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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 08.02.2013

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 08.02.2013:

Börsenbrief Heibel-Ticker
Heibel-Ticker

Stephan Heibel - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit März 2000

Sicherer Hafen Deutschland nicht mehr gefragt

Viele Gründe wurden diese Woche genannt, um den Kursturz im DAX zu erklären: Berlusconis Auferstehung, der hohe Euro-Wechselkurs, der gescheiterte Anlauf des Dow Jones, die 14.000 Punkte zu überspringen, ... Sie werden sicherlich noch eine Reihe weiterer Gründe gehört haben. Immerhin ist der DAX um 2,4% eingebrochen, und da ist es schon verständlich, wenn man nach den möglichen Ursachen sucht.

Korrektur

In meinen Augen ist es nichts weiter als die Korrektur der Übergewichtung deutscher Aktien in internationalen Portfolios, die im vergangenen Jahr entstanden war. Aus den USA kommen immer wieder positive Konjunkturdaten. Sogar das Damoklesschwert der Defizitgrenze, das Ende Februar hernieder rauschen sollte, konnte durch eine vorübergehende Aussetzung des entsprechenden Gesetzes durch Präsident Obama um ein paar Monate verschoben werden.

Und dass sich die Situation in China Stück für Stück verbessert, hat inzwischen auch jeder verstanden.

Zudem hat sich die Situation in Europa zusehends stabilisiert. Für diese Einschätzung ernte ich immer wieder heftige Kritik, daher will ich sie etwas deutlicher ausführen.

Die Lehman-Pleite im September 2008 traf die Finanzmärkte, die Politik und die Notenbanken völlig unvorbereitet. Es folgte ein chaotischer Ausverkauf. Die Aktienbörsen sind nur deshalb so stark gefallen, weil weder Politik noch Notenbanken ein Gegenmittel verfügbar hatten.

Heute sind die Gegenmittel bekannt, und die Finanzmärkte wissen, dass die Notenbanken sich nicht scheuen, sie auch einzusetzen. Damit verschaffen sie der Politik Zeit, notwendige Strukturänderungen vorzunehmen. Das ist eine Situation die schon wesentlich besser ist als zum Zeitpunkt als die Lehman-Krise ausbrach oder Griechenland sein Haushaltsdefizit verkündete.

Nein, die Probleme sind noch nicht gelöst

Doch Lösungen sind möglich, und das war vor einem Jahr noch lange nicht so klar. Ich erwarte, dass immer wieder neue Probleme auftreten, immer wieder Hiobsbotschaften auf die Märkte treffen. Und die Märkte werden panisch darauf reagieren. Die Panik wird jedoch nur kurz anhalten, ein Chaos wie 2008 werden wir nicht nochmals erleben.

Mag sein, dass Ihnen die Auswahl der Instrumente, die Zuordnung der Zuständigkeiten, die eingeschlagenen Lösungswege nicht zusagen. Auch ich habe da eine Menge Kritik auf Lager. Aber die Situation ist unbestritten wesentlich besser als vor wenigen Jahren.

Nun geht Europa derzeit einen Alleingang bei den Lösungsansätzen:

Politische Strukturreformen stehen ganz oben auf der Agenda, Liquiditätsflutung durch die EZB wird nur sehr restriktiv zur Vermeidung von Chaos eingesetzt. In den USA und nun auch in Japan geht man anders vor: Es wird Geld gedruckt was das Zeug hält, und gleichzeitig wird ein bisschen an der Struktur gebastelt.

Der Unterschied wurde gestern nochmals von EZB-Chef Mario Draghi deutlich gemacht. Er gab unumwunden zu, dass der Euro unangenehm hoch notiere und bei anhaltender Stärke der Wirtschaft Europas zusetzen könne. Er werde das beobachten, doch eine Zinssenkung aus diesem Grund halte er derzeit nicht für notwendig.

Allein die Aussage, den Wechselkurs im Auge zu haben, reichte aus, um den Euro um 2 Cent gegenüber dem US-Dollar zu drücken - der stärkste Kursrutsch seit vergangenem Sommer. Aus den USA wurde umgehend Kritik laut, Draghi solle Worten auch Taten folgen lassen, er solle den Höhenflug des Euros durch eine weitere Zinssenkung stoppen. Doch genau das tat er nicht, und erstmals seit seinem Amtsantritt habe ich das Gefühl, dass Draghi ein bisschen näher an die deutsche Geldpolitik gerutscht ist.

Denn natürlich fordern die Club-Med Länder eine Zinssenkung, damit nach der daraus resultierenden Schwächung des Euros ihre Exporte auf den Weltmärkten wettbewerbsfähiger werden. Doch die Stabilitätskultur Deutschlands, die in den vergangenen Jahren bei der EZB wenig Anklang fand, scheint zumindest nicht in Vergessenheit geraten zu sein. Ich bin gespannt, wie lange sich Draghi den Wünschen der Club-Med Länder widersetzen kann oder möchte.

Es ist einmal mehr ein Zeichen an die Politik, doch endlich die Strukturreformen voranzutreiben. Die Geldpolitik in Europa wird die Probleme nicht in Liquidität ertränken, sondern (hoffentlich) den Druck auf die Politik hoch halten.

Also, wie eingangs gesagt, halte ich die Situation in Europa vorerst für stabil. So können auch die europäischen Anleger aus dem "Sicheren Hafen Deutschland" zurück in die Heimat. Auch dieses Kapital wird insbesondere von den DAX-Aktien abgezogen und ist wohl auch ein Grund für die schwache Performance.

Schauen wir uns also einmal an, wie sich die wichtigsten Indizes im Wochenverlauf entwickelt haben:

WOCHENPERFORMANCE DER WICHTIGSTEN INDIZES



Dow Jones und Nikkei haben ihre Rallye unterbrochen. Mit einem Plus seit Jahresbeginn von 6,5% bzw. 7,3% resp. liegen die Indizes in ihrer jeweiligen Währung weit vor dem DAX, der 0,3% tiefer notiert als zum Jahreswechsel. Gleichzeitig hat der Euro jedoch gegenüber dem Yen 9,8% zugelegt, gegenüber dem US-Dollar immerhin um 1,7%. Zumindest die Kursgewinne aus Japan sind nicht beim deutschen Anleger angekommen.

 

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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