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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 29.01.2010

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 29.01.2010:

Börsenbrief Heibel-Ticker
Heibel-Ticker

Stephan Heibel - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit März 2000

Stimmungen und entsprechende Gründe

„Das kommt mir spanisch vor“: Wissen Sie, wie die Amerikaner diesen Ausspruch übersetzen? „It’s greek to me“ (das kommt mir griechisch vor). Zur Zeit trifft die amerikanische Version des Spruchs die Situation an der Börse besser: Es sind die Griechen, die für Unruhe und Ungewissheit sorgen. Inzwischen muss Griechenland 4% mehr Zinsen zahlen, um die eigenen Staatsanleihen unters Volk zu jubeln, als Deutschland. Mit einer Neuverschuldung von 12,7% des BSPs und einer Gesamtverschuldung von 113% des BSPs ist es nur noch um Japans Finanzen schlechter bestellt. Doch deswegen ist der japanische Yen auch schon seit Jahren eine schwache Währung, Griechenland hat seit 2001 den festen Euro.

53 Mrd. Euro muss Griechenland in diesem Jahr refinanzieren, das meiste davon schon innerhalb der nächsten Monate. Für die EU ist Griechenland nun der Präzedenzfall, an dem sich endlich der seit Konzeption der EU kritisierte Stabilitätspakt wird messen lassen müssen. Die Kritik, die schon damals laut wurde, lautet: Was passiert mit den Ländern, die sich nicht an die Stabilitätskriterien halten? Ja, was? Was soll geschehen? Fallen sie aus der Währungsunion heraus? Springt die Gemeinschaft ein? Hilft der Internationale Währungsfonds IWF? Warum sollte er helfen? Warum sollten die EU-Staaten einspringen? Und falls Griechenland geholfen wird, ist es dann nur eine Frage der Zeit bis Italien, Portugal, Spanien und Irland folgen? Island hatte 2008 den großen Bruder Großbritannien, der in der Not helfend einsprang. Dubai konnte sich vor wenigen Monaten auf den großen Bruder Abu Dhabi verlassen. Griechenland trägt nur 2,5% zum europäischen BSP bei und eine Rettungsaktion, verteilt auf französische und deutsche Schultern, würde zunächst keine fiskalische Katastrophe nach sich ziehen. Doch der Stabilitätspakt wäre hinfällig, der Euro hätte seine Glaubwürdigkeit verloren. So ist es nicht dem plötzlichen Gesunden der US-Wirtschaft zu verdanken, dass der US-Dollar wieder gegenüber dem Euro ansteigt und derzeit auf einem 6-Monats-Hoch notiert, sondern der Euroschwäche. Doch unsere Probleme mit Griechenland müssen noch für ganz andere Zusammenhänge herhalten: SCHLECHTE STIMMUNG SUCHT VERKAUFSGRÜNDE Seit vergangenem März ist der DAX um 60% angestiegen. 6% Jahresperformance wären gut, aber 60% sind supersuper. Beim Dow Jones sieht es ähnlich aus. Zum Jahreswechsel haben Anleger nach einem Grund für einen anhaltenden Börsenanstieg gesucht ... und diesen zunächst in den hervorragenden Quartalsergebnissen der Unternehmen gefunden. Doch dann kam die Wahlschlappe von US-Präsident Obama und sein anschließender Feldzug gegen die Finanzbranche. Nicht nur eine Sondersteuer möchte er einführen, sondern auch eine tiefgreifende Reform. Anlegern sollte nun bewusst sein, dass die US-Regierung in den nächsten Monaten nicht für sondern gegen sie spielt. Banken und Broker, die gute Gewinne ausweisen, dürfen mit einem Angriff aus Washington rechnen. Nein, die Stimmungsmache allein aus Washington reicht nicht aus, um Unternehmensgewinne in Frage zu stellen. Aber wir waren gerade dabei, die noch immer häufig extrem niedrigen KGVs auf historisch „normale“ Niveaus zu heben. Wir haben begonnen, die weiteren Gewinnaussichten der Unternehmen in den Aktienkurs einzupreisen. Das ist ein großer Schwenk von der Bewertungsmethode aus der Krisenzeit, als man sich nur darum kümmerte, wie hoch der Buchwert des Unternehmens ist oder wie tief der Kurs im schlimmsten Fall sinken kann. Die Gefahr der Krise, die Gefahr eines doppelten Bodens, scheint gerade gebannt und die KGVs entwickelten sich in Richtung der Wachstumschancen der Unternehmen, da schlägt Obama quer. Nun, ein Grund für niedrigere KGVs ist