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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 14.07.2009

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 14.07.2009:

Börsenbrief Heibel-Ticker
Heibel-Ticker

Stephan Heibel - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit März 2000

Spekulanten stören Realwirtschaft

Am vergangenen Freitag, leider erst nach dem Versand des Heibel-Tickers, wurde bekannt, dass ein britischer Ölspekulant durch extrem gehebelte Longpositionen alleine verantwortlich war für einen Ölpreisanstieg von etwa 10 USD/Fass.

Beim Ölpreis von 72 USD/Fass konnten Sie also von einem Rückgang auf 62 USD/Fass in Folge dieser Meldung ausgehen. Heute steht der Ölpreis unter 60 USD/Fass, ein Rückgang von 11,4%.

Der Ölpreis wird maßgeblich durch Angebot und Nachfrage an der CME, der Chicago Mercantile Exchange, gebildet. Dort treffen sich die Ölkonzerne, die ihr Öl anbieten, mit den Industrieunternehmen, die das Öl für ihre Produktion brauchen.

Für beide Parteien ist dieser Handelsplatz eine wichtige Station zur Absicherung des eigenen Geschäfts. Ölkonzerne, die hohe Investitionen zur Förderung des Öls tätigen, wollen frühzeitig Gewissheit über einen mindestens zu erzielenden Preis für das Öl haben und verkaufen daher bereits ihre zukünftige Produktion.

Industrieunternehmen, die ihre künftigen Produktionskosten besser abschätzen wollen, können dort bereits heute das Öl kaufen, das sie später für ihre Produktion benötigen. Der Preis ist somit bereits fest, egal wie sich der kurzfristige Ölpreis am Markt entwickelt.

Dieser Mechanismus gibt beiden Vertragsparteien Planungssicherheit. Je nach Entwicklung des Ölpreis wird mal der eine, mal der andere froh über seine Absicherung sein, unterm Strich jedoch sind beide Parteien dadurch in der Lage,  verlässlich zu kalkulieren und das ist langfristig wichtiger als der kurzfristige Lottogewinn.

Anders als beim Aktienmarkt, wo nur Papiere oder digitale Aktienregister gehandelt werden, gibt es für die Rohstofffutures kaum Hinterlegungspflichten. Wenn Sie Aktien auf Kredit kaufen, müssen Sie mindestens 50% des Kaufpreises auf Ihrem Konto haben. Bei Rohstoffen reichen 10%, teilweise sogar weniger. Wenn man den Charakter des Futures-Geschäfts betrachtet, dann ist das auch sinnvoll: Es ist eine Versicherung gegen unvorhersehbare, heftige Preisschwankungen, für die eine Versicherungsprämie hinterlegt wird. Ein Ölkonzern, der ohnehin das Öl produziert, dem ist es nach dem Kauf des Futures egal, wohin der Ölpreis läuft, denn er liefert ja das Öl, das er zu den kalkulierten Kosten produziert hat. Seine Produktionskosten ändern sich ja nicht, nur weil der Verkaufspreis sich ändert (einmal abgesehen von den daraus resultierenden höheren Energie- und Transportkosten, die fallen aber kaum ins Gewicht).

Spekulanten, die an diesem Markt teilnehmen, besitzen keine Ölfelder. Sie spekulieren auf eine Preisentwicklung und verkaufen den Future vor Fälligkeit, denn an einer Lieferung sind sie ja gar nicht interessiert. Durch den großen Hebel, der durch die geringe Hinterlegungsvorschrift ermöglicht wird, sorgen schon kleine Ölpreisbewegungen für Millionengewinne ... und –verluste. Diese Spekulationen werden oft von jungen Hochschulabgängern getätigt, die zwar die mathematischen Mechanismen beherrschen, die Märkte und Hintergründe jedoch häufig nicht überschauen.

