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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 17.06.2016

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 17.06.2016:

Börsenbrief Heibel-Ticker
Heibel-Ticker

Stephan Heibel - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit März 2000

Microsoft - Wunschanalyse mit wolkenverhangener Zukunft

Diese Woche hat Microsoft seine bislang größte Übernahme bekannt gegeben: Mit LinkedIn möchte der Konzern die professionelle mit der sozialen Cloud zusammenführen. In der heutigen Wunschanalyse zeige ich, was das genau bedeutet und analysiere die Erfolgschancen dieses mutigen Vorhabens. Ich halte die Strategie für sinnvoll, dennoch brauchen Sie die Microsoft-Aktie nicht überstürzt zu kaufen.

AUF DER SUCHE NACH WACHSTUM

PCs müssen entweder für ganz spezielle Anforderungen Höchstleistungen erbringen, dieser Markt ist sehr klein, oder aber lediglich E-Mail und Internet können, dieser Markt ist sehr billig. Die Zeiten des ungestümen Wachstums von PCs und Laptops sind vorbei, Smartphones und Tablets übernehmen immer mehr Aufgaben. Und in diesem Bereich konnte Windows Mobile nicht wirklich Fuß fassen. Das Abenteuer mit Nokia führte ebenfalls zu nichts.

Wer spielt, der hat bereits eine Xbox im Keller stehen. Excel und Word kauft sich der private Anwender einmal als Office-Paket und nutzt es dann für zehn Jahre. Wachstum kann Microsoft nur noch im Geschäft mit anderen Unternehmen generieren, im B2B-Bereich. Hier spielt Office 365 eine wichtige Rolle, Excel und Word aus der Cloud.

In diesem Zusammenhang ist die Übernahme von LinkedIn zu sehen: Microsoft hat am Dienstag bekannt gegeben, LinkedIn für 26,2 Mrd. USD zu kaufen, ein Aufschlag von 50% auf den Marktwert von LinkedIn vom Vortag. Microsoft-Chef Nadella bezeichnete in einem TV-Interview die Übernahme so: „Die Unternehmenscloud wird mit der sozialen Cloud zusammenwachsen". Dieser Satz zeigt das Kalkül des Microsoft-Chefs und ich werde in dieser Analyse untersuchen, was genau er damit meint.
 

MICROSOFTS GESCHEITERTE ÜBERNAHMEN


Es gibt Unternehmen, die haben die Integration von übernommenen Unternehmen perfektioniert. Der Netzwerkausstatter Cisco ist ein solches Unternehmen, CEO John Chambers hatte im Jahr 2000 Cisco durch Übernahmen zum vorübergehend wertvollsten Unternehmen der Welt gemacht. Bei Microsoft sieht die Bilanz anders aus.

16,9 Mrd. USD hat Microsoft in den vergangenen vier Jahren für Übernahmen ausgegeben. Skype im Jahr 2011 für 8,5 Mrd. USD, Skype steuert zwar noch wenig zum Unternehmensgewinn bei, doch sieht Microsoft noch immer einen hohen Wert in der Online-Chatplattform. Doch nun kommen die Fehlschläge:

Nokia wurde 2014 für 7,2 Mrd. USD gekauft, inzwischen wurden auf Nokia 7,6 Mrd. USD abgeschrieben. aQuantive wurde 2007 für 6,3 Mrd. USD gekauft, 6,2 Mrd. davon wurden abgeschrieben. Übernahmen von Mojang und Yammer wurden zwar nicht abgeschrieben, doch einen nennenswerten Umsatz- oder Gewinnbeitrag liefern sie nicht.

Mit 26,2 Mrd. USD ist LinkedIn die bislang mit Abstand größte Übernahme von Microsoft, es handelt sich um die fünftgrößte Übernahme im Tech-Sektor aller Zeiten. Für Microsoft ist jedoch selbst diese Übernahme durch Barmittel aus der Portokasse zu zahlen, denn es liegen 105 Mrd. USD Barreserven bei Microsoft in der Bank.
 

ERFOLGREICHE CLOUD-STRATEGIE


Schon heute verfügt Microsoft über eine der erfolgreichsten Cloud-Strategien. Bei genauerer Betrachtung entpuppt sich in meinen Augen Microsoft als das aussichtsreichste Cloud-Unternehmen dieser Tage.

Zwar ist die Amazon Cloud (Amazon Web Services, AWS) mit 32% Marktanteil die mit Abstand größte Cloud der heutigen Zeit. Es folgen die Microsoft Azure mit 10%, IBM mit 7%, Google mit 4% und Salesforce mit 3% Marktanteil. Doch die Wachstumsraten geben ein anderes Bild.

