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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 22.08.2014

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 22.08.2014:

Börsenbrief Heibel-Ticker
Heibel-Ticker

Stephan Heibel - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit März 2000

Halbwertzeit von Krisen

Hmmm, da war doch noch was... ach ja, die Ukraine! Na klar, auch in Israel ist die Situation alles andere als entspannt. Und die ISIS-Bewegung in Syrien und im Irak? Stand nicht vor gerade einmal einer Woche die ganze Welt noch Kopf und drohte an diesen Auseinandersetzungen zu zerbrechen? Diese Woche sehen diese Probleme gar nicht mehr so dringlich aus. Geht es Ihnen auch so? Haben wir uns an die Krisenherde gewöhnt? Menschliche Katastrophen können die kühlen Rechner der Finanzmärkte stets nur eine begrenzte Zeit in Atem halten.

DAX und Dow Jones sind um je 1,9% angestiegen

Auch der Nikkei kletterte wieder um 1,4 an. Der Dow Jones hat nur noch 100 Punkte, 0,7%, zu einem neuen Allzeithoch. Und die Diskussion in den USA steuert wieder auf die US-Notenbankchefin Janet Yellen zu, die heute im Rahmen des jährlichen Treffens in Jackson Hole die grundlegende Einschätzung der Fed zur US-Konjunktur darlegen wird. Als ob es dort Neuigkeiten geben wird: Die US-Konjunktur zieht an, im kommenden Jahr werden wir die Zinswende erleben. Ob diese nun einen Monat früher oder später kommt, dürfte nur marginale Auswirkungen auf die Wirtschaft haben.

Auch EZB-Chef Mario Draghi wird heute Abend in Jackson Hole reden. Doch auch von ihm sind keine umwälzenden Neuigkeiten zu erwarten: Die EZB wird Staatsanleihen aufkaufen, ungeachtet der Warnungen aus Deutschland. Und er wird das Programm verkünden, wenn weiter schwache Konjunkturdaten aus Europa veröffentlicht werden. Ob das schon im Herbst der Fall sein wird, oder erst später, wird er sich offen halten. Es ist, wenn ich seine Wortwahl nach der jüngsten EZB-Sitzung anschaue - nur noch eine Frage des "wann?", nicht mehr eine Frage des "ob?".
 

Was wirklich relevant ist, wird in Kiew besprochen

Angela Merkel und Vladimir Putin verhandeln. Sie reden miteinander. Ich habe es mehrfach gesagt: Bei aller Kritik an Altkanzler Schröder, die gegenseitige Abhängigkeit Russlands und insbesondere Deutschlands durch die Gaslieferungen zwingt beide Seiten zum konstruktiven Umgang miteinander.

...und während ich dies schreibe, trifft die Meldung auf die Medien, dass der russische Hilfskonvoi mit 90 Fahrzeugen die Grenze überschritten hat, die Ukraine wertet den Schritt als "Invasion". Schwups, da gehen die Börsen wieder auf Tauchstation.

Es ändert aber nichts an meiner Einschätzung der Situation. Merkel und Putin reden miteinander. Zum Glück Merkel und nicht Obama, denn der ist wesentlich kompromissloser als Angela Merkel. Doch ein Kompromiss ist das, was für die Ukraine erforderlich ist.

Es ist Putin nicht möglich, die Ostgebiete der Ukraine aufzugeben, zurück in sein Land zu kehren und eine Niederlage einzugestehen, ohne es nicht zumindest mit dem Militär versucht zu haben.

Gleichzeitig zeigt sich immer mehr, wie sinnvoll die Sanktionen der westlichen Länder gewählt waren. Durch das Verbot der Lieferung von Öl-Ausrüstung gibt es einen weiten Interpretationsspielraum bei der Umsetzung dieses Verbots. Die Ausrüstung für Öl- und Gasbohrungen ist zu einem großen Teil identisch, und es ist meines Wissens bis heute nicht klar definiert, ob Ausrüstungsteile, die sowohl für Öl, als auch für Gas verwendet werden, geliefert werden dürfen oder nicht. Ich würde sagen, es hängt am Verhalten Russlands, wie im Einzelfall entschieden wird.

