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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 17.04.2015

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 17.04.2015:

Börsenbrief Heibel-Ticker
Heibel-Ticker

Stephan Heibel - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit März 2000

NXP Semiconductors - Internet der Dinge zu Hause und im Auto

Ob Chips für Apple Pay, für das Infotainmentsystem im Auto oder für die Kommunikation von Haushaltsgeräten, die niederländische NXP hält den Schlüssel zu Kommunikation des Internets der Dinge in der Hand. Das Wachstum des Unternehmens ist exorbitant, das Bewertungsniveau ist günstig, doch die Vorbehalte gegenüber dem Internet der Dinge sind noch groß. Eine lukrative Spekulation für Anleger mit guten Nerven.

INTERNET DER DINGE ZU HAUSE UND IM AUTO

Das niederländische Halbleiterunternehmen gilt als führendes Unternehmen in der Nahfeldkommunikation (NFC) und liefert Chips für die Apple Pay-Abwicklung, für diverse Smart-Home Lösungen bis hin zu Infotainment-Systemen in Autos. Nahfeldkommunkation ist dabei die umständliche Beschreibung des Austauschs von Informationen per Funk über kurze Entfernungen.

Dabei wird unterschieden, ob Informationen einfach von einem passiven Chip ausgelesen werden, wie dies beispielsweise über die RFID-Chips auf Lebensmitteln bereits praktiziert wird, oder aber ob zwei intelligente Systeme miteinander kommunizieren, wie eben bei Apple Pay beispielsweise. Der grobe Oberbegriff für diese Kommunikation zwischen ... ja: Dingen lautet „Internet der Dinge".

Für das intelligente Zuhause entwickelt NXP Kommunikationsmöglichkeiten auf Bluetooth-Basis, die Glühbirnen und Kühlschränke Werte austauschen und Informationen über das heimische WLAN ins Internet schicken lassen ohne dabei Hackern die Möglichkeit zu eröffnen, über diese Bluetooth-Verbindungen ins heimische WLAN einzubrechen. Gleichzeitig wird die Kommunikation diverser Hausgegenstände organisiert, sodass die Datenflut minimiert wird.

Fürs Auto wird die Reichweite der RFC-Chips erweitert bei gleichzeitigem Ausbau der Verschlüsselungstechniken, um so eine sichere Kommunikation eines Autos beim Vorbeifahren beispielsweise bei Maut-Stellen zu ermöglichen, oder aber darüber auch Parktickets und andere einmalig gültige Zugangskontrollen abzuwickeln.

Die Kommunikation des Autos mit seiner Umgebung geht soweit, dass in Singapur nun die Innenstadt in einem Pilotprojekt mit NXP dahingehend aufgerüstet werden soll, dass ein System stets weiß, welches Auto wo steht oder fährt und dadurch Staus umgeht, für Rettungswagen den schnellsten Weg kalkuliert und Unfälle zu vermeiden hilft. Unvorstellbar für das Land des Datenschutzes Deutschland, doch eine Entwicklung, die sich weltweit nicht aufhalten lassen wird.

Damit verfügt NXP über Technologien, die in den wesentlichen Bereichen des Internets der Dinge eingesetzt werden: Zu Hause, im Auto, zur Bezahlung per Smartphone, Smartwatch, also Wearables überhaupt bis hin zu medizinischen Lösungen oder auch für die Luftfahrt.


ZWEITEILUNG DER IT-WELT IN ZUKUNFT UND LANGWEILIG

Noch vor einem Jahr wurde an der Börse die Renaissance der Personal Computer, der PCs, gefeiert. Intel, als auch Micron und Qualcomm, die besten Chiphersteller für PCs, sahen ihre Kurse um bis zu 100% anspringen. Nach mehreren Jahren mit schwachen Wachstumsraten in der Computerbranche hatten sich die Hersteller darauf eingestellt und ihre Produktionskapazitäten drastisch reduziert. Dann kam plötzlich wieder Nachfrage auf, vermutlich durch das neue Windows 8 getriggert, und plötzlich sprangen die Chippreise in diesem Segment an.

