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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 14.07.2016

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 14.07.2016:

Börsenbrief Heibel-Ticker
Heibel-Ticker

Stephan Heibel - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit März 2000

Royal Bank of Scotland: Kleinere Brötchen in Großbritannien

Maximale Ungewißheit nach dem Brexit führte zu einem maximalen Ausverkauf der Aktie. Das Tief dürfte vorerst halten, die Chance liegt auf einer Spekulation auf eine Gegenbewegung. Wie sich die Royal Bank of Scotland in den kommenden Jahren entwickeln könnte, untersuche ich in dieser Wunschanalyse.

Im Jahr 2000 hat die Royal Bank of Scotland (RBS) die in England und Wales agierende NatWest übernommen und wurde somit zu einer der vier größten britischen Banken. Auch in Irland ist das Unternehmen aktiv, dort unter dem Namen Ulster Bank.

2007 führte die RBS ein Konsortium mit Santander und der Fortis Bank an, um die ABN Amro zu kaufen. Es gab einen Bieterwettbewerb, der Konkurrent Barclays wurde durch ein höheres Angebot ausgestochen.

Im Rahmen der Finanzkrise folgte noch im Dezember 2007 eine erste Abschreibung auf diese Übernahme (1,8 Mrd. EUR). Im April 2008 folgten weitere 7 Mrd. Euro. Im November schoss die britische Regierung 18 Mrd. Euro ein und erhielt dafür 58% der Anteile an der RBS. Im Februar 2009 gab die RBS einen Jahresverlust von 29 Mrd. Euro bekannt. Die britische Regierung erhöht ihren Anteil an der RBS. Ein Bank-Run (Schlangen vor den Filialen) kann nicht mehr verhindert werden, doch die Auszahlungswünsche können mit einer zeitlichen Verzögerung erfüllt werden.

502 Pence (5,02 GBP bzw. 5,98 EUR) zahlte die britische Regierung für ihre Anteile an der RBS, heute steht die Aktie bei 178 Pence (2,15 EUR). Von einer erfolgreichen Rettung kann man da nicht unbedingt reden, vielmehr wird die Aktion als halbherzig und viel zu teuer kritisiert. Vor einem Jahr hat die Regierung Anteile im Wert von 2 Mrd. GBP (2,4 Mrd. Euro) zu einem Preis von 330 Pence (3,93 EUR) verkauft und ihren Anteil um 10% auf nunmehr 73% verringert.

Unter dem Konsolidierungsdruck des Mehrheitseigners muss die RBS seither ihr Geschäft schrumpfen. Die Bilanzsumme hat sich mehr als halbiert. Aktienhandel, Börsengänge und Kapitalerhöhungen, Fusionen und Übernahmen sowie die Betreuung börsennotierter Unternehmen wurde als nicht-Kerngeschäft definiert und wird seither verkauft und zurückgefahren.

Kerngeschäft ist nun das Personal & Business Banking (PBB), also das traditionelle Einlagen- und Kreditgeschäft. Die damit verbundenen Probleme habe ich in der Wunschanalyse vor zwei Wochen zur Aktie der Commerzbank ausführlich besprochen: Das Niedrigzinsumfeld ermöglicht es den Banken kaum, im traditionellen Bankgeschäft ordentliche Gewinnmargen zu erzielen. Neben der Bilanzsumme schrumpfen also auch die Einnahmen.
 

MAXIMALE VERUNSICHERUNG DURCH BREXIT


London ist der führende Finanzplatz Europas. Internationale Gelder fließen durch London in die EU. Der Fortbestand dieses Weges ist seit der Brexit-Entscheidung fraglich, entsprechend wird ein deutlicher Umsatzeinbruch bei der RBS befürchtet.

Wenige Tage nach dem Brexit wurde dann noch bekannt, dass zwei Kaufinteressenten (Credit Suisse sowie China Merchants) an der griechischen Schiffsfinanzierung der RBS ihre Angebote erst einmal auf Eis legten. Nach dem Brexit sei dieser Bereich wesentlich weniger Wert, weil künftig zusätzliche bürokratische Hürden berücksichtigt werden müssten, hieß es.

