Schatten von Facebook bereits an der Wallstreet

Stephan Heibel
Veröffentlicht von Stephan Heibel am 30.03.2012
Dies ist eine exklusive Leseprobe von:

Heibel-Ticker Börsenbrief

Heute erkläre ich Ihnen einmal etwas über die Funktionsweise der Wallstreet, die Mutter der Finanzmärkte aus Übersee. In diesen Tagen sind merkwürdige Dinge an der Wallstreet zu beobachten: IPOs schießen plötzlich in die Höhe. Was steckt dahinter?


 

Facebook, das Mega-Event für den IPO-Markt 2012. Doch lassen

Sie mich die Zusammenhänge der Reihe nach aufzeigen.

 

Nehmen wir einmal an, Sie interessieren sich für einen IPO

(Initial Public Offering, Börsengang). Nehmen wir

beispielsweise einmal den IPO von Annie’s, dem Anbieter von

organischen Lebensmitteln wie Pizza, Chips, Salat- und

Grillsaucen bis hin zu Frühstücksmüslis.

 

Um zu entscheiden, ob Sie Interesse an diesem IPO haben, müssen

Sie sich zunächst einmal das Geschäft des Unternehmens

anschauen. Mit seinen organischen Speisen liegt das Unternehmen

voll im Trend der gesundheitsbewussten Ernährung und könnte

tatsächlich langfristig Erfolg haben. Belassen wir es bei

dieser kurzen Einschätzung zum Geschäft, denn das allein reicht

noch lange nicht.

 

Als nächstes müssen Sie sich die IPO-Unterlagen anschauen. Wie

hoch haben die Banken, die den Börsengang begleiten (in diesem

Fall Credit Suisse und J.P. Morgan) das Unternehmen bewertet?

Ist der Ausgabepreis je Aktie fair, günstig oder vielleicht

schon zu hoch?

 

Nun, Annie’s wächst mit 25% p.a. im Umsatz und wurde mit einem

KGV von etwa 30 bewertet. Das ist noch okay, da insbesondere im

laufenden Jahr ein Gewinnsprung in Aussicht gestellt wurde. So

wurde der IPO zu einem Kurs von 14-16 USD angekündigt.

 

Dann beginnt das Spiel, das ich hasse. Im Stundentakt wird nun

der IPO-Preis durch die Emissionsbanken „angepasst, um Angebot

und Nachfrage in Einklang zu bringen“. So ein Quatsch: Der

Preis wird so lange erhöht, wie alle Interessenten mit einem

Appetitshäppchen versorgt werden können. Die Banken verdienen

schließlich Provisionen in Abhängigkeit vom Verkaufspreis.

 

So bewegte sich der Preis in den Stunden vor der Erstnotiz dann

von 14-16 USD auf 19 USD. Wer den IPO gezeichnet hatte, der

erhielt nun also Aktien zu 19 USD statt 14 oder 16 USD, es sei

denn, er hatte explizit seine Zeichnung limitiert und damit

riskiert, nicht dabei zu sein.

 

Nun müssen wir uns anschauen, wie viele Aktien überhaupt in den

Markt gegeben werden. Die Banken haben ausgerechnet, dass

Annie’s rund 250 Mio. USD wert sein könnte, zum IPO-Preis von

19 USD betrug der Unternehmenswert bereits 315 Mio. USD. Es hat

sich jedoch inzwischen eingebürgert, zunächst nur einen sehr

kleinen Anteil der Aktien über den IPO in den Markt zu geben

und weitere Papiere zu einem späteren Zeitpunkt und dann

hoffentlich besserem Kurs nachzuschieben.

 

So stehen für den IPO 5 Mio. der 15 Mio. Aktien zur Verfügung,

also 33%. Das ist in diesem Fall schon ein ganz schön großer

Batzen, Tranchen unter 20% sind keine Seltenheit. Ziel ist es

sodann auch bei Annie’s, in den kommenden Monaten den

Streubesitz von den aktuellen 33% auf 66% bis 75% zu erhöhen,

bis eben alle Aktien im Streubesitz sind, die kein Insider mehr

behalten möchte.

 

Dieser Prozess ist wohldefiniert und birgt weitere Provisionen

für die emittierenden Banken Credit Suisse und J.P. Morgan. Das

heißt, je höher der Aktienkurs steigt, desto mehr werden nicht

nur die Verkäufer der Aktien einnehmen, sondern auch die

Banken.