Auch Flash-Memorykönig SanDisk und die beiden Festplattenhersteller Seagate und Western Digital erlebten plötzlich einen heftigen Nachfrageaufschwung, und der Abgesang des PCs wurde unterbrochen. Touchpads stießen an ihre Wachstumsdecke, also ist der PCs vielleicht doch noch ein wichtiges Arbeitsgerät, so die für mich nicht überraschende Erkenntnis.

Doch schauen Sie sich die obigen sechs Aktien einmal an: In diesem Jahr haben sie alle 10% oder mehr abgegeben. Von der Renaissance des vergangenen Jahres ist nichts mehr geblieben.

In diesem Jahr stoßen auch Software und Hardwarehersteller sowie Cloud-, Social- und Mobile-Unternehmen an ihre Grenzen – zumindest was die Aktienkursentwicklung angeht. Weder Facebook, noch salesforce.com oder Yelp, aber schon gar nicht HP oder Oracle können an die Erfolge des vergangenen Jahres anschließen.

Schauen Sie sich hingegen Unternehmen an, die irgendwie mit dem Internet der Dinge in Verbindung gebracht werden, dann sehen Sie plötzlich Kursexplosionen: Skyworks, Qorvo, Spansion und Avago Technologies heißen die neuen Highflyer der Technologiebranche, von denen der eine oder andere vielleicht zum Intel von morgen wird. Das Internet der Dinge regt die Phantasie der Entwickler an und damit auch die Phantasie der Anleger.


ÜBERNAHME VON FREESCALE FÜR 15 MRD. EUR

NXP Semi ist als zweitgrößter europäischer Halbleiterkonzern (hinter Infineon) tief in der Automobilindustrie verwurzelt. Und als Ausgründung aus dem Philips-Konzern hat NXP natürliche Verbindungen zur Beleuchtungsautomatisierung in Häusern bis hin zu diversen Haushaltsgeräten.

Das Internet der Dinge ist derzeit noch eine technologische Herausforderung: Reichweite der unkomplizierten Nahfeldkommunikation, Sicherheit und Optimierung der Datenübertragungsmengen sind derzeit Kern der Forschung, bevor sich in den kommenden Jahren Lösungen umsetzen lassen, an die wir heute vermutlich nicht einmal denken können.

Vor wenigen Wochen hat NXP die Übernahme von Freescale bekanntgegeben, einem US-Unternehmen, das besonders im intelligenten Auto zum Einsatz kommt. Damit hat NXP den Fokus eindeutig auf den Automobilsektor gelegt, doch da sich das Internet der Dinge noch auf dem Entwicklungsstand befindet, auf dem technologische Weiterentwicklungen erforderlich sind, kann NXP es vielleicht geschickt anstellen und die gefundenen Lösungen in andere Bereiche transformieren.


SOLIDES BEWERTUNGSNIVEAU BEI FULMINANTEN WACHSTUMSAUSSICHTEN

Für die nächsten fünf Jahre wird ein jährliches Gewinnwachstum von 26% erwartet. Werte über 20% kennzeichnen einen absoluten Wachstumsmarkt, solche Märkte findet man selten. Das KGV 2016e von NXP beträgt nur 15. Für Wachstumsunternehmen lasse ich KGVs von bis zu dem zweifachen Gewinnwachstum gelten, in diesem Fall also 26 x 2 = 52. Das würde ein Kurspotenzial von 250% bedeuten. Hmmm, habe ich da was übersehen?

6,3 Mrd. USD Jahresumsatz werden mit einer Marktkapitalisierung von 25 Mrd. USD belegt, das entspricht einem Kurs/Umsatz-Verhältnis (KUV) von 4. Das ist sportlich, aber für Wachstumsunternehmen nicht ungewöhnlich. Die Nettoverschuldung liegt bei 2,5 Mrd. Euro und ist rückläufig. Damit kann ich kein Haar in der Bilanzsuppe finden.

