King Digital Entertainment Plc.: Verrückt nach Süßem – Candy Crush

Veröffentlicht von Stephan Heibel am 06.05.2014
Dies ist eine exklusive Leseprobe von:

Heibel-Ticker

Mit Candy Crush hat King Digital einen Hit in der Spielebranche gelandet, der Milliarden in die Kasse spielt. Doch ein solcher Hit ist schwer zu reproduzieren, entsprechend ist eine Bewertung dieses Unternehmens mit herkömmlichen Kennziffern schwerlich möglich. Ein extrem günstiges Kurs/Gewinn-Verhältnis bei exorbitanten Wachstumsraten steht einer eroierenden Zahlungsbereitschaft der Spieler gegenüber, der Hype droht zu verfliegen.


Verrückt nach Süßem – Candy Crush


Soeben hat King Digital Quartalszahlen veröffentlicht, und auf den ersten Blick sehen alle Kennziffern positiv aus ... bis auf eine Ziffer im letzten Absatz der Meldung: Die MUPs. Wir begeben uns in eine völlig neue Welt mit King Digital, um den derzeitigen Aktienkurs zu verstehen und um uns eine Meinung über die künftige Entwicklung zu erarbeiten. Ja, auch für mich hält King Digital Kennziffern parat, von denen ich zuvor noch nie etwas gehört habe.

King Digital Entertainment ist eine irische Softwarefirma mit Sitz in Dublin, die seit Gründung im Jahre 2003 diverse Spiele mit mäßigem Erfolg auf den Markt gebracht hat. Im Jahr 2013 landete das Unternehmen mit Candy Crush Saga einen fulminanten Rekord: Das Spiel wurde weltweit zur Volkskrankheit und zog seine Spieler in den Bann. In einer Anlehnung an Tetris müssen bei Candy Crush verschiedenartige Bonbons in eine Reihe gebracht werden, um Punkte zu erhalten.

Ich habe mir das Spiel extra für diese Analyse auf mein iPhone geladen und muss sagen, dass es sehr schön gemacht ist, gute Sounds hat und witzig animiert ist. Wer Tetris mag, wird Candy Crush lieben.

King Digital hat jedoch in sein Spiel einen Suchtfaktor sowie einen Bezahlfaktor eingearbeitet. Ihre Spielerfolge können Sie direkt auf Facebook posten und damit Ihre Freunde auf dem Laufenden halten, wie gut Sie durch die verschiedenen Levels durchkommen. Für die meisten unter Ihnen ist dieser Suchtfaktor genauso fremdartig wie für mich, aber unterschätzen Sie nicht die Jugend, die voll auf so was abfährt.

Und wenn Sie fünfmal eine Aufgabe nicht geschafft haben, dann dauert es eine Weile, bis Sie weiterspielen können. Sie haben dann praktisch kein Leben mehr und müssen auf ein neues Leben warten. Wenn Sie nicht warten wollen, dann können Sie sich neue Leben über „In-App-Käufe" kaufen. Sie können auch besondere Crusher kaufen, mit denen Sie mehr Punkte erzielen und damit die Aufgabe leichter erfüllen können. Ein Crusher kostet beispielsweise 1,79 Euro.
 

Einnahmequellen des Anbieters kostenfreier Spiele


In-App Käufe heißt das Zauberwort, das King Digital binnen eines Jahres zu einem Milliardenkonzern gemacht hat. 1,88 Mrd. USD hat der Konzern in den vergangenen 12 Monaten durch diese In-App Käufe umgesetzt. 2012 setzte das Unternehmen noch 7,9 Mio. USD um, 2013 waren es schon 567 Mio. USD. Im Laufenden Quartal sprang der Umsatz nunmehr auf 641 Mio. USD, eine Verdreifachung gegenüber dem ersten Quartal 2013.

Der Gewinn stieg von 52,7 auf 127,2 Mio. USD, je Aktie bedeutet das ein Anstieg von 0,16 auf 0,41 USD, ein Plus von 150% gegenüber dem Q1 im Vorjahr.

Bei solchen Wachstumsraten ist es verständlich, dass spekulativ eingestellte Anleger ausflippen vor Freude. Doch bevor wir über die Zukunftsfähigkeit dieses Geschäftsmodells spekulieren, widmen wir uns einmal den Kennziffern, die das Unternehmen propagiert.
 

Nutzerengagement steigt


Daily Average User (DAU) und Monthly Average User (MAU) sind zwei wesentliche Kennziffern, die King Digital veröffentlicht. Wie viele Nutzer spielen an einem Tag bzw. Monat durchschnittlich Candy Crush?