das noch nicht, aber die Stimmung unter den Anlegern hat sich nunmehr gedreht. Man schaut nicht mehr auf die Wachstumschancen, sondern man schenkt den Risiken wieder mehr Beachtung. Und da kommt das Problem Griechenlands wie gerufen. Mit 2,5% des europäischen BSPs ist Griechenland nun wahrlich kein Problem, das die Weltfinanzmärkte durcheinander wirbeln könnte. Doch nach Island und Dubai und gegebenenfalls vor Italien, Portugal und wer weiß, was dann noch kommen kann, wird nun Griechenland als Dominostein betrachtet, der, sollte er fallen, eine Kettenreaktion auslösen könnte. Und dann ist da noch China. Mit einem Wachstum von 10,7% im abgelaufenen Quartal brummt die chinesische Konjunktur und ist somit für einen guten Teil des Aufschwungs in den USA und auch in Deutschland verantwortlich. Nun tritt die chinesische Regierung auf die Bremse, man wolle eine Blasenbildung verhindern. Und so wurde am 19. Januar die Kreditvergabe stark eingeschränkt. Berichten zufolge war diese Einschränkung so stark, dass seither keine nennenswerten Kredite mehr vergeben wurden. Als Ziel strebe man wieder Wachstumsraten um 8% an. In meinen Augen ist das ein Erfolg: China hat mit seinem Konjunkturprogramm die inländische Wirtschaft in Schwung gebracht. Und nun wird die lockere Geldpolitik zurückgedreht. Ein chinesisches Wirtschaftswachstum von 8% wird die Weltwirtschaft weniger nach oben ziehen als ein chinesisches Wirtschaftswachstum von 10,7%. Aber umgehend von der Gefahr eines doppelten Bodens, eines erneuten Rückschlags in die Krise, zu sprechen, halte ich für übertrieben. So hat Obama die Stimmung gedreht und Griechenland sowie China haben die Gründe geliefert. Wäre die Stimmung positiver, so hätte man diese beiden Gründe vermutlich gar nicht so stark in den Vordergrund gestellt. Stattdessen hätte man mehr auf die Unternehmensmeldungen geachtet, die nach wie vor bombastisch sind. Gestern Abend hat Amazon erneut ein herausragendes Quartalsergebnis vermeldet. Nur wenige Minuten später hat Microsoft das beste Konzernergebnis der Unternehmensgeschichte vermeldet. Wäre die Stimmung optimistischer, dann hätte man diese beiden Quartalsergebnisse als Grundlage für eine Rallye genommen, gepaart mit einer Rallye in Apple aufgrund des neuen Produktes iPad. Doch alles was ich in ersten Kommentaren lese ist, dass Amazons Kindle Wettbewerb von Apples iPad bekommen wird. Und das werde in das Geschäft von Amazon schneiden. Gleichzeitig wird dem iPad von Apple jedoch nicht zugetraut, Amazons Kindle zu ersetzen und so notiert auch Apple im Minus. Und das Rekordergebnis von Microsoft wird mit Problemberichten über die nicht so erfolgreichen Geschäftszweige von Microsoft kommentiert. Das Microsoft Tablett habe kaum Beachtung gefunden, Windows for Mobile gerate gegenüber dem iPhone OS und Googles Android ins Hintertreffen. Und das Rekordergebnis sei nur ein einmaliger Effekt aufgrund von Windows 7, das schneller verkauft wurde als irgendein anderes Betriebssystem je zuvor. Darüber hinaus wird der Umsatzrückgang im Bereich der Unternehmenssoftware, insbesondere des Office-Pakets, hervorgehoben. Und dennoch wird Apples iPad auf Basis des iPhone OS kritisch betrachtet (auch mir fehlt das Multi-Tasking). Das iPad könne keinen Computer ersetzen. Aufwendige Programme könne man mit dem iPad nicht realisieren. Ich schließe daraus, dass das iPad nicht in den Umsatz von Apple schneiden wird, sondern lediglich zusätzlichen Umsatz generieren wird. Zudem notiert auch Google kräftig im Minus, obwohl deren Office-Lösungen über das Internet immer stärker genutzt werden und sicherlich ein Grund für den Umsatzrückgang bei Microsoft sind. Wenn Sie sich die Kursentwicklung dieser Woche anschauen, dann könnten Sie meinen, dass wir auf eine Krise zulaufen. Doch in Wirklichkeit gibt es Kämpfe um Marktanteile und dort gibt es Gewinner und Verlierer. Der Blick auf die Börse suggeriert, dass es derzeit nur Verlierer gibt.

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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