 

Es ist daher eine bekannte Strategie der Banken, jedem

Interessenten nur einen kleinen Teil der gezeichneten Anzahl an

Aktien zukommen zu lassen. Da es sich vielfach um

institutionelle Anleger handelt, die mit mathematischen

Modellen eine bestimmte Positionsgröße für Annie’s errechnet

haben, kann man darauf warten, dass diese Anleger nach dem IPO

weitere Aktien einkaufen, um die gewünschte Positionsgröße zu

erreichen.

 

Es ist somit sichergestellt, dass vom ersten Augenblick an

Käufer für die Aktien am Markt aktiv sind.

 

Hier treffen wir nun auf eine Weggabelung: Ein Teil der

institutionellen Anleger spielt das IPO-Spiel nur für den

schnellen Gewinn. Sie hoffen auf „Zeichnungsgewinne“, also auf

einen höheren Kurs am ersten Handelstag als man über die

Zeichnung gezahlt hat, um die zugeteilte Position, egal in

welcher Größe, sofort mit Gewinn zu verkaufen.

 

Es ist so etwas wie das Katz und Maus Spiel der Emissionsbanken

mit den institutionellen Anlegern: Haben die Banken den IPO zu

niedrig bepreist? Gibt es also einen Kursanstieg am ersten Tag?

Oder haben die Banken den Kurs bereits zu hoch angesetzt, und

befindet man sich im Minus, wenn die Aktie erstmals frei

gehandelt wird?

 

Aus Sicht der Banken, die noch einen Sack voll weiterer Aktien

in den nächsten Monaten in den Markt geben wollen, sind diese

Spekulanten unbeliebt. Deren Gewinnmitnahmen am ersten Tag

versauen die ganze Kalkulation. Eigentlich sollten doch die

institutionellen Anleger zusätzlich Aktien einkaufen und

dadurch den Kurs in die Höhe treiben. Wenn nun aber mehr

Spekulanten am Markt sind, dann kann die Nachfrage der

institutionellen Anleger mit ihrer Wunschpositionsgröße locker

befriedigt werden und anschließend sinkt der Kurs.

 

Sie merken es, wir reden schon lange nicht mehr über den fairen

Wert des Unternehmens. Hier geht es nur noch um das Katz und

Maus Spiel der Wallstreet.

 

So ist es für einen Privatanleger fast unmöglich, einen IPO im

Vorfeld sinnvoll zu bewerten. Wenn die Banken zudem vielleicht

noch schlechte Provisionen ausgehandelt haben und die

Geschichte einfach nur hinter sich bringen wollen, dann

schütten sie in kurzer Zeitabfolge die weiteren für den

Streubesitz vorgesehenen Aktien in den Markt und verhindern so

jede Kurserholung. Der Kurs kann so mitunter über Monate viel

zu niedrig notieren und dort unten bleiben.

 

Bei Annie’s war dies nicht der Fall. Im Gegenteil. Die Aktie

eröffnete bei 31,77 USD! Also 67% über dem ohnehin schon hohen

Emissionspreis. Und damit nicht genug, in den beiden folgenden

Tagen stieg die Aktie unaufhaltsam weiter an, inzwischen

notierte sie schon bei 40 USD.

 

Damit steht das KGV bei 100! Fangen Sie mir also nicht mit

einer fairen Bewertung an. Vielmehr scheint es, als gebe es nur

institutionelle Anleger, die ihre Wunschpositionsgröße

einkaufen. Es scheint kaum Spekulanten geben, die den schnellen

Gewinn einstecken wollen. Woran mag das liegen?

 

Facebook! Das Mega-Event des Jahres 2012. Ein paar Eckdaten

sind schon bekannt, so will das Unternehmen mit rund 100 Mrd.

USD bewertet werden und Aktien im Wert von rund 5 Mrd. USD über

den IPO an die Börse bringen. Das sind 5% des

Unternehmenswertes. 5% für den seit Jahren erwarteten heißesten

IPO seit langem. Das ist nichts. Da muss man mit seinem Banker

geschlafen haben, um ein paar Aktien über den IPO zugeteilt zu

bekommen...

 

...oder man hat sich auf andere Art und Weise in der jüngsten

Vergangenheit gefällig gezeigt. Was ist schon der 100 Mio. USD

IPO von Annie’s gegenüber den 5 Mrd. USD bei Facebook?