Nun, diese Zahl befindet sich in einem steilen Aufwärtstrend. Nach 67 Mio. MAUs im Q4 2012 stieg die Zahl über 138 Mio. in Q1 2013 (+112%), 265 Mio. in Q2 (+92%), 361 Mio. in Q3 (+36%) auf 408 Mio. MAUs im letzten Quartal 2013 (+13%). Bei den DAUs sieht die Entwicklung auf niedrigerem Niveau ähnlich aus.

Heute wurde die Zahl für Q1 2014 bekanntgegeben: Mit 481 Mio. MAUs stieg diese Ziffer um 18%. Für den Anstieg wurden insbesondere neue Produkte verantwortlich gemacht. Neben Candy Crush versucht King Digital nun Farm Heroes Saga sowie Pet Rescue Saga groß zu machen. Mit ersten Erfolgen, wie wir sehen, denn das Nutzerwachstum hat wieder leicht angezogen.
 

Zahlungsbereitschaft steigt


Eine weitere Kennziffer des Unternehmens sind die „Monthly unique payers" (MUP), die Anzahl derer, die im Monat einen In-App Kauf getätigt haben. Im Q1 2013 betrug diese Anzahl noch 4,1 Mio., im heute veröffentlichten Q1 2014 stieg die Zahl auf 11,8 Mio. an. Und jeder, der Geld bezahlt hat, hat inzwischen mehr bezahlt als noch vor einem Jahr. Der Umsatz pro zahlendem Spieler stieg von 15,92 auf 18,02 USD/Monat.

Das hört sich nun noch immer phantastisch an. Doch erste Kratzer werden sichtbar, wenn wir die Entwicklung auf die Quartale herunterbrechen. Die In-App Käufe sprangen im Q2 2013 von 4.000 auf über 10.000 MUPs an. Im dritten Quartal erreichten die MUPs mit 13 Mio. ihren bisherigen Höchststand, um bereits im Q4 auf 12,2 Mio. MUPs zurückzufallen. Die heute veröffentlichten Zahlen beinhalten ganz am Ende eine kleine Bemerkung, dass diese Ziffer weiter auf 11,8 Mio. gefallen ist.

Die Entwicklung, die also im Jahresvergleich noch fulminant aussieht, sieht bei der Betrachtung der quartalsweisen Entwicklung schon viel kritischer aus.
 

Zwischenfazit: Rückläufige Wachstumsgeschwindigkeit


Der Hype um Candy Crush hat seinen Zenit bereits überschritten. King Digital erwirtschaftete 78% seines Umsatzes mit Candy Crush und diversifizierte sich im abgelaufenen Quartal, sodass nur noch 67% des Konzernumsatzes von Candy Crush stammen. Doch die neuen Spiele können bislang weder alte Wachstumsraten bei den MAUs und DAUs erzeugen, noch die Spieler vermehrt zu In-App Käufen bewegen.

Börsengang gerade noch rechtzeitig

Am 26. März ging King Digital an die US-Börse (NYSE). 22,2 Mio. Aktien wurden zum Preis von 22,50 USD beim Börsengang (IPO) ausgegeben. 15,5 Mio. Aktien stammten vom Unternehmen selbst und spülten 349 Mio. USD in die Unternehmenskasse. Weitere 6,7 Mio. Aktien wurden von Insidern verkauft.

Am 26. März war der Hype um die Cloud, um Social und um die Highflyer aus 2013 bereits am abklingen. Am 28. Februar haben die meisten dieser Aktien ihre bisherigen Allzeithochs gesehen. Seither erfolgte eine Flut von IPOs, die ein Angebot an Aktien darstellen, das Anleger gar nicht schnell genug aufsammeln können, um Kurseinbrüche zu verhindern.

King Digital wurde mit einer Marktkapitalisierung von 7,1 Mrd. USD belegt. Zum Vergleich: Das ist nur unwesentlich weniger als unser DAX-Unternehmen Merck KGaA. Der IPO-Preis von 22,50 USD wurde bereits in den ersten Handelssekunden deutlich verfehlt, die Aktie startete mit 20,50 USD und fiel am ersten Handelstag bereits auf 19,94 USD. Heute notiert die Aktie nur noch bei 16,50 USD (NYSE 7. Mai um 11:59 Uhr), Tendenz weiter gen Süden.
 

Eintagsfliege


Der Erfolg von Candy Crush war nicht das Ergebnis sorgfältig geplanter Innovationen, sondern eher ein Zufallsprodukt. King Digital hat nichts Revolutionäres erfunden, sondern gerade einmal den Zeitgeist getroffen. Dieser Erfolg wird ausreichen, um ein paar weitere Spiele zu einem beachtlichen Erfolg zu führen, denn allein durch die Bekanntheit von Candy Crush wird King Digital weitere Spiele gut bewerben können. Doch eine Wiederholung des Erfolges halte ich aus mehreren Gründen für unwahrscheinlich.

