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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 27.11.2015

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 27.11.2015:

Börsenbrief Heibel-Ticker
Heibel-Ticker

Stephan Heibel - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit März 2000

Mehr von dem, was bislang nicht funktionierte

Wie können die Börsen ansteigen, wenn die Türkei ein russisches Kampfflugzeug abschießt? Diese Frage hat mich diese Woche beschäftigt und die Antwort ist: Die Frage ist falsch. Der Russische Börsenindex RTS ist um 1% abgerutscht. Der türkische ISE gab sogar um 6,2% nach. Der Nikkei notiert heute unverändert zur Vorwoche und der Dow Jones konnte lediglich magere 0,5% nach oben klettern, auf Jahressicht ist der Dow Jones nach wie vor im Minus.

Keine Allianz in Aussicht

Da hielten sich die Menschen der westlichen Industrienationen nach den Terroranschlägen von Paris für einige Tage an der Hoffnung fest, eine internationale Allianz gegen den IS schmieden zu können, und nun ist die Zwietracht innerhalb der geplanten Allianz offen zu Tage getreten. Russland als auch die Türkei verfolgen ihre eigenen Ziele. Ein gemeinsamer Nenner ist in so weiter Ferne, dass die Türkei einen russischen Kampfjet abschoss - sei es, weil die Russen provozierten oder sei es, weil die Türken einen Denkzettel austeilen wollten.

Wie das heftige Minus im türkischen Index zeigt, gehen Anleger davon aus, dass die Folgen dieses Vorfalls zum Nachteil der Türkei sein werden. Erdogan steht nun alleine im Abseits, Putin rückt ein wenig mit Europa zusammen, soweit das vor dem Hintergrund der nach wie vor tobenden Ukraine Krise überhaupt möglich ist.

Der DAX ist um 2,1% angesprungen. Und die Antwort für diesen Kurssprung konnte ich nicht in dem Vorfall zwischen der Türkei und Russland finden, sondern am Devisenmarkt: Der Euro ist um weitere 0,7% gegenüber dem US-Dollar abgerutscht und notiert nahe seinem Tief vom März dieses Jahres. Anleger erwarten in der nächsten Woche die Ankündigung weiterer Liquiditätsmaßnahmen durch EZB-Chef Mario Draghi, gleichzeitig geht man derzeit von einer ersten Zinsanhebung in den USA durch Fed-Chefin Janet Yellen noch im Dezember aus.

Euros werden also weiter unter Volldampf gedruckt, vermutlich nochmals beschleunigt, während die US-Dollar langsam verknappt werden. Kein Wunder, dass der Euro gegenüber dem US-Dollar weiter an Wert verliert. Goldman Sachs geht vom Erreichen der Parität in den kommenden Monaten aus. Ich auch.

Schauen wir und gleich mal die Wochenentwicklung der wichtigsten Indizes an:

WOCHENPERFORMANCE DER WICHTIGSTEN INDIZES

 

Geldpolitik und ihre Auswirkungen 

Die Rendite der 10-Jahre laufenden US-Staatspapiere ist im laufenden Jahr nahezu unverändert geblieben (+1,9% auf 2,23%) während die Rendite der deutschen Umlaufrendite im Vergleich zum Jahresbeginn um 29,2% auf 0,23% abgesackt ist. Auch dies ist eine direkte Folge der Geldpolitik.

In diesen Tagen mehren sich die Artikel, dass das schwache Wirtschaftswachstum in Euroland der nach wie vor zu restriktiven Geldpolitik zu verdanken sei. Mehr Liquidität sei notwendig, um die Kreditvergabe anzukurbeln, denn nur Kredite, so die Argumentation, führten mittelbar zu Wachstum.

Das mag rechnerisch stimmen, doch ich möchte zwei Gegenargumente zu Bedenken geben: Zum einen hat bereits Keynes zu diesem Thema die Liquiditätsfalle beschrieben: Zu niedrige Zinsen führen irgendwann eben nicht mehr zu einer weiteren Erhöhung der Kredite, sondern verlieren ihre Wirkung. Genau das beobachten wir ja bereits in Europa, denn die Liquiditätsflutung der EZB führt eben nicht mehr zu dem gewünschten Effekt der Investitionsförderung.

Und das zweite Gegenargument ist für Zahlenmenschen schwer nachvollziehbar: In den USA werden seit jeher wirtschaftliche Probleme durch Liquiditätsflutung gelöst. Nicht umsonst hat die Fed auch das Ziel der Vollbeschäftigung in ihre Statuten geschrieben, im Gegensatz zur EZB. Die Lösung wirtschaftlicher Probleme durch mehr Investitionen führt zu schnelleren Innovationszyklen, nicht aber zu besseren Innovationen. Geschwindigkeit wird zum Erfolgsfaktor, ein Umstand, der für mich letztlich entscheidend war, die USA nach zwei Jahren wieder zu verlassen.
 

Lieber langsam, aber gründlich?

Nicht umsonst sagt man deutschen Produkten eine lange Lebensdauer nach. Man nimmt sich häufiger als in den USA die Zeit, eine Innovation ordentlich zu Ende zu denken. In schnelllebigen Branchen sind deutsche Unternehmen daher kaum vertreten. Bei Investitionsgütern hingegen, wo eine lange Lebensdauer erfolgskritisch ist, führen deutsche Produkte.

Aber auch im täglichen Leben sowie am Arbeitsplatz halte ich die etwas langsamere Gangart in Deutschland für gesünder.

Je schneller das Geld in Ihren Händen an Wert verliert, desto hektischer werden Sie sich Gedanken um Ihre Altersvorsorge, um Ihre Anlage- oder gar Investitionsmöglichkeiten machen. Die USA sind mit dieser Methode schneller aus der Wirtschaftskrise 2009 herausgekommen, doch zu dem Preis der permanenten Unruhe im täglichen Leben der Amis. Dass der US-Dollar nun so viel fester gegenüber dem Euro notiert, ist lediglich eine relative Betrachtungsweise, denn das Pendel war lange Jahre zugunsten des Euros ausgeschlagen und schlägt derzeit nur einmal kurz zurück.

Supermario wird vermutlich nächste Woche dafür sorgen, dass dieser Rückschlag des Pendels noch ein wenig heftiger und ein wenig länger anhalten wird.

Also: Der IS wird mit noch mehr Waffen bekämpft statt ihm die Nachschubwege für Waffen abzuschneiden. Unsere schwache Wirtschaft wird mit noch mehr Liquidität bekämpft, statt die strukturellen Defizite anzugehen.

Schauen wir einmal, wie die Stimmung unter den Anlegern auf diese Entwicklungen reagiert.

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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