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Veröffentlicht von Redaktion "Geldbrief" am 06.04.2010

Recht vertraulich: fragwürdige Dividenden-Euphorie!

Recht vertraulich: fragwürdige Dividenden-Euphorie!

Pünktlich zur aktuellen Dividendensaison fokussiert sich die Berichterstattung in den Finanzmedien auf das Thema Ausschüttungsrendite, stetiges Dividendenwachstum und damit verbundene Dividendenrenditestrategien, mit denen man - grob vereinfacht - langfristig bei geringerem Risiko höhere Aktiengewinne erzielen könne. Grösster Beliebtheit erfreut sich dabei insbesondere die so genannte „Dogs-of-the-Dow-Strategie“, von der es schon diverse Varianten gibt: Man nehme hiernach möglichst Blue Chips aus Qualitätsindizes mit den jeweils höchsten Dividendenrenditen.

Die besten Dividendentitel unterzieht man alsdann einer weiteren Prüfung, indem aus den zehn höchstrentierenden Dividendentiteln die fünf Aktien mit dem niedrigsten KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis) ausgewählt werden. Zumindest in der Theorie klingt das ja auch irgendwie verlockend und erfolgversprechend. Theorie und Praxis: Leider funktionieren solche Dividendenstrategien nicht (mehr) - um das Ergebnis vorwegzunehmen. Richtig ist, dass man mit dieser Dividendenstrategie in den 1970-er und 1980-er Jahren erfolgreich sein konnte. In den 1990-er Jahren fiel bereits die Outperformance erheblich geringer aus. Und in den Jahren seit 2002 entwickelte sich ein Dogs-of-the-Dow-Depot per Saldo schlechter als der jeweilige Referenzindex wie der Dow-Jones-Index. Vereinfacht gesagt gab es vor 30 Jahren tatsächlich so genannte Marktanomalien, aber eben die werden - sobald erkannt - durch den Wettbewerb unter den Investoren um höhere Renditen beseitigt oder noch anschaulicher beschrieben: Es sind einfach zu viele Wölfe da, die alle um dasselbe freie, übersichtliche Feld lauern. Zumindest das ist eben auch die Aussage der nobelpreisgekrönten Efficient-Market-Theory (EMT), die (so umstritten neuerdings auch wieder einzelne Thesen im Lichte der aktuellen „Finanzkrise“ sein mögen oder auch nicht!) jedenfalls insoweit stimmt. Meist hilft bereits der gesunde Menschenverstand: Im Prinzip ist ohnehin erstaunlich, warum Anleger immer wieder dem vermeintlichen Reiz hoher Dividenden erlegen sind. Die Dividende, so heisst es gerne, sei quasi so etwas wie ein Airbag. Sollte der Kurs während der Haltezeit nachgeben, so könne dann doch zumindest ein Teil der Kurseinbussen durch die "Gewinn-Ausschüttung" (Dividende) ausgeglichen werden. Diese Airbag-These ist zumindest vom Grundsatz her Unsinn. Denn man kann es drehen und wenden wie man will: Genau das Geld, das den Aktionären per ausgeschütteter Dividende zufliesst, fehlt in genau identischer Höhe dem Unternehmen, das diese Dividende gezahlt hat. Insoweit gilt, leider: Linke Tasche, rechte Tasche, und dazwischen hängt noch der Finanzminister. Hohe Renditen als Warnsignal: Oft ist es auch so, dass hohe Dividendenrenditen auf dem Papier nur dadurch entstanden sind, dass der Aktienpreis zuvor (extrem) gefallen ist, was ja wiederum seine Gründe hat. Die auch insoweit „effizienten“ Märkte reagieren schneller als die zumeist noch in besseren Zeiten erfolgte Dividendenschätzung. Bedenklich ist auch die These, wonach stetiges Dividendenwachstum nur von Firmen gestemmt werden könne, deren Geschäfte auch wachsen. Man nehme insoweit die Deutsche Telekom: Hier wird vermutlich wieder einmal eine hohe Dividende (0.78 Euro) ausgeschüttet, was bei Kursen um 10.00 Euro einer Dividendenrendite von fast 8 % entspricht. Es bedarf allerdings schon viel Fantasie, um die stetigen Telekom- Dividenden mit (erwartetem) hohem Wachstum zu rechtfertigen. Weniger wohlwollend liesse sich auch sagen, dass die Deutsche Telekom gerade wegen fehlender Wachstumsprognosen und damit verbundener Kursfantasie in hohen Dividendenausschüttungen die einzige Möglichkeit sieht, ihre Aktionäre bei Laune zu halten. Und, merke, Dividenden kommen nicht immer aus Gewinnen, sondern gelegentlich auch aus der Substanz! Im übrigen (siehe zuvor) ist Deutsche Telekom ein anschauliches Beispiel für „linke Tasche, rechte Tasche“. Die extremen Ausschüttungen fehlen dem Unternehmen, und (auch) deswegen kommt der Telekom-Kurs wohl nicht vom Fleck. Also Vorsicht, wenn aktuell in den Finanzmedien wieder das Loblied auf hohe Dividenden und Dividendenstrategien gesungen wird. Verbleibt die Frage, warum diese Strategien weltweit und tagtäglich immer wieder neu propagiert werden. Klare Antwort: Weil diejenigen, die sie (meist wider besseres Wissen) propagieren, davon profitieren. Die Finanzmedien brauchen nun einmal solche Stories. Und viele junge Schreiber verstehen nicht einmal richtig, worüber sie berichten. Natürlich profitiert die Finanzindustrie unmittelbar, denn letztlich motivieren solche aktiven Anlagestrategien zu intensiven Trading mit Einzelaktien - und das ist für die Finanzindustrie allemal besser als sinnvolle Langfristiganlagen wie z.B. optimierte Buy-and-Hold-Strategien.

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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