. Denn angesichts einer derartigen Umsatz- und Gewinnexplosion könnte man hier durchaus auch ein KGV von 100 und mehr als fair erachten. Ich setze jedoch nur ein KGV von 50 an, da ich glaube, dass im Falle einer Übernahme maximal ein KGV von bis zu 50 vom potenziellen Käufer anvisiert wird. Demnach läge der fundamental faire Wert der Aktie auf Sicht der nächsten 12-18 Monate bei 50x 3,13 US-Dollar und somit 156,50 US-Dollar.

Bei meinem Kursziel runde ich dann jedoch etwas ab, da die Aktie bekanntlich bereits ein KUV über 11 aufweist, was selbst für US-Biotechs nicht mehr günstig erscheint. Alles in allem sehe ich daher ein Kursziel in Höhe von 150,00 US-Dollar auf Sicht der kommenden 12-18 Monate als realistisch an.


FAZIT: ERST UNTER 130 US-DOLLAR SPEKULATIV KAUFEN UND DEN STOPPKURS NICHT VERGESSEN!

Angesichts der Tatsache, dass die Aktie inzwischen bereits über 130 US-Dollar notiert, ist das Kurspotenzial zurzeit auf knapp +13% begrenzt. Eine Dividende gibt es logischerweise noch nicht, und die Aktie ist als sehr spekulativ einzustufen. Daher reicht es an dieser Stelle leider nicht ganz für eine eindeutige Kaufempfehlung.

Vielmehr halte ich die Aktie derzeit für eine gute, wenngleich natürlich sehr spekulative, Halteposition. Erst ein Kursrücksetzer deutlich unter 130 US-Dollar würde hier m.E. eine gute Einstiegsgelegenheit eröffnen.

Angesichts der Tatsache, dass ein Investment in Vertex Pharmaceuticals so spekulativ ist, sollten Sie zudem unbedingt mit einem Stoppkurs arbeiten. Ich empfehle diesen knapp unterhalb der Marke von 120 US-Dollar, beispielsweise bei 116,72 US-Dollar, zu platzieren.
 

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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