 

Wenn der Facebook IPO kommt, ich rechne im Frühjahr damit, dann

werden sich die Emissionsbanken in ihren Datenbanken anschauen,

welche Kunden denn „zuverlässig“ sind und welche nicht. Und als

zuverlässig gelten nicht die Spekulanten, die ihre Zuteilung am

ersten Handelstag auf den Markt schmeißen und den Kurs kaputt

machen. Als zuverlässig gelten die Kunden, die ihre Zuteilung

möglichst lange halten, damit die Banken ungestört die

„Kurspflege“ in die eigene Hand nehmen können und möglichst

hohe Kurse für die weiteren Platzierungen erzielen.

 

Wenn ich die Absicht hätte, 10 Mio. USD des Facebook IPOs zu

zeichnen, würde ich heute schon jeden IPO meiner Bank mit einer

kleinen Summe zeichnen und die Position mindestens bis nach dem

Facebook IPO halten. So schreibt man sich eine gute

Visitenkarte.

 

Sie werden also in den nächsten Wochen eine Menge Meldungen

über „erstaunlich gut gelaufene“ IPOs an der Wallstreet hören.

Doch glauben Sie nicht, dass dies mit den jeweiligen

Unternehmen zu tun hat, die an die Börse gegangen sind. Es ist

das Buhlen der institutionellen Anleger um eine gute Position

beim Mega-IPO dieses Jahres, dem IPO von Facebook.

 

Wer von Ihnen also ein US-Depot hat, der kann in den nächsten

Wochen ruhig etwas mutiger werden, wenn Ihnen Aktien aus einem

IPO angeboten werden.

 

 

Schauen wir einmal, wie sich die einzelnen Indizes diese Woche

entwickelt haben:

 

 

WOCHENPERFORMANCE DER WICHTIGSTEN INDIZES:

 

INDIZES               29.03.12      DIFF

Dow Jones              13.146       0,8%

DAX                     6.875      -1,5%

Nikkei                 10.115       1,0%

Euro/US-Dollar          1,329       0,2%

Euro/Yen             109,4415      -0,1%

10-Jahres-US-Anleihe     2,17%     -0,1

Umlaufrendite Dt         1,53%     -0,2

Feinunze Gold USD   $1.656,25       0,3%

Fass Brent Öl USD     $122,26      -1,4%

Kupfer in US$/to        8.360      -0,4%

Baltic Dry Shipping I     922       2,2%

 

 

MERKEL DEUTET BEFRISTETE ERHÖHUNG DES ESM DURCH IGNORIEREN

DER BEREITS GELEISTETEN HILFEN AN – 26.3.12

 

Merkel kündigt Absicht der Erhöhung des ESM um die bereits

ausgereichten Hilfen (etwa 200 Mrd. Euro) an.

 

Soeben hat Bundeskanzlerin Angela Merkel auf einer

Pressekonferenz bekanntgegeben, intern über die Möglichkeit zu

diskutieren, den ESM mit seinem Volumen von 500 Mrd. Euro zur

zweiten Jahreshälfte starten zu lassen, ohne die bisher

ausgereichten Hilfen an Griechenland, Portugal und Irland im

Volumen von rund 200 Mrd. Euro vom ESM übernehmen zu lassen.

Mit anderen Worten: Der ESM wird vorübergehend auf 700 Mrd.

Euro erhöht und vermindert sich im Laufe der nächsten Jahre

automatisch um die Rückzahlungen aus den bisher geleisteten 200

Mrd. Euro, bis dann das Volumen von 500 Mrd. Euro letztlich

übrig bleibt.

 

Es ist der internationale Druck, der Merkel zu diesem Schritt

veranlasst: Die 500 Mrd. Euro werden als nicht ausreichend

gesehen, um europäische Staaten gegen Spekulanten abzusichern.

Insbesondere wenn gleich zu Beginn 200 Mrd. Euro an den

auslaufenden EFSF gezahlt werden müssten, um die bereits

geleisteten Hilfen zu übernehmen. Christine Lagard, Vorsitzende

des IWF, hat ihre Hilfen an einen höheren Beitrag Europas, und

damit Deutschlands, geknüpft. Im Raum steht die Summe von einer

Billionen Euro. Deutschland geht hier also einen Schritt auf

die Verhandlungspartner zu und erhöht auf 700 Mrd. Euro.

 

Für die Aktienbörsen ist dieser Schritt zunächst einmal

bullisch, denn mehr Geld für Staatshilfen bedeutet weiterhin

mehr Geld im Umlauf, was den Euro schwächt und die Kurse

treibt. Wir dürfen gespannt sein, welche Summe für den ESM am

Ende der Verhandlungen, die am kommenden Wochenende mit den EU-

Finanzministern stattfinden werden, steht.