Und ohne diese Ausrüstung kann Russland sich Berichten zufolge die mit großem Medienrummel verkündete Kooperation mit China von der Backe schmieren. Es ist ohne westliche Ausrüstung nicht in der Lage, die erforderliche Infrastruktur zu errichten. China hat Berichten zufolge eine bereits fällige Anzahlung noch zurückgehalten.

Der Westen hingegen kann jedoch auch nicht mehr Kiew fallen lassen. Die EU und die USA haben sich eingemischt und werden das Land nicht mehr in alte Verhältnisse zurückfallen lassen.
 

Bleibt die Aufspaltung der Ukraine

Eine andere Lösung sehe ich nicht. Nun ist es natürlich Verhandlungssache, welche Gebiete wem zugeschlagen werden, und entsprechend dürfen wir uns noch auf weitere Machtdemonstrationen Russlands gefasst machen - wie beispielsweise soeben die Meldung, dass der Hilfskonvoi die Grenze überschritten hat. Was soll der Westen dagegen unternehmen? Die LKWs bombardieren? Nein, das geht nicht.

Mag sein, dass wir also in den kommenden Wochen die Meldung erhalten, dass die Separatisten wieder erstarkt sind und Teile der Ostgebiete zurück erobert haben. Aber auch das ändert nichts an der Notwendigkeit für alle Beteiligten, einen Kompromiss zu finden.

Könnte der Konflikt dennoch weiter eskalieren? Ich glaube, der Konflikt ist bis zum (meiner Einschätzung nach versehentlichen) Abschuss von MH17 stärker eskaliert, als sich das irgendjemand vorstellen konnte. Entsprechend ist der DAX stärker eingebrochen, als ich das ursprünglich erwartet hatte. Die Reaktion des Westens darauf, harte Sanktionen einzuführen, war ein überfälliges Zeichen an Putin, dass wir uns nicht alles gefallen lassen. Die Nachricht ist angekommen, und was wir seither sehen, ist das Positionieren der Verhandlungsparteien um eine möglichst gute Verhandlungsposition. Ich komme also langsam zu meiner ursprünglichen Einstellung zurück.

Diese Einschätzung hilft, uns wieder auf Unternehmen zu konzentrieren. Ich habe daher heute im Kapitel 04 eine entsprechende Neuempfehlung ausgearbeitet sowie den absehbaren Wandel der Präferenzen von Anlegern in den kommenden Wochen beschrieben. Schauen wir hier zunächst einmal auf die Wochenentwicklung der wichtigsten Indizes:

WOCHENPERFORMANCE DER WICHTIGSTEN INDIZES



Nachlassende Spannungen in der Ukraine sowie die Aussicht auf die Zinswende in den USA drücken auf den Goldpreis, der mit -2,6% Wochenverlierer ist. Ich könnte mir gut vorstellen, dass die angekündigten Staatsanleihekäufe durch die EZB nochmals zu einem neuen Kaufinteresse beim Gold führen werden. Als "Versicherung" hat das Gold nach wie vor einen festen Platz in jedem diversifizierten Portfolio.

Der Baltic Dry Verschiffungsindex ist nochmals um 16,3% angesprungen und steht erstmals seit Juni wieder über 1.000 USD. Eine aktuelle Studie hat zum Ergebnis, dass trotz aller Einschränkungen aufgrund der extrem kurzfristigen Preisschwankungen sowie der starken Abhängigkeit der Preise gerade vom chinesischen Markt die Aussagekraft des Index sehr hoch ist. Der angesprungene Baltic Dry sollte also dieser Studie zufolge bald eine anziehende Weltkonjunktur nach sich ziehen. Wollen wir's hoffen :-)

Diese Aussage unterstützt auch der angezogene Kupferpreis sowie eine weitere Studie, die von einer Bodenbildung des Eisenerzpreises ausgeht.

Schauen wir einmal, wie sich die Stimmung entwickelt hat.
 

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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