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Veröffentlicht von CURT L. SCHMITT Informationsdienste am 15.09.2011

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 15.09.2011:

Börsenbrief Frankfurter Börsenbrief
Frankfurter Börsenbrief

CURT L. SCHMITT Informationsdienste - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit Januar 1954

Mit der neuen Tonlage aus der deutschen Politik sind die Märkte der Realität ein Stück näher gekommen

Damit dürfte ein Moratorium Griechenlands keine Frage sein von „ob“, sondern von „wann“ und „wie“. Eine Pleite Griechenlands wäre ein wichtiger Präzedenzfall: Wenn man im Falle von Griechenland keine Lösung finden konnte, dann wäre dies im Falle von Spanien oder Italien noch unwahrscheinlicher. In dem Falle muss es noch nicht mal spekulative Attacken auf einzelne Länder geben. Eine simple Fortsetzung des Käuferstreiks reicht aus. Italien ist kurzfristig über den Markt nur noch unzureichend bzw. zu ungünstigen Konditionen zu refinanzieren. Selbst inkl. des „Quantitative Easing“ der EZB lassen sich italienische 10-Jahresrenditen nicht unterhalb von 5 % halten. Bei der jüngeren Emission von Staatsanleihen war die Nachfrage so schwach, dass sogar fünfjährige Papiere auf eine Rendite von ca. 5,6 % kamen.

 

Die EZB wird letztlich nicht umhinkommen, die Stützungskäufe massiv zu erhöhen. Der Abgang von Jürgen Stark (nach dem Rücktritt des früheren Bundesbank-Chefs Axel Weber) ist entsprechend folgerichtig, denn die EZB entfernt sich immer mehr vom stabilitätsorientierten Grundmodell der Bundesbank. Das Eurosystem der Zentralbanken (ESZB) sitzt derzeit auf Staatspapieren im Volumen von etwa 143 Mrd. €. Damit ist diese Position bereits jetzt deutlich größer als der Posten „Kapital und Rücklagen“ (Volumen 81,5 Mrd. €). Doch das bisherige Tempo der Stützungen reicht nicht aus, um die Renditen wirklich im Griff zu haben. Auch ist das Handeln zu unentschlossen, um dem Markt ein Sicherheitspolster zu bieten. In dieser Gemengelage ist eine Rückkehr privaten Kapitals in die Problemländer zunächst sehr unwahrscheinlich.

Gelingt die Stabilisierung nicht, dann werden europäische Banken wieder mal zu einem Spiel auf dünnem Eis. Die Märkte haben den Daumen bereits nach unten gedreht: Bei einem Bloomberg-Index für 46 Kreditinstitute zeigte sich in jüngerer Zeit eine Buchwert-Bewertung von gerade mal 58 %. Damit ergab sich jüngst das niedrigste Bewertungsniveau im obigen Bankenindex seit dem Lehman-Tief im März 2009. Anders ausgedrückt: Der Markt unterstellt, dass grob 40 % der Banken-Aktiva wertlos sind. Würden die 90 Stresstest-Banken ihre Engagements in Griechenland, Portugal, Irland, Italien und Spanien komplett auf Marktwerte abschreiben, dann hieße das nach Schätzung von Nomura eine Kapitallücke von 350 Mrd. €, also deutlich mehr als die vom IWF in den Raum gestellten 200 Mrd. €. Im besonderen Schussfeld sind die Franzosen: BNP, Société Générale und Crédit Agricole stehen zusammen für etwa 57 Mrd. Dollar an griechischen Staatsanleihen, was sich mit 34 Mrd. Dollar für die größten deutschen Institute und 14 Mrd. Dollar für britische Banken vergleicht. Die Herausforderung liegt nicht nur in der Solvenz, sondern auch in der Liquidität. Insbesondere scheint abseits der EZB-Refinanzierung die Versorgung mit Dollar gestört, US Geldmarktfonds scheinen den Hahn zumindest teilweise abgedreht zu haben. Der Interbankenmarkt zeigt Stresssymptome, ablesbar an der hohen Nutzung der Einlagenfazilität bei der EZB. Kommt es zum Fall der Fälle, wird Paris wohl in die Bresche springen. Dies ist nachvollziehbar, dürfte aber auch bedeuten, dass das Triple A-Rating von Frankreich auf den Prüfstand gesetzt wird. Letztlich würde dies auch das Gewicht für Deutschland als den wichtigsten und bonitätsmäßig besten Garantiegeber schwächen. Der Schwächeanfall des Euro passt gut in den Rahmen.

Die Umsetzung von Basel III erhält damit einen großes Fragezeichen. Viele Banker dürften sich nur zu gerne an die kritischen Töne von Jamie Dimon, Chef von JP Morgan Chase, anlehnen. Die US-Banken hatten bereits das „bürokratische Monster“ Basel II eher halbherzig begleitet. Basel III sieht ein Kernkapital von 7 % der risikogewichteten Aktiva vor, bei systemrelevanten Instituten kommen noch mal 2,5 % on top. Außerdem sollen Banken in der Lage sein, alle Zahlungsverpflichtungen für mind. einen Monat darzustellen. Zu dem Zweck soll Kapital leicht handelbar angelegt sein, z.B. in Tripe A-Staatsanleihen. Dabei wird das AAA-Universum derzeit immer kleiner. Kippt Basel III, könnte das für die Banken zumindest eine gewisse Pause bringen. Längerfristig aber muss die Reise weiterhin dahin gehen, das Kapital zu stärken und das Exposure gleichzeitig herunterzufahren, also ein echtes Deleveraging. 

 


Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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