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Veröffentlicht von AB Wirtschaftsdienst GmbH am 21.07.2020

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 21.07.2020:

Börsenbrief Hanseatischer Börsendienst
Hanseatischer Börsendienst

AB Wirtschaftsdienst GmbH - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit Mai 1961

Ist die Börse eigentlich verrückt geworden?

Die aktuelle Aufwärtsbewegung an der Börse ist alles andere als gesund und nachhaltig. Risikokontrolle hat somit weiterhin Priorität.

Ist die Börse eigentlich verrückt geworden? Der DAX notiert bereits wieder in der Nähe der historischen Höchstkurse, obwohl weltweit so viele Länder gleichzeitig in der Rezession stecken wie nie zuvor. Die Realität und die Kurse sind extrem weit auseinandergelaufen. Bereits vor der massiven Belastung durch die COVID-19 Pandemie zeigten die Börsen weltweit deutliche Schwächesignale. Der seit dem Jahr 2009 bestehende Aufwärtstrend drohte zu brechen und nach unten zu drehen. Ohne dieses Virus würden die Aktienkurse wahrscheinlich heute weltweit niedriger notieren.
Doch wie kann dies sein? Schließlich belastet die COVID-19 Pandemie die Unternehmensgewinne in vielen Branchen massiv. Und Gewinne bestimmen doch ganz entscheidend die gerechtfertigte Höhe der Aktienkurse. Befinden wir uns somit derzeit in einer massiven Übertreibungsphase am Aktienmarkt? Eventuell. Denn tatsächlich sind Aktien historisch betrachtet nach diversen Kennzahlen so hoch bewertet wie nie oder kaum einmal zuvor in der Börsenhistorie.
Bei derart hohen Bewertungsrelationen war es in der Vergangenheit oftmals eine gute Entscheidung, Aktien zu verkaufen und die Gewinne mitzunehmen. Also jetzt lieber Aktien verkaufen? Ganz so einfach ist die Entscheidung nicht. Denn es gibt einen wichtigen Unterschied. In der Vergangenheit war es möglich, sein freigesetztes Kapital auf Festgeldkonten oder durch den Kauf von Anleihen weiterhin anwachsen zu lassen. Heute liegt der Zins jedoch bei null und ein Abschied vom Aktienmarkt bedeutet gleichzeitig, dass das frei gewordene Kapital keine Zinsen mehr abwirft.
Die Europäische Zentralbank hat zuletzt ganz deutlich gemacht, dass diese Nullzinspolitik noch geraume Zeit anhalten wird. Dieser zementierte Nullzins rechtfertigt höhere Aktienkurse. Unterstellt man, dass Aktien aufgrund des gegenüber sicheren Zinsanlagen jährlich einen um rund fünf Prozent höheren Zins abwerfen soll, dann ist heute bei diesem Zinsniveau ein KGV um 20 eine normale Aktienbewertung geworden, während in früheren Phasen normaler Zinsen KGVs um 10 bis 14 als günstig galten.
Rekordhohe Aktienbewertungen treffen also auf rekordtiefe Zinsen. Somit lassen sich die Höhenflüge von DAX und Co. durchaus begründen. Dass die aktuellen Kursniveaus durchaus erklärbar sind, bedeutet jedoch keinesfalls, dass die aktuelle Situation nicht gleichzeitig ungewöhnlich riskant ist. Die hohen Aktienkurse sind nur durch die extrem niedrigen Zinsen zu rechtfertigen. Und die Zinshöhe wird nur künstlich von den Notenbanken so niedrig gehalten. Sie sind also keine echten Marktpreise. Auch die Aktienkurse sind dadurch nach oben manipuliert. Davon sollten Anleger weiterhin profitieren. Allerdings sollte jedem Investor klar sein, dass das Fundament dieser Aufwärtsbewegung an der Börse alles andere als gesund und nachhaltig ist. Risikokontrolle hat somit weiterhin Priorität.
Freundliche Börsentage wünscht Ihnen
Matthias Rieger
 

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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