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Veröffentlicht von CURT L. SCHMITT Informationsdienste am 23.02.2012

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 23.02.2012:

Börsenbrief Frankfurter Börsenbrief
Frankfurter Börsenbrief

CURT L. SCHMITT Informationsdienste - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit Januar 1954

Mosaik-Steinchen einer großen Rebalancierung im Welthandel.

Immer wieder tauchen die globalen Ungleichgewichte in den Medien auf, besonders die hohe Diskrepanz im Handel zwischen China (Überschuss) und den USA (Defizit) als klassischer Nährboden für protektionistische Forderungen. Doch die Waffen werden stumpfer. Eine Reihe von kleinen Einzelmeldungen deuten auf tektonische Veränderungen hin, die man derzeit noch kaum auf dem Radarschirm hat, die aber eine extreme Kette von Konsequenzen in sich tragen.

 

Ein jüngeres Schlaglicht ist Japan, wo es in 2011 erstmals seit über 30 Jahren ein Handelsdefizit gab. Dies lag sicherlich auch an verschiedenen Sonderfaktoren (Erdbeben / Atomkatastrophe sowie Auswirkungen der Thailand-Flut), gleichwohl ist es bemerkenswert. Denn der bisher typische Leistungsbilanzüberschuss war ein weiches Polster für die gigantische Staatsverschuldung des Landes. Diese liegt derzeit bei etwa 196,1 % der Wirtschaftsleistung und ist wohl nur deshalb zu den aktuellen Mini-Konditionen zu finanzieren, weil das Gros der Staatsverschuldung (nämlich etwa 95 %) bei japanischen Investoren liegt. Die demographische Entwicklung deutet an, dass dieses Polster langfristig dünner wird. Denn mit einer zunehmenden Vergreisung der Bevölkerung sinkt tendenziell auch die inländische Sparfähigkeit und entsprechend steigt die Abhängigkeit von „ausländischer Sparleistung“. Nach einer langen Serie von Überschussjahren zeigte die japanische Leistungsbilanz in 2011 ein Defizit von 2,49 Billionen Yen oder umgerechnet ca. 31 Mrd. Dollar. Sollten sich also Defizite Japans verfestigen, steigt die Anfälligkeit japanischer Staatsanleihen und damit gegebenenfalls auch das Zinsniveau, das Anleger angesichts des hohen Verschuldungsniveaus einfordern.

Veränderte Gewichtung auch in China. Nach Einschätzung des IWF hat sich der Leistungsbilanzüberschuss von China im letzten Jahr von vorher 305,4 Mrd. Dollar auf 201,1 Mrd. Dollar ermäßigt. Das ergäbe in Relation zur Wirtschaftsleistung eine Quote von 2,7 %. Es ist erst wenige Jahre her, dass diese Größe bei etwa 10 % des BIP lag. Natürlich ist dies im Kontext der deutlich gestiegenen Wirtschaftsgröße zu sehen. Gleichwohl ist damit angedeutet, dass die chinesische Wettbewerbsfähigkeit angesichts teils massiv steigender Lohnkosten in der Grundtendenz schwächer wird. Indikativ ist in dem Zusammenhang auch, dass die chinesischen Fremdwährungsreserven im Schlussquartal 2011 auf Quartalsbasis erstmals seit 1998 rückläufig waren. Nach einem Fremdwährungs-“Mount Everest“ von 3,27 Billionen Dollar per Ende Oktober 2011, ergab sich per Jahresende ein Stand von 3,18 Billionen Dollar (und damit ein Rückgang von grob 90 Mrd. Dollar im November/Dezember). Dahinter ist ein schlicht reduzierter Aufwertungsdruck des chinesischen Renminbi zu vermuten und demzufolge auch weniger Bedarf für die Notenbank, über Fremdwährungskäufe die eigene Währung zu schwächen. Denn die würde bei einem Leistungsbilanzüberschuss in den früheren Größenordnungen grundsätzlich aufwerten.

Doch die entscheidende Weichenstellung erfolgt in den USA. Das Leistungsbilanzdefizit der Amis lag in 2006 bei gigantischen 800 Mrd. Dollar oder etwa 6 % der Wirtschaftsleistung. Diese Größe hat sich inzwischen auf etwa 3 % der Wirtschaftsleistung reduziert. Die Wahrnehmung, dass die USA mehr konsumieren als sie exportieren, ist stark verkürzt, weil ein erheblicher Teil der amerikanischen Wirtschaftsleistung über eine ausländische Produktion eben nicht im Inland erfolgt und somit verfälschend als Import in der Leistungsbilanz auftaucht. Doch abseits dieser Fehlwahrnehmung ergab sich ein erheblicher Teil des amerikanischen Importüberhangs auch aus Energie-Importen. Diese machten bisher pro Jahr netto grob 300 Mrd. Dollar aus. Doch mit den besseren Abbaumöglichkeiten des erheblichen Vorkommens an Schiefergas sinkt die Abhängigkeit der USA von derartigen Importen. Wenn die technologischen Abbaumöglichkeiten weiter verbessert werden, könnten die USA zu einem Nettoexporteur von Öl werden. Für die Leistungsbilanz des Landes wäre dies wohl ein grundsätzlicher Vorzeichenwechsel. Denkbar erscheint sogar, dass aus der jetzt noch defizitären Leistungsbilanz ein Überschuss wird. Damit wären die USA gewissermaßen wieder da, wo man gegen Anfang der 90er Jahre war. Rechnet man dann noch hinzu, dass ein Teil der Importe nur die Folge von Produktionsverlagerungen sind („billige Werkbank“), dann könnte aus dem Sünder USA perspektivisch ein absoluter Kraftprotz werden. 

 


Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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