Nun, das Resultat ist ein Ölpreis, der mit dem Angebot und der Nachfrage seitens der Ölkonzerne und Industrie nichts mehr zu tun hat. Ein Ölpreis über 70 USD/Fass ist auf absehbare Zeit utopisch, diese Position vertrete ich seit über 5 Jahren. Niemand konnte aus fundamentalen Gesichtspunkten begründen, wie der Ölpreis letztes Jahr auf 147 USD/Fass steigen konnte.

Schlimmer noch: Ölkonzerne schauten diesem Treiben hilflos zu und hatten Angst, diese Preise über das Futuregeschäft für die nächsten Jahre einzutüten. Verständlich, denn schon bei 70 USD/Fass gab es entsprechende Forderungen seitens der Aktionäre, die gleichen Aktionäre, die dann bei 100 USD/Fass die Ölkonzerne auslachten, die ihre künftige Produktion schon zu 70 USD/Fass verkauft hatten. Diese konnten nämlich von dem höheren Ölpreis kaum noch profitieren.

Und in dieser Stimmungslage traute sich schließlich kaum ein Konzern mehr, die hohen Ölpreise einzutüten. Selbst bei 147 USD/Fass gingen hoch bezahlte Analysten herum und kalkulierten mit einem Ölpreis von 200 USD/Fass.

Nun, es folgte das „Deleveraging“, die gehebelten Ölspekulationen fielen in sich zusammen und genau wie nach oben so überreagierte der Ölpreis auch nach unten: Er fiel Anfang des Jahres bis auf 36 USD/Fass. Dort hätte die Industrie aktiv werden müssen und hätte sich den niedrigen Ölpreis für die nächsten Jahre sichern müssen. Doch auch dies geschah kaum, denn hoch bezahlte Analysten gingen nun umher und prognostizierten einen Ölpreis in den niedrigen 20ern.

Amaranth ist ein populäres Beispiel eines Hedgefonds im Ölbereich, der in der jüngsten Finanzgeschichte pleite ging. Nicht nur die Industrie und die Ölkonzerne können mit den Ölpreisschwankungen nicht mehr kalkulieren, auch die Spekulanten selbst werden immer wieder auf dem falschen Fuß erwischt. Kein Wunder, denn die Spanne zwischen 147 USD/Fass und 36 USD/Fass ist zu groß, um solche Preisschwankungen auf Änderungen der realen Angebots- und Nachfragesituation zurück zu führen. Und wenn Spekulanten die Preisbewegungen diktieren, dann braucht man sich gar nicht mehr um die Wirtschaft zu kümmern, sondern kann gleich nur noch die Stimmung der Spekulanten abschätzen.

Doch das führt zu Problemen in der realen Wirtschaft. Daher gibt es immer wieder Forderungen, die Hinterlegungsanforderungen für Rohstofffutures anzuheben. Das Gegenargument der CME, die natürlich an hohen Umsätzen, an einem hohen Handelsvolumen interessiert ist, lautet, man dürfe die Spekulanten nicht in ihrer Freiheit beschneiden, denn sie sichern die erforderliche Liquidität des Futuremarktes, damit Ölkonzerne und Industrie stets Vertragspartner für ihre Absicherungsgeschäfte finden. Ich halte das für Quatsch. Ohne die Spekulanten mit ihren hoch gehebelten Positionen wäre das Absicherungsbedürfnis der Teilnehmer des realen Marktes wesentlich geringer.

Wenn Ihnen also künftig jemand weismachen möchte, Spekulanten würden einen sinnvollen Beitrag für einen liquiden Handel im Rohstoffbereich liefern, dann können Sie entgegnen, dass Spekulanten für die Achterbahnfahrt von 20 auf 147, zurück auf 36 und nun wieder auf 72 USD/Fass Öl verantwortlich sind.

Nun wird wieder der Rückwärtsgang eingeschaltet und meine Untergrenze bei 40 USD/Fass wird angepeilt. Wir befinden uns in einer Rezession, daher waren die 70 USD/Fass nicht gerechtfertigt. Bis die Aufschwunghoffnungen mit Beweisen unterlegt werden sollte der Ölpreis aus realwirtschaftlicher Sicht deutlich unter 50 USD/Fass notieren. Alles andere ist Spekulation.

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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