In der Griechenland-Problematik verhärten sich die Fronten

Veröffentlicht von Hans A. Bernecker Börsenbriefe GmbH am 01.06.2011
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Aktionärsbrief

Die Chancen für einen echten Konsens sind in der vergangenen Woche drastisch gesunken. Jede der verhandelnden Parteien zieht sich auf ihren jeweiligen Standpunkt zurück, der aus ihrer Sichtweise zwar nachvollziehbar und richtig zu sein scheint, in der Gemengelage der gegenüberstehenden Position aber keinen echten Lösungsimpuls liefern kann.


 

Der Prüfbericht der „Troika“ dürfte negativ ausfallen. Die Untersuchungskommission, bestehend aus EZB, IWF und EU-Kommission, hat sich in Athen ein Bild der Lage gemacht und wird in den nächsten Tagen das Ergebnis veröffentlichen. Der Chef der Euro- Gruppe, Jean-Claude Juncker, hat bereits in der vergangenen Woche angedeutet, dass der IWF nicht bereit sei, die am 29. Juni nächste fällige Tranche des Hilfskredits an Griechenland auszuzahlen. In diesem Fall müssten wieder einmal die Europäer einspringen.

Tatsächlich scheint sich zu materialisieren, dass die Finanzierungslücke Griechenlands für 2012 und 2013 bei 60 bis 70 Mrd. € liegt. Diese Kosten müssten etwa je zur Hälfte zwischen der EU und dem IWF auf der einen und Athen auf der anderen Seite aufgeteilt werden. Auf Deutschland kämen in diesem Fall weitere Kosten in Höhe von 6 Mrd. € zu.

Eine Umschuldung Griechenlands hätte Vorteile, weist aber auch viele Fußangeln auf.

Die Lösung einer „sanften Umschuldung“, also einer bloßen Fristenverlängerung, ist in den vergangenen 15 Jahren sieben Mal zur Anwendung gekommen. Die durchschnittliche Reduzierung der Schuldenlast betrug 21 %. Nachteil: Selbst eine sanfte Umschuldung mit einer Senkung der Schuldenlast um 10 bis 15 % würde die Rating-Agenturen veranlassen, Griechenland als insolvent einzustufen, was die Rückkehr an den Kapitalmarkt zusätzlich erschwert. Die daraus erwachsenen Nachteile stehen in keinem vernünftigen Verhältnis zum Entlastungseffekt. Eine unfreiwillige Umschuldung („Hair Cut“) mit einem Schuldenschnitt um 50 bis 60 % ist in den Fällen Russland (2000) und Argentinien (2005) zur Anwendung gekommen. Das würde Griechenland ausreichend entlasten, könnte allerdings die Gläubiger, größtenteils Banken, wiederum ins Wanken bringen.

Banken werden ohnehin in Bedrängnis kommen. Unabhängig davon, ob es zu einer weichen oder harten Umschuldung kommt, wird der Interbankenmarkt ähnlich wie 2007/2008 zunächst in eine Schockstarre verfallen. Die Abschreibungen, die die Banken im Fall eines Hair Cuts vorzunehmen hätten, könnten das eine oder andere Institut sogar in Existenznöte bringen. Auf jeden Fall aber wird es zu einem gegenseitigen Misstrauen der Finanzinstitute untereinander kommen, was zu einer Austrocknung des Geldmarktes führen würde. Zudem würde eine Umschuldung Griechenlands eine negative Sogwirkung auf andere finanzschwache Euroländer wie Irland, Portugal oder Spanien ausüben, da diese sich dann ebenfalls nur noch zu höheren Zinsen am Kapitalmarkt refinanzieren könnten.

Ein „default“ Griechenlands könnte im schlimmsten Fall sogar die EZB in Bedrängnis bringen. Jean-Claude Trichet hat in den vergangenen Wochen alles unternommen, um gegen eine Umschuldungslösung zu argumentieren. Fazit: Die Griechenlandproblematik hat sich massiv zugespitzt. Dass es zu einer echten Konsenslösung kommt, ist höchst unwahrscheinlich. 

 

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