 

 

Schauen wir einmal, wie sich die Stimmung unter Anlegern und

Analysten entwickelt:

 

SENTIMENTDATEN:

 

Analysten

Empfehlungen (Anzahl Empfehlungen):

 

Kaufen / Verkaufen

09.03.- 16.03. (171): 43% / 14%

16.03.- 23.03. (233): 53% / 13%

23.03.- 30.03. (229): 46% / 18%

 

Kaufempfehlungen der Analysten

Gagfah, Unicredit, VTG

 

Verkaufsempfehlungen der Analysten

Solarworld, Heineken, Enel Green Power

 

Privatanleger

11. KW: 75% Bullen (132 Stimmen)

12. KW: 62% Bullen (152 Stimmen)

13. KW: 70% Bullen (193 Stimmen)

 

Kaufempfehlungen der Privatanleger

Total S.A., Natixis S.A., Hecla Mining

 

Verkaufsempfehlungen der Privatanleger

Praktiker, MAN SE, Nicox S.A.

 

Die Sentiment-Daten wurden in Zusammenarbeit mit Sharewise

erstellt:

http://www.sharewise.com?heibel

 

 

Ohh je, die Analysten sind zu Hauf ins Börsenlager

übergesiedelt, nur noch 46% Kaufempfehlungen und ein Sprung auf

18% Verkaufsempfehlungen. Es hat den Anschein, dass einige

Unternehmen inzwischen ihren fairen Wert erreicht haben, die

kolossale Unterbewertung vom Dezember letzten Jahres ist

weitgehend abgebaut.

 

Nun kommt es auf die weitere Konjunkturentwicklung an. Diese

ist in den USA derzeit recht vielversprechend, Deutschland ist

ein Fels in der Brandung Europas, allerdings hat der Rest

Europas arge Probleme und seitens Chinas wurden in den

vergangenen Tagen ebenfalls wieder schlechtere Konjunkturdaten

vermeldet.

 

Wie wir uns vor dem Hintergrund dieser veränderten Situation

mit unserem Portfolio positionieren, lesen Sie im nächsten

Kapitel. Doch zunächst schauen wir einmal auf die einzelnen

bullischen Analystenempfehlungen.

 

 

TOP ANALYSTENZIELE

 

Sie wollen wissen, was die Analysten im Einzelnen für Aussagen

treffen und wo sie die größten Chancen sehen? Ich habe für Sie

ab sofort jede Woche eine Übersicht der Analysen mit den

höchsten Kurszielen ausgearbeitet. Die Liste zeigt ganz einfach

an, wo das aktuelle Kursziel des Analysten prozentual am

meisten über dem aktuellen Kurs liegt:

 

Firma  Analyse vom  Kurs    Ziel  Upside

SUESS MICROT. 28.03  7,09€ 13,00€  83,36%

MEDIGENE      26.03  1,51€  2,60€  72,19%

ARQUES IND    26.03  3,09€  5,30€  71,52%

IVG IMMOBIL   28.03  2,47€  4,00€  61,94%

4SC AG        28.03  2,63€  4,00€  52,09%

HOCHTIEF      29.03 47,97€ 70,00€  45,92%

RHOEN-KLINIKUM29.03 15,12€ 22,00€  45,50%

TUI AG        29.03  5,68€  8,20€  44,37%

CEWE COLOR    26.03 31,71€ 45,50€  43,49%

 

 

Es handelt sich um Analysen aus dieser Woche. Bitte genießen

Sie diese Übersicht mit Vorsicht. Sie wissen ja, dass häufig

auch ein Eigeninteresse des Analysten für eine rosa Brille

sorgen kann, weshalb Analysteneinschätzungen tendenziell

optimistischer ausfallen als es die Realität anschließend

erlauben würde. Aber die Übersicht gibt einen Eindruck darüber,

wo die Erwartungen mit dem aktuellen Kurs am weitesten

auseinander liegen. Wer letztlich Recht haben wird, der Analyst

oder die Anleger, die den Kurs machen, ist in jedem Einzelfall

individuell zu beurteilen.

 

Laufen wir nun in eine heftige Korrektur der exorbitanten

Kursrallye seit vergangenem Dezember oder bleibt es beim

heutigen schnellen Ausverkauf? Meine Gedanken zu diesen Fragen

lesen Sie im nächsten Kapitel.

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