Zudem führt die RBS Gewerbeimmobilienkredite im Volumen von 30 Mrd. Euro in ihren Büchern. Und Gewerbeimmobilien sind in einem London ohne dominierendem Finanzsektor nur einen Bruchteil des heutigen Wertes wert. Anleger ziehen ihr Kapital von Immobilienfonds ab, einige Immobilienfonds haben bereits die Auszahlungen gestoppt. Hier droht ein erneuter Verlust, auf den die Bilanz der RBS nicht ausreichend vorbereitet sein könnte.

So brach der Aktienkurs in den Tagen nach dem Brexit von 3,25 EUR auf 1,77 Euro (-54%) ein. Nichts wird so bleiben wie es war, doch was wird werden? Dieser Fragestellung können Sie die maximale Verunsicherung der Anleger entnehmen und bevor man sich über mögliche Chancen des Brexits Gedanken macht, wird die Position lieber verkauft.
 

CHANCEN DES BREXITS


Ja, ich weiß, allein mit dieser Überschrift provoziere ich bereits die meisten Leser. Wie kann ich von Chancen sprechen, wo die Briten doch ganz bestimmt unter der Brexit-Entscheidung leiden werden?

Nun, die Chance habe ich bereits in der Wunschanalyse vor zwei Wochen aufgezeigt: Die Briten können sich nun um ihre eigene Konjunktur kümmern. Nicht mehr politisches Taktieren im Rahmen von EU-Fördermittelverteilung steht im Vordergrund, sondern lösungsorientierte Ansätze sind gefragt. Und da wären die Briten die letzten, die dafür nicht harte Einschnitte in Kauf nehmen würden, solange mittelfristig Besserung in Sicht ist. Sprich: Raus aus der seit Jahrzehnten andauernden Hängepartie der EU.

Kurzfristig wird es tiefe Einschnitte in die Wirtschaftsstruktur der Insel geben. Ich könnte mir vorstellen, dass die Arbeitslosigkeit kurzfristig stark ansteigt, dass die Briten in eine Rezession abrutschen und dass die Bank of England alle Hände voll zu tun haben wird, um die Wirtschaft am Laufen zu halten und Institute wie die RBS vor der Pleite zu bewahren.

Doch wie so häufig wird die Wirtschaft gestärkt aus dieser Phase hervorgehen und vielleicht schneller als die EU ein kräftiges Wachstum ausweisen. Schon in den vergangenen Quartalen stand Großbritannien konjunkturell durchgehend besser da als der Rest der EU.
 

KAPITALAUSSTATTUNG DER RBS AUSREICHEND


Für die RBS gibt es im Rahmen dieser von mir erwarteten Entwicklung nur eine wichtige Frage: Wird die RBS frisches Kapital benötigen?

Die Ratingagentur Moody's hat sich bereits festgelegt: Allein die Gewerbeimmobilienkredite machen zwei Drittel des materiellen Buchwertes aus. Diese Quote sei für große Banken zu managen, so das Urteil. Sie legte sich nicht fest, ob eine Kapitalerhöhung Teil des „managen" sein könnte, aber zumindest sieht Moody's keine Gefahr eines erneuten Bank Runs oder gar eine erneute Hilfsaktion der Regierung.

Die Eigenkapitalquote hat sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich verbessert und liegt inzwischen bei 6,5% (Deutsche Bank 4,1%, Commerzbank 5,5%). Die Kernkapitalquote (CET1) ist in den vergangenen Jahren von 8,6% auf nunmehr 14,6% angesprungen und liegt damit deutlich über der Zielgröße von 13%.

