Notenbanken diskutieren Ende der Liquiditätsflutung

Stephan Heibel
Veröffentlicht von Stephan Heibel am 16.05.2013
Dies ist eine exklusive Leseprobe von:

Heibel-Ticker Börsenbrief

Dreizehn Jahre lang haben Aktionäre lernen müssen, dass man am Ende an der Börse stets mit einem heftigen Einbruch rechnen muss. Das Klettern von Hoch zu Hoch ist für Anleger, die in den vergangenen dreizehn Jahren an die Börse gekommen sind, immer mit der Gewissheit verbunden, dass die erzielten Gewinne früher oder später wieder abgegeben werden.


Nehmen Sie Siemens zum Beispiel

Die Aktie kostet 80 Euro. Das war schon 1999 so, das war auch 2001 wieder so, 2006, 2008, 2010 und seither jedes Jahr so. Man hat sich dran gewöhnt. Wer also bei 80 Euro kauft, der muss ein Zocker sein, so die logische Schlussfolgerung der Anleger die noch nie eine Zeit miterlebt haben, in der Unternehmensbewertungen nachhaltig anstiegen.

Doch ich denke, wir befinden uns mitten in einem solchen Prozess. Es gibt kaum Alternativen zu Aktien. Siemens beispielsweise bietet eine Dividendenrendite von 3,6%, also auch nach Steuern mehr als das Doppelte einer vermeintlich sicheren Staatsanleihe. Und gleichzeitig sind die Unternehmen heute schlanker denn je, globaler denn je, und die Bilanzen sind sauberer denn je. Die Eurokrise ist aus den Schlagzeilen verschwunden. Die alte Börsenweisheit "Sell in May and go away" (verkaufe im Mai und kehre der Börse den Rücken) könnte sich in diesem Jahr als Fehler herausstellen.

EZB Chef Super Mario hat diese Woche erstmals offen über die Sorge vieler Menschen in Europa gesprochen, dass die Liquiditätsmaßnahmen unerwünschte Nebeneffekte haben könnten. Die EZB werde solche Effekte genau beobachten und gegebenenfalls gegensteuern, sagte er. Vor wenigen Wochen noch war die Marschrichtung: Egal, was für Nebeneffekte auftreten, Europa braucht mehr Liquidität um nicht im Chaos zu enden. Ich würde die Worte Draghis als Einstieg in den Ausstieg werten.

Ganz ähnliche Töne sind aus den USA zu hören, wo ebenfalls über das Ende der Liquiditätsmaßnahmen gesprochen wird.

Ein Leitzins unter 3% gilt als stimulierend für die Wirtschaft

Wir sind bei 0,5% (Europa) und 0% (USA), und wir reden gerade einmal vom Ende der Ausweitung der Liquiditätsflutungen. Wir werden noch eine lange Zeit die stimulierende Wirkung erleben, doch was Anleger und Wirtschaft Sorgen macht, ist die Gefahr, dass die Notenbanken zu spät die Liquiditätsflutung zurückfahren könnten. Ich vermute, dass erste Schritte (Beendigung des einen oder anderen Liquiditätsprogramms) von Wirtschaft und Börse positiv aufgenommen werden. Sie werden als Bestätigung aufgefasst, dass es der Konjunktur gut genug geht um ohne auszukommen.

Es ist wahr: Die Börse nimmt häufig künftige Ereignisse vorweg. Und ich gehe davon aus, dass die Rallye lange vor Erreichen eines Leitzinses von 3% beendet sein wird. Vielleicht neun Monate zuvor, vielleicht anderthalb Jahre. Doch noch ist nicht einmal eine erste Zinserhöhung in Sicht, und wie eingangs gesagt: Ein Leitzins unter 3% wirkt stimulierend, und so werden wir noch eine Zeitlang eine gute Börsenstimmung haben...

...es sei denn - ja, leider muss ich hier eine Bedingung einfügen - es sei denn, wir erleben erneut wirtschaftliche Probleme in Europa zwischen Nord und Süd. Die Niedrigzinspolitik der EZB hat den Club-Med Ländern einen Zeitpuffer geschenkt. Doch irgendwann wird auch die EZB ohne neue Munition dastehen, und wer dann seine Hausaufgaben noch immer nicht gemacht hat, der muss politische Prozesse ohne Hilfe der Geldpolitik mit der Brechstange umsetzen. Und ich fürchte, wir werden dies bei dem einen oder anderen Euroland erleben.

Die Ankündigungen der EZB und der Fed sind also in erster Linie so zu werten, dass der Druck auf die Politik erneut erhöht wurde.

Schauen wir einmal, wie sich die wichtigsten Indizes in dieser Woche entwickelt haben:

WOCHENPERFORMANCE DER WICHTIGSTEN INDIZES

Der DAX klettert von Rekord zu Rekord

Der Dow Jones ist schon lange Stammgast auf der Allzeithoch-Liste. In den USA haben wir "grid lock" - eine Patt-Situation zwischen Kongress und Senat, sodass Obama keine wichtige Entscheidung durchbringen kann. Und in Deutschland bereitet sich Angela Merkel langsam auf die Bundestagswahlen vor und lässt die Leine für die EZB und die Maastricht-Kriterien ein wenig lockerer, sodass plötzlich der Sparzwang nachlässt, was sich positiv auf die Konjunktur auswirken wird.

Und eine gute Konjunktur braucht Angela Merkel für die Wiederwahl: Es ist bekannt, dass Kanzler egal welcher Couleur eher wiedergewählt werden, wenn die Konjunktur brummt. Ich nehme an, Angela Merkel geht davon aus, dass dies auch für KanzlerInnen gilt ;-)

Es hat sich in den vergangenen Wochen immer wieder ein gleichbleibendes Muster gezeigt: Unternehmen haben frühzeitig vor einem schwachen Konjunkturstart in das Jahr 2013 gewarnt. So halten sich die positiven Überraschungen bei der Umsatzentwicklung auch tatsächlich in Grenzen. Auch die Prognosen sind überwiegend verhalten, da in so ungewissen Zeiten kaum ein Vorstand die Notwendigkeit hat, sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen.

Doch die Gewinnentwicklung war bei vielen Unternehmen überdurchschnittlich gut, überdurchschnittlich im Vergleich zur Umsatzentwicklung. Und die gute Gewinnsituation wird genutzt, um die Bilanz in Ordnung zu bringen. Die Eigenkapitaldecke der Unternehmen ist deutlich angestiegen, die Cash-Reserven sind auf Rekordniveau.

Wir notieren also auch im DAX auf Rekordniveau, doch anders als 2000 oder 2007, als dieses DAX-Niveau zum ersten oder zweiten Mal erreicht wurde, sind die Bewertungen der Unternehmen diesmal moderat und die Bilanzen solide. Von Überhitzung kann ich noch nicht viel sehen.

In Kapitel 05 zeige ich Ihnen zwei Unternehmen, deren Bewertung Überhitzungsmerkmale aufzeigt: Tesla und Amazon. Mal sehen, was der Grund für die augenscheinliche Überhitzung ist.

 
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