Hier liegt Microsoft mit 124% Umsatzwachstum im Vergleich zum Vorjahr vorn, gefolgt von Google mit 108%, Amazon mit „nur" 63%, IBM mit 57% und Salesforce mit 40% Wachstum.

Amazon nähert sich mit 63% Wachstum einem reifen Markt, während Microsoft und Google noch ungestüm wachsen. Amazon versorgt vorwiegend innovative, kleine Unternehmen mit der Infrastruktur für Kundendienstleistungen wie Musikstreaming oder Drop Boxen und ähnliches. Microsoft und Google hingegen versuchen, die B2B-Welt in die Cloud zu lenken. Und da sieht es ganz anders aus.

Die B2B-Cloud muss deutlich höhere Sicherheitsanforderungen erfüllen. Während Privatanwender gerne mal sorglos ihre Musikdateien oder Photos in die Cloud hochladen, dürfen Unternehmen diese Sorglosigkeit nicht an den Tag legen. Daher brauchte die B2B-Cloud ein wenig länger, bis sie ans Laufen kam. Nun jedoch setzt die B2B-Cloud zum Sprint an und wird schon bald die Private Cloud überflügeln.

In der B2B-Cloud ist heute schon Microsoft Azure die größte Cloud, gefolgt von Amazon Web Services, Google, IBM, Oracle und Citrix. Sie sehen, in der B2B-Cloud sieht es ganz anders aus. Wer einmal gesehen hat, wie viele Nutzer gleichzeitig in einem Google-Textdokument arbeiten, ohne dass es zu Redundanzen oder Inkonsistenzen kommt, der bekommt eine leichte Vorstellung davon, was möglich ist und was dabei berücksichtigt werden muss.
 

VISIONÄRE AUS DEM SILICON VALLEY


Das Silicon Valley ist weltweit zum Synonym für disruptive Entwicklungen geworden. Neuerungen, die in der alten Welt keinen Stein auf dem anderen lassen. Die vernetzte Welt in der Hosentasche ermöglicht völlig neue Geschäftsmodelle, doch die müssen entwickelt und ausprobiert werden. Dieser gedankliche Ansatz wird im Silicon Valley jedem Kind beigebracht. Wer wirklich Neues schaffen will, der geht ins Silicon Valley.

Microsoft sitzt jedoch in Redmont, Seattle, Washington State. Ziemlich unsexy. Und Microsoft ist bereits ein Dinosaurier in der IT-Welt.

LinkedIn hingegen ist noch keine zehn Jahre alt, sitzt im Silicon Valley und verfügt über 10.000 junge, talentierte Mitarbeiter, die allesamt die Welt verändern wollen. Ich wüsste keinen besseren Weg für Microsoft um an 10.000 talentierte IT-Experten zu kommen. Zudem hat sich LinkedIn einen Namen auf dem Arbeitsmarkt gemacht. Die professionelle Kontaktpflege über LinkedIn hat schon manche Tür zum Traumjob geöffnet. Es würde mich andersherum nicht wundern, wenn Microsoft in der Zukunft die über LinkedIn gesammelten Informationen für die eigene Personalsuche verwendet.
 

KUNDENBEZIEHUNGEN INTENSIVIEREN


Doch was Microsofts CEO Nadella mit seiner oben zitierten Aussage des Zusammenwachsens der B2B- und social-Cloud meinte, geht darüber hinaus. Er möchte seine Vertriebsmannschaft in die Lage versetzen, die Kunden Microsofts noch besser zu kennen. Wie wäre es, wenn die LinkedIn-Profile in die Hilfe-Funktion von Microsoft Excel eingebunden werden. Sie suchen über die Hilfe-Funktion die Möglichkeit, eine bestimmte Formel in Excel zu hinterlegen und das System schlägt Ihnen LinkedIn-Profile vor, die diese Qualifikation besitzen.

In der Cloud kollaborieren und bei Fragen und Problemen sofort den richtigen Ansprechpartner haben, der online natürlich direkt auf die eigene Datei zugelassen werden kann und das Problem löst. Finde ich ziemlich attraktiv, muss ich zugeben.

Natürlich sitzt Microsoft auf sämtlichen Informationen und kann darüber sowohl qualifizierte Fachkräfte lokalisieren, als auch dem Kunden passende Produkte vorschlagen.
 

VISIONEN HABEN KEIN PREISSCHILD


Natürlich ist LinkedIn keine 26 Mrd. USD wert. Das Unternehmen ist an seine Wachstumsgrenzen gestoßen und konnte im jüngsten Quartal die Erwartungen der Analysten insbesondere hinsichtlich des Umsatzwachstums nicht mehr erfüllen. Und eine rückläufige Wachstumsgeschwindigkeit führt zwangsläufig zu einem deutlich niedrigeren Marktwert und erst nach zwei bis drei Jahren kann man erkennen, wohin die Reise bewertungstechnisch geht. Für das noch junge Geschäftsmodell von LinkedIn wäre eine solche Phase ziemlich gefährlich, weil das Unternehmen mit negativer Presse zu kämpfen hätte, wo doch weiterhin hohe Investitionen getätigt werden müssten.