Zum einen ist Candy Crush zwar gut gemacht, aber es lässt sich leicht replizieren. Derzeit sitzen also Heerscharen von Programmierern daran, ähnliche Produkte zu programmieren. Es gibt schon Aufstellungen von vergleichbaren Spielen, die ggfls. einen kleinen Preis kosten, dafür jedoch auf die In-App Käufe verzichten.

Zum anderen spielen eine ganze Reihe von Faktoren eine Rolle, um einen Hit wie Candy Crush zu landen, die sich im Vorfeld kaum planen lassen. Immer wieder kommt es zu Überraschungserfolgen in der Spielewelt, weil sich ein Spiel plötzlich bei den Massen als „In" hervortut. Ein Spiel ist in erster Linie deshalb „In", weil es viele Likes auf Facebook und Empfehlungen auf ähnlichen Seiten erhält, nicht aber weil es einfach allen anderen Spielen überlegen wäre.

Candy Crush ist in meinen Augen so etwas wie ein Lottogewinn für King Digital. Das Unternehmen hat bislang das Beste draus gemacht: Einen Börsengang, bei dem viele Insider-Aktien verkauft wurden. Nun erhielt King Digital durch den IPO 349 Mio. USD Barmittel und hat damit den Luxus, ziemlich viel Geld in die Suche nach dem nächsten Hit stecken zu können.
 

Bewertungsniveau


5,17 Mrd. USD ist die Bude aus Dublin nun wert. Sollte der Umsatz gehalten werden, dann ist das Kurs/Umsatz-Verhältnis mit 2 durchaus vertretbar. Bei 150% Gewinnwachstum wäre ein entsprechendes KGV vertretbar, auf Basis der heutigen Zahlen beträgt das KGV 14e jedoch nur noch 10. Das ist lächerlich günstig.

King Digital müsste das aktuelle Umsatz- und Gewinnniveau einfach nur halten und wäre extrem günstig bewertet. Doch der Gewinn wächst mit 150% p.a. und der Umsatz hat sich gar verdreifacht. Nach herkömmlichen Bewertungskennziffern der Wallstreet ist King Digital kolossal unterbewertet.

Doch wenn wir uns die Entwicklung in den jüngsten beiden Quartalen anschauen, sieht das Wachstum bereits alles andere als exorbitant aus. Es gibt erste Anzeichen dafür, dass das Wachstum bereits abflaut. Und in der Spielerwelt erfolgen Stimmungswechsel schneller als irgendwo sonst. Was heute außer Mode gerät, kennt morgen niemand mehr.

Zudem möchte ich ein weiteres Argument in den Ring werfen: Die IPO-Flut. In den vergangenen Monaten, seit dem 28. Februar, gab es so viele IPOs, dass es einfach nicht genug Nachfrage für spekulative Aktien wie die von King Digital gibt. Bevor King Digitals Aktien wieder steigen, wird das Unternehmen zuerst eine Reihe von positiven Quartalsergebnissen vorweisen müssen. Der rückläufige MUP muss umgekehrt werden, und unter den neuen Spielen muss mindestens ein weiterer Hit sein.

Andernfalls spiegelt das aktuelle Bewertungsniveau den Erfolg von Candy Crush ausreichend wieder, was jedoch noch keinen Anleger zum Kauf locken wird. Die Aktie wird weiter korrigieren bis sie viel zu günstig ist, vorher gibt es kein Ende des Ausverkaufs.
 

FAZIT: Es ist nicht die Zeit für Zockeraktien


Letztlich könnte King Digital meiner Ansicht nach sogar steigende MUPs ausweisen, also die kritische Kennziffer ins Positive kehren, und dennoch würde der Aktienkurs nicht nachhaltig steigen. Wir haben das bei Yelp gesehen, einem Unternehmen, das kürzlich das beste Quartalsergebnis präsentierte, das irgendein junges Unternehmen des Bereichs Social Media vorlegte. Die Aktie sprang kurz um 10% in die Höhe um anschließend wieder einzubrechen. Heute, nur 10 Tage später, notiert die Aktie wieder unter dem Niveau von vor dem überraschend positiven Quartalsergebnis.

Es ist einfach nicht die Zeit, um in jungen, spekulativen Aktien zu spielen. Mag sein, dass es King Digital gelingen wird, das aktuelle Umsatzniveau zu stabilisieren. Mag sogar sein, dass es dem Unternehmen gelingt, die kritische Kennziffer MUP in Positive zu drehen. Dennoch gibt es keine spekulativ eingestellten Anleger, die Kapital für eine solche Spekulation erübrigen können. Der einfache Grund: Solche spekulativen Aktien, die ungeachtet konjunktureller Schwankungen steigen, sind in schwachen Wirtschaftszeiten gefragt. Derzeit zieht die Konjunktur an, und Anleger suchen nach konjunktursensiblen Aktien. King Digital wird seinen Boden erst tiefer finden.

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