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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 30.06.2009

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 30.06.2009:

Börsenbrief Heibel-Ticker
Heibel-Ticker

Stephan Heibel - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit März 2000

Kommunistische Züge Bernankes?

Wovor haben die Amerikaner wohl am meisten Angst? Nun, dass ihr Land in den Kommunismus abrutscht! Und genau diese Angst wird derzeit geschürt, so dass die Aktienmärkte keine Chance haben, nach oben zu laufen.

Am Mittwoch warf US-Senator Issa dem US-Notenbankchef (Fed-Chef) Ben Bernanke vor, bei der Übernahme von Merrill Lynch durch die Bank of America dem CEO der BofA die Pistole auf die Brust gesetzt zu haben, dass er Merrill zu einem bestimmten Preis zu übernehmen habe und andernfalls seinen job verlöre.

Nachdem schon die Einmischung von Obama bei General Motors, mit dem Resultat, dass Rick Wagoner seinen Hut nehmen musste, sehr kritisch gesehen wurde, ist dies nun mit Empörung von der Öffentlichkeit aufgenommen worden. Wie kann der Notenbankchef seine Macht so missbrauchen, um seine eigenen Interessen durchzusetzen: Übernahmen sind noch immer privatwirtschaftliche Vorgänge und insbesondere die Preisfindung muss den beiden Vertragsparteien überlassen werden.

Doch Issa zückte E-Mails aus denen seiner Ansicht nach klar hervorgeht, dass Bernanke dem BofA CEO Ken Lewis mit Rausschmiss gedroht habe. Gestern gab es dazu eine Anhörung, in der Bernanke mit all diesen Vorwürfen konfrontiert wurde und dazu Stellung nehmen konnte. Ich habe mir diese Anhörung angeschaut.

Es sind natürlich die Republikaner, also die Obama- und Bernanke fremden Senatoren, die den Vorwurf erheben. Doch die Beweisführung war sehr zweifelhaft auf der einen Seite, und die Umstände, in denen Bernanke dies getan haben soll, sind sehr turbulent.

Sie müssen sich die Situation vom vergangenen November in Erinnerung rufen: Lehman Brothers war kurz zuvor pleite gegangen und drohte, das Weltfinanzsystem aus den Angeln zu heben. Die Fed hatte alle Hände voll zu tun, den weltgrößten Versicherer AIG zu retten, einmal abgesehen von den dutzenden anderen Banken, die ebenfalls kurz vor der Insolvenz standen.

Obama hatte erst Anfang November die Präsidentschaftswahlen gewonnen, so dass alle Augen auf die Nominierung der neuen Regierungsmannschaft gerichtet waren, die scheidende Bush-Mannschaft hielt sich bewusst zurück, da das Wahlergebnis ein deutliches Zeichen gegen die Bush-Politik gesetzt hatte.

So blieb die Fed in dieser Situation als eine der wenigen Organisationen voll funktionstüchtig und Bernanke wandte sich in dieser Zeit von der Laissez-faire Politik Bushs ab. In den folgenden Wochen übernahm Bernanke die Verantwortung für die Finanzkrise und implementierte eine Vielzahl von liquiditätsschaffenden Maßnahmen im Markt: Zinsen auf Null, unlimitiertes Aufkaufen von Bankpapieren und Akzeptierung von CDOs und MBSs als Sicherheiten.

Sie kennen meine Ansicht zur Finanzkrise: Die Fed ist sicherlich mit Schuld an deren Erzeugung gewesen! Insbesondere Alan Greenspan war viel zu lasch mit seiner Geldpolitik. Bernanke hat diese lasche Haltung lange Zeit übernommen und erst zum Jahreswechsel anlässlich der Wahl Obamas seine Strategie zum Positiven geändert. Ja, zum Positiven! Ich habe zum Jahresanfang deutlich gemacht, dass Bernanke aufgrund seines Strategiewandels vom Feind zum Freund von mir wurde.

Und wenn ich mir den Aufschwung an den Finanzmärkten betrachte, dann sind die weltweiten Konjunkturprogramme ein wichtiger Bestandteil, Bernanke hat diese direkt und unverblümt eingefordert, aber die Basis für den Aufschwung an den Börsen hat Bernanke gelegt indem er ausreichend Liquidität zur Verfügung stellte.

Sie können davon ausgehen, dass an der Wallstreet viele Händler wissen, dass die 40% Kursgewinn der vergangenen Monate Bernanke zu verdanken sind und nicht Obama und auch nicht Bush.

Und nun wird Bernanke als Kommunist an den Pranger gestellt. Die E-Mail, die Issa als Beweis vorlas, stammt von einem Mitarbeiter Bernankes, der einem anderen Mitarbeiter eine mehrstündige Unterredung zwischen ihm und Bernanke in wenigen Sätzen zusammenfasste. Aus dieser E-Mail geht klar hervor, dass Bernanke die später gefundene Lösung für die Übernahme von Merrill durch BofA favorisierte und auch, dass er diese Lösung dem Management von BofA nahe legen wolle – doch eine Drohung über einen Rausschmiss von Lewis war dieser E-Mail nicht zu entnehmen. Das war eine sehr weit herbeigeholte Interpretation.

Soweit die Fakten. Ich persönlich kann mir darüber hinaus gut vorstellen, dass Bernanke, wenn er eben die vorgeschlagene Lösung als einzig gangbaren Weg betrachtete, überlegt haben mag, wie diese Lösung durchzusetzen sei, wenn Lewis sich quer stellen würde – was er zunächst tat. Aber von dort bis zum Rausschmiss ist noch ein weiter Weg und vor dem Hintergrund der Turbulenzen im November ist es nur zu verständlich, dass alle Möglichkeiten und Unmöglichkeiten auf den Tisch gebracht wurden.

Ich glaube aber, dass es noch einen anderen Hintergrund für diese Schmitzkampagne gibt: Obama spricht vollmundig von schärferen Regeln für die Finanzmärkte und stärkeren Kontrollen. Und so wie es derzeit aussieht, sollen die Kontrollen überwiegend von der Fed koordiniert werden, was mit einer weiteren Machtzunahme der Fed einhergehen würde. Doch die Fed ist vielen bereits heute zu mächtig. Und, schlimmer noch, sie ist nach Ansicht vieler (auch Ihres Autors) maßgeblich Schuld an der US-Dollarabwertung, Internetblase und heute Immobilienblase.

In Europa mit einer unabhängigen EZB haben wir, einmal abgesehen vom Überschwappen der US-Probleme, kaum eigene Blasen, die uns zu schaffen machen.

Ich kann also die Angst der Amerikaner verstehen, der Fed noch mehr Macht in die Hände zu geben. Ich würde, so wie ich das schon vor 15 Jahren im Studium gelernt habe, das europäische System bevorzugen, wo die Fed weniger Macht hat, dafür aber vollständig unabhängig in ihrem Bereich ist.

Aber gut, lassen wir uns überraschen, was bei den Amis herauskommt. Derzeit reicht es mir zu wissen, dass im Rahmen der Verhandlungen über die neuen Finanzmarktregeln und –kontrollen immer wieder Schmutz in Richtung Fed und Bernanke geworfen wird.

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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