Gemeinsam mit Freescale wird der Jahresumsatz bei etwa 10 Mrd. Euro liegen und das gemeinsame Unternehmen wird eine Marktkapitalisierung von 40 Mrd. Euro auf die Waagschale bringen. Da bleibt das Verhältnis erhalten. Freescale hat im Verhältnis ein wenig mehr Schulden, dafür aber eine etwas niedrigere Bewertung. Gewinnmarge und Wachstumsgeschwindigkeit bleiben hinter der von NXP zurück, doch qualifizieren Freescale noch immer als absolutes Wachstumsunternehmen mit attraktiver Profitabilität.

Am Tag der Bekanntgabe der Übernahme von Freescale Ende Februar sprang der Kurs von NXP um 20% an. Normalerweise fällt der Kurs des übernehmenden Unternehmens bei einer Übernahme, weil die Aktionäre eine Verwässerung ihrer Gewinnanteile fürchten. Doch diese Übernahme hat offensichtlich den Schleier von der Branche des Internets der Dinge genommen und Anlegern wurde bewusst, welche Chancen dort zu finden sind.

Für mich ist der Kurssprung am Tag der Übernahme ein Indikator dafür, dass Anleger die Chancen des Internets der Dinge für Unternehmen wie NXP nach wie vor klar unterschätzen.


KALKULATION FÜR GEMEINSAMES UNTERNEHMEN MIT SPITZEM BLEISTIFT

Okay, Sie haben gemerkt, aus der üblichen KGV und Wachstumsbetrachtung komme ich nicht zu einem verlässlichen Urteil. Kalkulieren wir also einmal etwas genauer, wie das gemeinsame Unternehmen NXP - Freescale nach einer erfolgreichen Integration Ende 2016 dastehen würde.

Der Umsatz wird bei 11,91 Mrd. USD liegen, die Marktkapitalisierung bei aktueller Bewertung bei 37,07 Mrd. USD. Das KUV wird dann also bei 3,1 stehen, deutlich niedriger als die heutigen 4.

Beide Unternehmen notieren auf einem KGV 2016e von 15, dadurch wird das KGV des gemeinsamen Unternehmens ebenfalls bei 15 liegen. Zu erwarten sind weniger Kosteneinsparungen als vielmehr erweiterte Absatzmöglichkeiten der komplementären Produktpaletten, was das Umsatzwachstum beschleunigen und dadurch die Profitabilität positiv beeinflussen dürfte.

Allerdings wächst der Gewinn von Freescale derzeit „nur" mit 15% p.a., ist derzeit jedoch nur halb so hoch wie der von NXP. Das gemeinsame Unternehmen wird den Gewinn also mit über 20% anwachsen lassen, wodurch sich das oben angegebene maximale KGV von 52 auf 40 vermindert. Na, immerhin.

Doch von 15 bis 40 gibt es noch immer einen weiten Weg, und ich vermute, dass dieser Weg im Laufe des laufenden Jahres eingeschlagen wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass NXP noch lange mit einem KGV unter 20 zu haben sein wird.


FAZIT:

Wir haben hier die neue Hype-Branche: Das Internet der Dinge. Dort finden sich Wachstumsraten wie in derzeit keiner anderen Branche. Natürlich sind solche Wachstumsbranchen stets besonderen Risiken ausgesetzt, die Datensicherheit wird zu einem großen Hemmschuh werden, zudem gibt es extrem große Berühungsängste der Menschen, und damit der späteren Kunden, mit einem System, in dem die Dinge miteinander kommunizieren, Ersatzteile bestellen, Fahrtrouten ändern oder Geld abbuchen, ohne dass der Mensch dies überhaupt mitbekommt, geschweige denn bestätigen muss.

Ich erwarte also nicht einen reibungslosen Siegeszug dieser Unternehmen. Wer in Aktien wie NXP investiert, wird heftige Kursrückschläge sowie fundierte Kritik aushalten müssen. Doch über den Zeitraum von zwei bis drei Jahren dürfte diese Aktie viel Spass für ein Wachstumsportfolio bereiten.
 

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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