Für LinkedIn ist die Übernahme zu diesem Preis in dieser Phase also ein Segen. Herzlichen Glückwunsch.

Microsoft hingegen steht mit dem Rücken zur Wand. Das Windows-Geschäft ist rückläufig, PC-Absätze gehen zurück. Und die Abenteuer der vergangenen Jahre haben keinen Nachfolger hervorgebracht, der mit dem Umsatz von Windows zu vergleichen ist. Office 365 ist auf einem guten Weg, doch es fehlt noch ein gutes Stück, bis dieses Cloud-Geschäft groß genug ist.

LinkedIn passt in meinen Augen wunderbar in die Strategie Microsofts. Ob der Kaufpreis irgendwann einmal durch LinkedIn-Gewinne zurückgezahlt werden kann, ist da gar nicht so wichtig. Wichtig für Microsoft ist die Vision, wie wir in der Zukunft arbeiten werden. Und da ist eine Kollaboration über die Cloud der Kern der Entwicklung, und Microsoft möchte da den Ton angeben. Mit LinkedIn kann das gelingen.

3,2 Mrd. USD Umsatz mit 26 Mrd. USD Kaufpreis zu versehen, ist also gar nicht der richtige Maßstab. Es geht um die Beweglichkeit des Dinosauriers Microsoft in der Cloud. Dazu liefert LinkedIn eine ganze Reihe von sinnvollen Komponenten, wie in dieser Analyse gezeigt.
 

KURSVERLAUF VIELVERSPRECHEND


Satya Nadella hat den Microsoft-Konzern seit seinem Amtsantritt wiederbelebt. Er hat den Konzern auf die B2B-Welt fokussiert und Wachstum im Cloud-Geschäft erzeugt. Die Aktie ist in den vergangenen zwei Jahren von 30 auf bis zu 55 US-Dollar angesprungen.

Jetzt muss Nadella zeigen, dass sein Richtungswechsel im Microsoft-Konzern auch nachhaltige Wachstumsraten erzeugen kann, und dazu braucht er LinkedIn. Seit dem vergangenen Herbst ist die Aktie zwischen 55 und 50 USD hin und her gependelt, eine Entscheidung steht nun an. Mit dem KGV 2017e von 17 kann Nadella die Microsoft-Bewertung nicht rechtfertigen, denn das Gewinnwachstum von 8% ist rückläufig. LinkedIn muss schon bald neues Wachstum für den Konzern ermöglichen.

Auf der anderen Seite hat Nadella angekündigt, LinkedIn als eigenständige Einheit im Microsoft-Konzern zu belassen. Eine vollständige Integration unter dem Namen Microsoft wird also nicht stattfinden, entsprechend sind auch weniger Reibungsverluste im Prozess der Eingliederung zu fürchten. Belastend könnte sich also höchstens der hohe Kaufpreis auswirken, weitere Negativ-Schlagzeilen sind vorerst nicht zu erwarten. Entsprechend dürfte die Aktie bei 50 US-Dollar eine gute Unterstützung haben.
 

BEWERTUNG FAIR


Gelingt es Mardell, Wachstum zu erzeugen, dann wird die Aktie aus der Handelsspanne zwischen 50 und 55 US-Dollar nach oben ausbrechen. Doch so etwas braucht seine Zeit, ich würde in den nächsten Wochen nicht damit rechnen. Gleichzeitig gibt es bei 50 US-Dollar eine starke Unterstützung, die aufgrund der geringen Gefahr negativer Schlagzeilen halten sollte. Das zweifache KGV zur Wachstumsgeschwindigkeit (17/8= 2,125) ist für einen Marktführer in Ordnung.

Auch die Dividendenrendite von 1,4% gibt weder Anlass zur übermäßigen Freude, noch im aktuellen Niedrigzinsumfeld Anlass zum Unmut.
 

FAZIT:

In den kommenden Wochen wird es viele Berichte über die Chancen und Risiken der LinkedIn-Übernahme geben. Die Aktie wird daher in erster Linie durch Meldungen getrieben werden, während die Bewertung in meinen Augen derzeit fair ist. Es gibt keinen Grund, die Aktie überstürzt zu kaufen, noch zu verkaufen. Wer jedoch einen langfristig soliden Titel ins Depot holen möchte, der kann die Aktie an schwachen Tagen einsammeln. Strategisch hat CEO Nadella ein gutes Näschen bewiesen und sollte meiner Einschätzung nach den Microsoft-Konzern damit auf einem guten Wachstumskurs halten.
 

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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