In den vergangenen zwölf Monaten hat die RBS in ihren neu definierten Kerngeschäftsfeldern kontinuierlich Marktanteile hinzu gewonnen. Das Volumen ausgereichter Kredite stieg um 13% an, Kreditanfragen sogar um 61%. Einher mit dem Kreditanstieg geht auch das Einlagenvolumen der Bank, das derzeit bei 423 Mrd. EUR liegt.

Für rechtliche Auseinandersetzungen und Entschädigungen im Rahmen unzähliger Verfahren – die RBS ist hier nicht viel besser als die Deutsche Bank – hat das Institut bereits 7,2 Mrd. Euro zurückgelegt. Dieser Betrag ist in den vergangenen Quartalen immer weiter angestiegen und durch den Brexit droht von dieser Seite her weiter Ungemach.
 

KURSVERLAUF


Noch vor einem Jahr stand die Aktie der RBS über 5 Euro. Der Kursrückgang war zunächst auf die schrumpfenden Margen zurückzuführen, bereits im vergangenen Herbst gab die Aktie um 20% nach, im Rahmen des Ausverkaufs zum Jahreswechsel rutschte die Aktie um weitere 20% ab.

Der Brexit hat nun auch den letzten verunsicherten Anleger aus der Aktie geschüttelt. Auch weitere Hiobsbotschaften wie beispielsweise eine erneute Erhöhung der Rückstellungen dürfte meiner Einschätzung nach vorerst kein neues Tief erzeugen.

Spekulativ ist vielmehr der Weg bis 2,75 Euro frei. In diesem Bereich befinden sich die alten Tiefstände, gleichzeitig würde eine Gegenbewegung des jüngsten Ausverkaufs um zwei Drittel die Aktie bis in diesen Bereich führen.

Was danach folgt, kann ich kaum abschätzen. Die Folgen des Brexits werden derzeit fieberhaft ausgerechnet, doch verlässliche Zahlen habe ich bislang noch nicht gesehen. Zunächst einmal dominiert derzeit die Politik, gestern zog Theresa May in die Downing Street ein und in den kommenden Wochen wird wohl zunächst sondiert, wie die einzelnen Interessenlagen überhaupt sind.

Langfristig jedoch dürfte der Kurs wieder ansteigen, denn die RBS betreibt inzwischen wieder mehr Kreditgeschäft und ist damit für die britische Konjunktur wichtig. Mit der Geld- und Konjunkturpolitik in der eigenen Hand werden die Briten relativ schnell wieder einen Wachstumspfad einschlagen und dem Bankensystem das Geldverdienen ermöglichen. Relativ schnell heißt hier jedoch: Binnen einiger Jahre. So viel Zeit müssen Sie mitbringen.

Wer jedoch langfristig in diese Aktie investieren möchte, der muss sich der Wechselkursentwicklung bewußt sein: die Briten werden ihre Wirtschaft durch ein schwaches Pfund unterstützen. Ein eventueller Kursgewinn der Aktie der RBS würde durch ein schwaches Pfund zumindest teilweise zunichte gemacht werden.
 

FAZIT


Aufgrund der maximalen Ungewissheit ist die Aktie der RBS maximal ausverkauft. Eine Gegenbewegung ist rein technischer Natur und könnte bis 2,75 Euro laufen. Je nachdem, wie sich die Ungewissheit in den kommenden Monaten ausläuft, ist die weitere Kursentwicklung völlig offen. Neue Tiefstkurse jedoch sind im Rahmen der Neuorientierung der Briten unwahrscheinlich.

Die Chance liegt in der langfristigen Entwicklung, da die RBS ein wichtiger Bestandteil der britischen Konjunkturentwicklung ist. Ohne einen funktionierenden Kreditsektor gibt es kein Wachstum. Doch der dadurch zu erwartende Kursanstieg der RBS-Aktie könnte durch ein parallel schwaches Pfund aufgezehrt werden. Zudem wird die britische Regierung höhere Kurse zum Verkauf ihrer Anteile nutzen und damit auf absehbare Zeit den Kurs drücken.

Für mich ist diese Aktie also höchstens eine kurzfristige Spekulation wert.

 

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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